Full text: Hessenland (43.1932)

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hofft, durch das baldige Ausrichten des ihr gegebe 
nen Auftrags, Entschuldigung zu erlangen, daß sie 
nicht unmittelbar selbst Ihre freundliche Zuschrift 
dankbar erwidert, indem ich mich eher als fie be 
eilen kann, Sie, meine Gnädige, aus der hier bis 
her unangenehm empfundenen Ungewißheit zu 
ziehen. 
Mit den treusten Wünschen für unser aller 
Bestes, will ich mich hiermit angelegentlichst 
empfohlen haben. Meiner gnädigen Frau an 
hänglicher gehorsamster Diener I. W. v. Goethe." 
Welch' freudigen Eindruck dieser Brief Goethes 
in Willingshausen hervorrief, beweist ein Brief 
W ilhelmines von Schwertzell vom 
28. Angustí 8z i an ihren Freund Wilhelm 
Grimm o): „ . . . Das Glänzendste, was wir die 
sen Sommer erlebten, war ein äußerst theilneh- 
mender vortrefflicher Brief von Goethe an unsere 
Lotte, darin er eine väterliche Gesinnung für Ger 
hard an den Tag legt und sich in wahrer Behag 
lichkeit ganz köstlich ausdrückt. Er hat Gerhards 
2Dunsch erfüllt, ein kleines Gedicht eigenhändig in 
feine Arabesken zu schreiben, das Sie notwendig 
hier sehen und lesen müsien." 
Inzwischen hatte Reutern, wenn auch verspätet, 
durch Radowitz Goethes Brief vom 23. April 
1831 und das für die Arabeske bestimmte Gedicht 
in Livland erhalten. In dem Schreiben hatte 
Goethe Reuterns Bild ,,Drei Schmalkalderinnen, 
Körbe verkaufend" besonders rühmend hervorge 
hoben: „Das höchst anmuthige Blatt verlangt 
eine besondere Erwähnung; es ist anzusehen als ein 
Meisterstück Ihres Talents, geübten Welt- und 
Naturblicks, technischer Fertigkeit, realistischer 
Darstellung der Gegenstände, dabey eines höchst 
sittlichen Eindringens in die Gemüthsverfasiung 
und Stimmung bis zu den untersten Elasten. Die 
ses Blatt hätten Sie mir nicht so freygebig ver 
ehrt, wären Sie nicht überzeugt, daß ich es von 
Grund aus zu schätzen weiß, und daß es mir das 
größte Behagen giebt, wenn von Ihnen und Ihren 
Vorzügen die Rede ist, wie oft genug geschieht, 
mich nun jederzeit auf ein so vollständiges Zeugnis 
berufen zu können. Verpflichtet ergeben I. W. 
v. Goethe H." 
Hierauf antwortete Reutern, der durch einen 
leichten Choleraanfall abermals an der Ausreise 
nach Deutschland gehindert wurde, im Mai 1831 
mit folgendem, unvollständig erhaltenen Schreiben 
aus Lemsal in Livland, voll Freude über die nun 
von Goethes Hand vervollständigte Arabeske: 
6) Im Grimmschrank der Preuß. Staatsbibliothek. 
7) Der vollständige Brief ist abgedruckt im Goethe- 
Jahrbuch, V. Band, S. 36—37. 
Ewr. Excellenz! 
