Full text: Hessenland (43.1932)

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und ein beruhigendes Gefühl, wenn ich im Innern 
der Orgel stano oder faß und die Reihen der großen 
und kleinen Pfeifen still und andächtig bewundern 
durfte. Das Register Posaune i6 fuß erregte mein 
besonderes Intereste, einmal wegen der großen 
Schallbecher und dann wegen des Höllenlärms, den 
diese Pfeifen hervorbrachten, wenn der Organist bei 
feierlichen Gelegenheiten das Register zog. Ich 
habe aber schon damals — ich war inzwischen neun 
Jahre alt geworden — bemerkt, daß die Posaune 
kräftig verstimmt war, was auch heute noch bei 
älteren Zungenstimmen dieser Art öfter der Fall 
ist. 
Einige Jahre später besuchte ich als Ouartaner 
und Tertianer das Gymnasium in dem benachbar 
ten Göttingen, das damals am Wilhelmöplatz lag. 
In unserer Aula, in der täglich eine kurze Mor- 
genandacht gehalten wurde, stand eine kleine Orgel, 
die von einem Sekundaner gespielt wurde. Es war 
üblich, daß der Bälgetreter der neben der Aula lie 
genden Ouarta entnommen wurde. Ich hatte 
Glück, die Bälgetreterstelle war vakant geworden, 
und wahrhaftig, ich bekam sie, denn ich hatte auch 
inzwischen, dank der guten Verpflegung meiner 
Mutter das nötige Körpergewicht erreicht. Mein 
Dienst bestand darin, die Schlüstel beim Pedellen 
zu holen, die Orgel aufzuschließen, den Blasebalg 
zu bedienen und nachher wieder hübsch zuzuschließen 
und die Schlüstel abzuliefern. Damit hatte ich 
außer meiner ehrenamtlichen Lieblingsbeschäftigung 
noch den Profit, daß ich einige Minuten später in 
die Klaste kommen durfte, eine Zeitspanne, die 
natürlich nach Möglichkeit ausgedehnt wurde. 
Meine Bälge trat ich mit Stolz und mit In 
brunst zur Zufriedenheit des Organisten und des 
Lehrkörpers und bedauerte lebhaft, daß ich mit der 
Versetzung nach Untertertia das Amt abgeben 
mußte. Aber soviel ist gewiß, solange ich „Calcant 
am Gymnasium zu Göttingen" war, schritt ich 
hocherhobenen Hauptes durch die Schar meiner 
Mitschüler, die mir alle eigentlich recht dürftig und 
unvollkommen erschienen. 
An den Göttinger Aufenthalt schloß sich eine 
zweijährige Gastrolle in Rotenburg a. d. Fulda, 
wo ich beim Kantor Sinning, der die Orgel in der 
Neustädter Kirche spielte, Klavierunterricht hatte. 
Auf meine Bitte durfte ich Sonntags auf der 
Orgelbühne neben ihm sitzen und ihm zusehen, und 
wenn der Gottesdienst vorbei war, durfte ich auch 
mal ein paar Accorde spielen, aber nicht zu lange, 
denn der Organist wollte nach Hause zum MAtag- 
esten und der Bälgetreter auch. 
Im Dorfe Schwarzenhasel wohnte mir ein 
Schwager, der dort als Pfarrer amtierte. Auch 
diese Gelegenheit wurde reiflich ausgenutzt, um die 
damals neue Orgel gründlich zu studieren. 
1883 kam ich nach Heröfeld. Es ist merkwürdig, 
wenn man für irgend etwas besonderes Intereste 
oder gar Berufseignung hat, dann wird man ganz 
von selbst immer wieder darauf hingewiesen, sein 
Intereste zu fördern und seine Kenntnisse zu er 
weitern. 
Mein Klavierlehrer Wilhelm Anacker in Hers 
feld war gleichzeitig Organist an der Stadtkirche und 
zwar ein ausgezeichneter. Er konnte, wie das heute 
leider nur sehr selten vorkommt, seine Orgel selbst 
stimmen und zwar nicht nur die Zungenstimmen, 
sondern auch die Labialregister. Das habe ich reich 
lich ausgenutzt, ihn beim Stimmen begleitet und 
ihm, soweit möglich, geholfen. Er hat mich aber 
nie auf der Orgel, die er stets sorgfältig unter Ver 
schluß hielt, spielen lasten. Sein Bruder Friedrich 
hatte ein Harmonium. Auch dieser Fr. Anacker, 
dem ich öfter auf seinem Instrument vorspielen 
durfte, hat mir wertvolle Winke im Harmonium- 
und Orgelspiel gegeben. 
Wir Jungen hatten im Spittel am Brink eine 
kleine Orgel entdeckt, die der Lehrer Möhl zu be 
treuen hatte. Es war daran nicht viel zu betreuen, 
denn sie gab nur wenige Töne von sich, selbst bei 
intensivster Betätigung des Blasebalges. Diese 
Orgel, die trotz ihrer Unbrauchbarkeit vom alten 
Herrn Möhl sorgfältig unter Verschluß gehalten 
wurde, ich sehe noch den schönen, altertümlichen 
Schlüstel dazu, wollten wir kaufen, in der Absicht, 
sie wieder spielbar zu machen, , denn die Pfeifen 
waren fast sämtlich vorhanden, das Gebläse war 
noch dicht und auch die Klaviatur intakt. Daö ist 
leider nichts geworden. Als ich eines Tages aus 
dem Semester in die Ferien nach Hersfeld kam, 
war sie fort. Man hatte sie für ganze 10 JÍ ver 
kauft; der Käufer ließ die Zinnpfeifen einfchmelzen 
und den Rest in bleichem Unverstand verbrennen. 
Mir feuchtet sich noch heute das edle M'änner- 
auge, wenn ich an diesen sündhaften Verkauf denke. 
Zum König Echetos mit allen Beteiligten und 
deren Brut! 
Der Vater von Ewald Zickendraht hatte ein sehr 
schönes, Schiedmayersches Harmonium, auf dem 
ich unter Ewalds Aufsicht ab und zu gespielt habe. 
Außerdem stand dort ein ganz kleines Instrument 
chen dieser Art etwa in Form und Größe eines 
Nähtisches. Das Gegenstück dazu hatte der Kirch 
ner Ditzel, der es uns freundlichst lieh, wenn der 
Musikverein unter Cornel's Leitung ein Kirchen 
konzert gab. Das kleine Zickendraht'sche Instrument 
habe ich später, es kann 1906 gewesen sein, gekauft. 
Es befindet sich heute noch in meinem Besitz, ist 
vollständig in Ordnung, wird pfleglich behandelt
	        

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