Full text: Hessenland (43.1932)

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Im Herbst 1830 hoffte Reutern wieder nach 
Willingshausen zurückreisen zu können, nachdem 
sein Wunsch, durch eine persönliche Vorstellung 
am Russtschen Kaiserhof eine Erhöhung seiner 
Militärpenston durchsetzen zu können, in Erfüllung 
gegangen war. Am dritten Tage der Ausreise er 
krankte er jedoch und mußte nach Lamsal in die 
Jkähe seiner Mutter zurückkehren und dort den 
Winter in Ruhe zubringen. Von hier aus richtete 
er an Goethe, den er auf der Rückreise in Weimar 
wiederzusehen hoffte, im Dezember folgenden 
Brief: 
Ewr. Excellenz! 
Um Ewr. Excellenz gütigen Äußerungen in Betreff 
der Malereyen nachzukommen, und zugleich dem Drange 
meines Herzens zu genügen, das nun gezwungener Weife 
die bisher immer noch nahe geglaubte Freude Sie 
wiederzufehn, aufgeben nmßte: habe ich unterdessen die 
Arabeska über Berlin »ach Weimar abgesandt, und 
beehre mich nunmehr Ewr. Excellenz das Resultat der 
Reise, so wie den Grund meines jetzigen Ausbleibens 
mitzutheilen. 
In diesem halben Jahre, seit den guten unvergeß 
lichen Tagen in Weimar, habe ich vielerley erlebt — 
Schmerzliches und Erfreuliches: aber Gott sey Dank! 
am Ende führte doch mein Weg zu dem glücklichsten 
Ausgang. Warschau war ein so ungünstiger Ort für 
mein Gesuch: daß selbst die wohlwollende Fürsprache 
der edlen Frau Großherzogin Kayserlichen Hoheit, und 
ihre Theilname an meinem Streben, es nicht vermoch 
ten, mir Gehör zu verschaffen. Ich bin niemals in 
einer so unerträglichen Lage gewesen! 
Vielleicht waren solche Erfahrungen nothwendig, um 
mich aus den schönen Träumen zu wecken, in welche 
die stille Häuslichkeit von Willingshausen und meine 
lieben Naturstudien mich gewiegt hatten: Aber die Ge 
sundheit unterlag und ich ward, nachdem ich gern den 
fatalen Ort verlassen hatte, unterwegens krank, noch 
ehe das Vaterland erreicht war. Der liebe Gott stärkte 
mich indessen bald zur Fortsetzung der Reise, und so sah 
ich denn, nach beinahe 8 Jahren — meine Mutter, 
meine Geschwister, meine Heymath wieder! — Schmerz 
lich war es, auf den geliebten Gesichtern die Spuren 
so vieler hinzugekommenen Jahre zu erkennen — auch 
sie fanden mich sehr verändert. Wie schärft überhaupt 
die Trennung den Blick und das Herz für das Liebe, 
Alte, Heymathliche, Langentbehrte! Einige Wochen 
wurden bei den Meinigen in unbeschreiblichem Wohl 
behagen verlebt. Ich konnte nicht satt werden alles 
Alte wieder heroorzusuchen und zu thun; ja, selbst die 
vaterländischen Speisen wurden sorgfältig gewählt und 
jedes Fremde ausgeschlossen. 
Darauf reiste ich durch Lievland von einem Ver 
wandten oder Freunde zum anderen, fand überall unver 
änderte Liebe, genoß überall das innige Glück im Vater 
lande, in unserer Familie, zu seyn! Endlich eilte ich 
weiter nach Petersburg, um die in Warschau beynahe 
verunglückte Sache wieder fortzusetzen. Jukowsky 
unternahm mit der Wärme der Freundschaft diese An 
gelegenheit bei allen Hindernissen vorbey, grade an die 
Kayserin, und an den Kayser zu bringen. Sie waren 
durch die Verwendung der Frau Großherzogin schon 
vorbereitet — und da unsre hochherzigen Herrschaften 
jedes gute Streben gern aufnehmen und begünstigen; 
so ward mir auch die Erfüllung aller meiner 
Wünsche, mit Äußerungen einer Anerkennung, die 
mehr noch beglückt und begeistert, als äußerliche Vor 
theile es vermögen. 