Schreiben vom 23sten Aprill erhielt ich erst in diesen 
Tagen, nachdem große Besorgniß, es könne verlohren 
seyn, mich lange bekümmert: denn durch meine Frau 
erfuhr ich daß Ewr. Excellenz mir hierher geantwortet 
hatten. Herr von Radowitz, der meine Rückkehr von 
Monat zu Monat erwartete, wird deshalb nicht ge 
wagt haben diesen wichtigen Brief den Zufällen eines 
so weiten Weges anzuvertrauen. Als ich ihm aber end 
lich die Unmöglichkeit herauszureisen melden konnte, 
schickte er ihn sogleich, und ich hatte die unbeschreib 
liche Freude auf einem Krankenlager noch diese tiefe 
Erquickung zu erhalten. Da habe ich denn so recht 
unzerslreuet und empfänglich all' das Liebreiche und 
Erhebende in mir aufnehmen können, ich habe dem ge 
liebten herrlichen Geber von ganzem Herzen gedankt, 
und im Kreise der Meknigen eine so freudige Aufregung 
erlebt, wie sie nicht anders seyn konnte, bei der beson 
deren Verehrung und Anhänglichkeit, welche wir Alle 
Alle für für Sie hegen! 
Meine Arabeske ist nun vollendet, fa ver 
herrlicht und gekrönt, durch die schöne Krone 
Ihrer geneigten und sie erhebenden Worte! Wie kann 
ich's aussprechen, theurer verehrter Herr von Goethe! 
Wie genug das Glück auch preisen, daß ich in dem 
Lichte Ihres Wohlwollens froh mich sonnen darf! 
Alles was Sie jetzt aus Güte geben und was Sie seit 
Jahren in mir würkten, wird ein Denkmahl seyn Ihrer 
Versöhnlichkeit und meines Glückes, und so soll die 
Arabegka namentlich sich auch in meiner Nachkommen 
schaft vererben: sie soll diese schöne Zeit den Meinigen 
vergegenwärtigen und erhalten! 
Ich hatte schon im Sommer durch einen Brief meiner 
lieben Frau erfahren, welche große Freude Ew. Ex 
cellenz ihr gegeben hatten, in dieser verworrenen, be 
sonders auch für sie schmerzlichen Zeit, durch so lieb 
reichen Zuspruch. Es hat sie erhoben, und erhebt sie 
noch oft: wie uns ja auch nothwendig und heilsam ist, 
in unseren Bedrängnissen an der Theilnahme theurer 
Menschen uns aufzurichten, und ich kann wohl behaup 
ten: daß Niemand diese Kraft über uns so sehr auszu 
üben vermag, als Ewr. Excellenz. Also auch für diese 
Wohltat möchte ich den innigsten Dank ausdrücken 
können! 
Gegen meine endliche Rückkehr nach Deutschland 
traten die Cholera Morbus, Quarantaknen und ein 
Krankenlager, wie auch setzt der frühe Herbst hindernd 
auf. So überwiegende Gründe entschieden mein Hier 
bleiben big zum nächsten Frühling, und dieser Entschluß, 
unter so traurigen Umständen, mußte meiner lieben 
Frau, bei allem Schmerzlichen abermaliger getäuschter 
Erwartung, fast beruhigend erscheinen. So ward denn 
alle Hoffnung baldiger Wiederkehr nach Weimar auf 
gegeben, und ich bitte den lieben Gott Sie Alle zu be 
schützen und zu segnen! Ich selbst werde die bevor 
stehende Zeit bei meinem Bruder hier auf dem Lande, 
in hoher heiterer Wohnung und Lage, so lange es nicht 
kalt wird, zubringen; sodann aber zu einem anderen 
Bruder in die kleine Stadt Lemsal ziehen, welche ge 
schützter liegt. Obgleich mein Hierseyn nunmehr ein 
Gezwungenes ward, so kann ich doch nicht umhin, mich 
immer noch der Heymath zu freuen, und auch meine Be 
schäftigungen gehn dahin, dieses Gegebene zu benutzen. 
So sind denn mancherley größere Sachen angefangen 
worden, einige, km Sinn der Schmalkalder Korbmädchen, 
unsre Letten und Rüsten darstellend — einige Portraite 
schöner blühender Versöhnen aus unsrer eignen Fa 
milie, viele kleine Portraite und eine Menge Skizzen 
von allerley vaterländischen Gegenständen, deren ich
	        

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