Full text: Hessenland (43.1932)

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herunterdrücken mußte, was bei den kurzen Bein- 
chen nicht immer ganz leicht war und ab und zu 
daneben ging. 
Von Breslau wurde ich nach Lüneburg versetzt, 
1914—1921. Bis 1917 war ich im Felde und 
zwar in Belgien und in Frankreich. Drei Orgel 
bauer habe ich dort kennen gelernt, denen ich als ge 
strenger Ortskommandant allerlei Erleichterungen 
zukommen ließ. In Meenin war ich nebenamtlich 
Organist für den Feldgottesdienst in der Kirche St. 
Vaast und musizierte dort zusammen mit einer aus 
gezeichneten Württemberger Regimentskapelle zur 
größten Freude des Obermufikmeisterö und seiner 
Leute. Die große Schar der Hoboisten war kaum 
auf der Orgelbühne unterzubringen, aber es wurde 
gemacht und klappte famos. Wir spielten z. B. 
zusammen, ich an der Orgel, „Die Himmel rüh 
men des Ewigen Ehre" von Beethoven, „Tochter 
Zion, freue dich" von Händel, das Gebet des Kö 
nigs aus Lohengrin usw. Die armen Frontsoldaten 
konnten gar nicht genug davon mit in den Schützen 
graben nehmen, und das war für uns eine ganz be 
sondere Befriedigung. 
In Lüneburg war ich auf dem Gebiete des 
Orgelbaues auch nicht untätig und studierte emsig 
die drei großen Orgeln in der Nicolai-, Iohannis- 
und ^Michaeli-Kirche. Der vortreffliche Organist 
der letzteren war der Klavierlehrer meines Sohnes 
nnd der alte Uellner an St. Johannis war als 
Mensch und als Organist ein ganz ausgezeichneter 
und wertvoller Mann, dem ich viele Geheimnisse 
auf meinem Lieblingsgebiet abgelauscht habe. Sein 
Instrument, das er wie einen Augapfel hütete und 
auch selbst stimmte, war ein ganz altes Werk mit 
herrlichen Stimmen, wie man sie heute nur noch sel 
ten findet. Die Nicolaikirche hat, wenn ich mich recht 
entsinne, einen offenen 32 Fuß im Pedal, die tiefste 
Pfeife davon ist also etwa 10 Nieter lang. Da 
mals lernte ich auch einen evangelischen Geistlichen 
kennen, der gleichzeitig Orgelrevisor war. 
1921 kam ich nach Kaffel, wohin man mich als 
alten Hesten — meine Vorfahren stammen aus 
Heiligenrode — eigentlich schon längst hätte hin 
versetzen können. Dort gab mir der inzwischen ver 
storbene Präsident des Landeökirchenamteö, ein 
Schulfreund von mir aus der Rotenburger Zeit, 
Gelegenheit, meine Kenntnisse im Orgelbau auch 
praktisch zu verwerten. Er versah mich mit einem 
Ausweis, wonach ich befugt bin, die Kirchenorgeln 
des Auffichtöbezirks zu besichtigen und zu prüfen, 
und bat mich, über meine Beobachtungen an den 
einzelnen Orgeln eine Niederschrift anzufertigen 
und diese seinem Amt vorzulegen. Auf diese WAse 
sind weit über 200 Kirchenorgeln von mir besichtigt 
und meine Wahrnehmungen dem LandeSkirchen- 
amt mitgeteilt worven, wobei ich hin und wieder 
kleine Mangel an der Klaviatur, an der Traktur 
oder auch an einzelnen Pfeifen sofort abstellen 
konnte. Alles das geschah ohne jede Vergütung, 
mit einer Ausnahme. In der Inflationszeit betrat 
eines Tages ein mir befreundeter Geistlicher aus 
einem hessischen Nachbardorfe mein Dienstzimmer 
in der Regierung — ich liege auf Stube 66. In 
seinem Rucksack, den er über dem schwarzen Geh 
rock trug, befand sich eine Trompete. Auf meine 
Frage, was das zu bedeuten habe, erklärte er mir, 
er sei zu Fuß gekommen und hätte unterwegs anf 
der Landstraße hin und wieder einen Marsch ge 
blasen. Seine Bitte ging dahin, ich möchte ihm 
seine Orgel etwas instand setzen, sie sei ganz un 
brauchbar. Ich sagte zu und wir vereinbarten einen 
Tag, wobei ich noch darauf hinwies, daß ich allerlei 
Werkzeug benötigte, was mir zugesagt wurde. Als 
ich am verabredeten Tag hinkam, prüfte ich zu 
nächst das mir freundlich in Ausstcht gestellte 
Werkzeug. Grundgütiger Gott! Eine Zange, ein 
Hammer, ein Beil und ein Kasten mit Riesen 
drahtstiften, das war alles. Glücklicherweise hatte 
ich selbst etwas Werkzeug mitgebracht, sodaß die 
Schäden in einer Tagesschicht wenigstens not 
dürftig beseitigt werden konnten. Damals erhielt 
ich als Entschädigung einen Rucksack voll Apfel. 
Wiederholt habe ich auch Kostenanschläge der 
Orgelbauer nachprüfen und begutachten müssen, 
wobei ich stets darauf hinwirkte, daß alte Orgel 
prospekte möglichst erhalten blieben und daß alte 
Holzpfeifen, sofern sie noch brauchbar waren, wieder 
Verwendung fanden. Auf diese TÑeise habe ich 
den Kirchen viele Kulturwerte erhalten und den 
Gemeinden viele Kosten erspart. 
Die alte Orgel in der Schloßkirche in Schmal 
kalden ist auf meine Veranlassung mit staatlichen 
Mitteln wieder soweit instand gesetzt, daß sie zur 
Begleitung des Kirchengesanges bei bescheidenen 
Ansprüchen ausreicht. Auch die frühere Orgel in 
der Stadtkirche zu Witzenhausen, die nach Abliefe 
rung der Prospektpfeifen im Kriege nicht mehr zu 
gebrauchen war, ist durch meine Beziehungen zu 
den Orgelbauern und durch das hochherzige Ent 
gegenkommen eines namhaften Industriellen durch 
eine neue ersetzt worden. Leider ist bei der Gelegen 
heit der wunderschöne alte Barockprospekt aus 
Eichenholz abgerissen und auf die Seite geworden 
worden, ebenso die schönen hölzernen Pedalpfeifen 
im Prospekt. 
Eö sei noch zum Schluß angeführt, daß ich mir 
im Laufe der Jahre eine ziemlich umfangreiche, ein 
schlägige Literatur beschafft habe, u. a. das schöne 
und jetzt im Neudruck erschienene Werk von Mr- 
chael Prätorins aus dem Jahre 1619.
	        

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