Full text: Hessenland (43.1932)

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Türme um Marburg. 
Nicht immer die großen Denkmäler der 
Baukunst sind es, die uns die handwerklichen 
Grundlagen ihrer Entwicklung in genügender Klar 
heit vor Augen führen. Bester gehen wir, um sie 
zu verfolgen, hinaus in die bescheidenen Dörfer, wo 
ein biederer Meister unbefangen und aus seinem 
sachlichen Können heraus seine dabei um nichts 
weniger reizvollen und oft typischen Werke ent 
stehen ließ. Das Bauwerk der ländlichen Ge 
meinde ist ihr Gotteshaus, und der konstruktiv 
schwierigste Teil der in ihrem Baukörper zumeist 
einfachen und auch selten nur Ln Stein eingewölb 
ten Dorfkirche ist das Holzwerk Ln dem Turme 
oder auch in einem nur bescheidenen Dachreiter. 
Die Ausgabe, die an den großen Domen dem 
Steinmetzen zufiel, die statische Sicherheit zugleich 
mit einer eindrucksvollen äußeren Wirkung jenes 
kirchlichen Wahrzeichens zu gewährleisten, galt es 
hrer auf dem Lande für den Zimmermann zu 
lösen. So sind es jene Turmhelme unserer kleinen 
Dorfgotteshäuser, die eindringlicher als alles andere 
eine Vorstellung zu vermitteln vermögen von der 
technischen Fertigkeit sowohl wie auch dem for 
malen Können des alten deutschen Zimmerhand 
werkes. Anders als dies im Steinbau der Fall ist 
find die Grundzüge, nach denen man zimmer 
technisch die am liebsten schiefergedeckten Holzhelme 
gestaltete, innerhalb der gleichen Zeiträume in allen 
deutschen Gauen im Wesentlichen dieselben ge 
wesen, sodaß das geschichtliche Bild ein annähernd 
vollständiges wird, auch wenn man sich bei der Be 
trachtung auf die Denkmäler eines einzelnen Land 
striches beschränkt. Dr. - Ing. Friedrich 
Von Dr.-Jng. G. Ganßauge. 
Stolberg-Kassel hat in einer jüngst im 
Fachblatt-Verlag, Freiburg i. Breisgau erschie 
nenen Arbeit die „T u r m h e l m e in L a h n - 
gebiet und Wetter au" eingehend unter 
sucht und damit einen wertvollen „Beitrag zur Ge 
schichte deutscher Zimmermannskunst" geleistet. 
Zwar find Beispiele, dem rein landschaftlich ge 
wählten Rahmen entsprechend, auch aus dem 
Darmstädtischen, dem Kreise Gießen, auö dem 
nassauischen Kreise Biedenkopf und dem zur Rhein 
provinz gehörigen Kreise Wetzlar gebracht, doch im 
Wesentlichen sind es die Landkirchen um M a r - 
bürg und K i r ch h a i n , an denen der Entwick 
lungsgang des Holzturmes von dem Ausgang der 
romanischen Epoche über die Gotik und das Jahr 
hundert der Renaistance hinweg bis zum „Abbruch 
des organischen Entwicklungöflusseö nach Ablauf 
des Barockzeitalters" dargelegt wird. Damit ge 
winnt die Abhandlung für den engeren Bezirk 
Kurhessens ein besonderes, zugleich heimatkund 
liches Interesse. 
Auö dem frühen dreizehnten Jahrhundert wird 
als einzige die auch in der ganzen Anlage noch r o - 
manische Kirche in Kaldern angeführt, 
deren Turmhelm, wenn auch schon nicht mehr in 
der urtümlichen Form als einfacher Kegel oder als 
Pyramide errichtet, noch nichts anderes darstellt als 
ein durch eine Helmstange, den „Kaiserstil", er 
gänztes Dachwerk. Ein Jahrhundert später ent 
stand der achtseitig gebrochene Helm in K i r ch - 
b e r g bei Lollar. Seine äußere Form, gleichsam 
eine über zwei gekreuzte Giebeldächer gestülpte 
Pyramide, ist dem steinernen Monumentalbau ent- 
Langenstein bei Marburg 
Fronhausen/Lahn 
Stausebach
	        

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