So kehrte ich denn froh zu meiner lieben beglückten 
Mutter zurück, und wandte die nöthige Sorgfalt an, die 
Folgen der Warschauer Zeit, an meiner Gesundheit mehr 
noch auszugleichen, um für die Herbstreise nach Wil 
lingshausen Kräfte zu sammeln. Endlich reiste ich ab; 
aber schon auf der Zten Tagereise erkrankte ich so sehr, 
daß ich Z Wochen dort zubringen mußte, um mich einiger- 
inaßen zu erhöhten. Die große Reise in dieser späten 
Jahreszeit mußte ich aufgeben und zurückkehren nach 
Lievland zu meiner guten Mutter, wo ich nun zu über 
wintern beschlossen habe. Im März hoffe ich, zur See, 
die leichtere Rückreise zu machen, und werde mich nach 
Lübeck einschiffen, nicht ohne in Anschlag zu bringen: daß 
mir dag offene Meer ein recht erwünschter Gegenstand 
für Farbe und Pinsel seyn kann. — 
Die Besorgniß um die Meinigen in Willingshausen 
sind, Gott sey Dank, vermindert durch Briefe und 
Nachrichten, die alle von der ungetrübten Ruhe dieser 
Gegend sagen: indessen war die Aufregung der Ge 
müther im Oktober wohl geeignet dort Furcht zu erre 
gen und mich hier über die Entfernung von den Mei 
nigen wahrhaft zu peinigen. 
Den ganzen Monat August brachte ich bei meinem 
geliebten Jukowsky zu und folgte dadurch unserem Hofe 
auf die Luftschlöster des Kaysers nach Peterhof, Je- 
laquin [?] Ostrom und Zarskow Selo, überall bewun 
dernd und genießend, was Natur und Kunst vereint so 
Prächtiges bewürken! Mein Zeichenbuch ist dabei auch 
nicht leer geblieben. Ich hatte das Glück einige große 
und malerische Zeremonien zu sehn, die durch die durch 
die Gegenwardt unseres herrlichen Kaysers und seiner 
Familie, nicht nur glänzender, sondern auch für unsere 
Herzen lieblich wurden. Was ich mit Jukowsky, in 
stillen Momenten und in großen, sahe und erlebte — 
alles war gut, schön, erhebend, vaterländischtheuer, 
und unvergeßlich! 
Ganz ausführlich habe ich unserem guten treuen Ju 
kowsky von meinem letzten Aufenthalte in Weimar er 
zählen müssen, — und wie sind wir auch so oft zu den 
schönen 5 Tagen zurückgekehrt, welche wir zusammen 
in Weimar zubrachten, und die tägliche Hoffnung hatten 
und das tägliche Glück erlebten Sie zu sehn! Guter, 
großer, geliebter, kindlichverehrter Mann! für den ich 
einen rechten Namen wüßte, der meinem Gefühl ge 
nügte — Vater! Wie mächtig und vielfältig haben Sie 
eingewirkt auf mich! Wag danke ich nicht Ihnen! und 
wo mir wieder etwas Gutes und Glückliches kommt, 
und meine Seele sich erhebt — da erkenne ich Ihren 
Einfluß, ja! und den liebe ich von ganzem Herzen! — 
Es ist mir immer fo schwer gewesen vor Ihnen so 
rückhaltend zu seyn — als es doch der Abstand von mir 
zu Ihnen herauf und Ihre eigne Bequemlichkeit mir zur 
Pflicht machte — verzeyhen Sie daher, wenn endlich 
doch die Wahrheit hindurchbrach — und aus dieser 
weiten Ferne ich mich hinreißen ließ einmal das Herz 
alleine reden zu lasten! — 
Sie haben freundlich meine Bilder angesehn, erlauben 
Sie mir das beifolgende Blatt, die Korbmädchen, welche 
ich, als meine letzte Arbeit, auch für die gelungenste 
halte. Ihnen zu verehren. Es ist mir herzliches Be 
dürfniß, Ihnen, von dem ich so viel empfieng und 
empfange, auch aus meinen geringen Kräften etwas 
anzubiethen. Sie werden mir dieses nicht versagen, 
theures hohes Vorbild! dem ich nachstreben will im 
gesunden Auffasten des Lebens und der ächten Kunst! —
	        

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