Full text: Hessenland (43.1932)

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paralleler oder sich spitzwinklig schaarender Staf 
felbrüche als vertikale Verschiebungen oder Ab 
brüche an den ehemaligen Uferrändern des Trias 
beckens, den Außenrändern der Horstmassen, wo 
der Gegensatz in der Zusammensetzung zwischen 
paläozoischen und mesozoischen Gesteinen besonders 
stark war. 
Von ganz besonderer Bedeutung aber stnd die 
sogenanten Grabensenken oder Flözgräben, 
langhingezogene Einmuldungen und Systeme von 
Einstürzen jüngern Trias- und Liasglieder zwischen 
älteren, insbesondere Mittlerem Buntsandstein. 
Sie erreichen Breiten von i—5 Kilometer, er 
strecken sich aber über Längen von 10 ja 50 Kilo 
meter. Diese Gräben zeigen 2—4 vorherrschende 
Richtungen, nämlich die hercynische in SO. — 
NW. Richtung, bie aber streckenweise in NNM>. 
und O.-W. übergeht und die rheinische in S.-N. 
bis SSW.-NNO. Richtung. Es würde zu weit 
führen, alle diese Gräben, die mehr oder weniger 
ihre Eigenart haben, in ihrem von Ort zu Ort 
wechselnden Bau und Verlauf zu besprechen. Der 
längste von allen ist der sogenannte Leinetalgraben. 
Er beginnt im Herzen von Hesten im Knüllgebirge 
bei Steindorf (Blatt Schwarzenborn) und läßt 
sich längs des Efzetales nach Remsfeld und weiter 
über den dortigen Eisenbahntunnel nach Beisheim, 
Wichte, Altmorschen, Spangenberg, Lichtenau, 
Großalmerode, Hundelshausen, Eichenberg ins 
obere Leinetal nachweisen, dem er dann über Göt 
tingen big tief ins Hannöverfche folgt. Ihm ent 
spricht im W. der Muschelkalkgraben von Fritz 
lar, Naumburg, Wolfhagen, Volkmarsen, der 
weiter in dem gefalteten Egggebirge und dem Teu 
toburger Wald seine Fortsetzung findet. Ouer- 
profile durch diese Gräben zeigen, daß es sich ge 
wöhnlich nicht um einfache Einstürze horizontaler 
Schichten zwischen Randverwerfungen handelt, 
sondern um durch viele kleine Brüche zerristene 
Mulden, Sättel und Flexuren. Mehrfach schaaren 
sich auch Gräben, beziehungsweise gabeln sich, kön 
nen stch kreuzen und dann entstehen besonders kom 
plizierte tektonische Verhältnisse und starke Ein 
senkungen, so z. B. bei Großalmerode, Lichtenau, 
Remsfeld, Amöneburg. Indem die Gräben so rn 
verschiedener Richtung ganz Nordhessen durch 
schwärmen, entsteht ein förmliches Netz von Gra 
benzonen und begleitenden Verwerfungen. Oft 
hört ein Graben scheinbar auf, und in der Nach 
barschaft etwas nördlich oder südlich setzt dafür ein 
neuer auf, und das geht so fort wie bei Sprossen 
einer verschobenen Leiter oder bei Kulissen. Als 
Beispiel dafür nenne ich die Reihe der Gräben 
von Fulda, Großenlüder, Salzschlirf, Lauterbach 
am NO.-Rand des Vogelsberg, in deren nordwest 
licher Fortsetzung das Becken von Alsfeld und der 
Graben von Neustadt—Momberg—Mengsberg 
—Winterscheid folgen. 
Mit diesen eingreifenden Gebirgsbewegungen 
gegen Ende der mesozoischen Periode aber war die 
Geschichte dieser Festlandöperiode noch nicht er 
schöpft. Es folgte jetzt eine mächtige Abtragung 
des plötzlich so uneben gewordenen Landes. Überall 
griffen nun die die Oberfläche ausgleichenden 
Kräfte, speziell die atmosphärischen ein und hobel 
ten ab, was zu weit aufragte, solange noch das 
Meer fern war und nicht schützend eingriff. Die 
ganzen jüngeren Ablagerungen des Lias, Keupers 
und Muschelkalks wurden entfernt, stellenweise 
viele Hunderte von Metern, bis der Buntsandstein 
als Grund heraustrat und so die jetzt herrschende 
Buntsteinlandschaft entstand, die mit dem Begriff 
Hessen verbunden ist. Nur da, wo jene Schichten 
in Gräben tiefer eingesenkt und so geschützt waren, 
blieben sie erhalten und erschienen dann oft unmittel 
bar neben dem Buntsandstein. 
Zu Anfang des T e r t i ä r s im Eocän tref 
fen wir dann eine Landoberfläche an, welche etwas 
mehr einer welligen von seichten Tälern und flachen 
Becken durchfurchten Ebene glich. Das ist die so 
genannte präoligocäne Landoberfläche. 
Die Saxonischen Gebirgsbewegungen beschränk 
ten sich indessen nicht auf die eine große Störungs- 
Phase zu Ende der Iurazeit, die man als kim 
merische Faltung bezeichnet, sondern setzte, wenn 
auch in geschwächtem Maße fort gegen Ende der 
Kreideperiode und dann im Früheocän gegen Ende 
deö Eocäns, vor dem Mitteloligocän, vor dem 
Oberoligocän, zu Beginn des Miocäns, im Ober- 
miocän vor dem Ausbruch der Basalte, zu Ende 
des Mäocäns nach den Basaltergüssen, im Mittel- 
pliocän und zu Ende der Pliocäns. Jede dieser mit 
Hebung und Abtragung verbundene Bruchphase 
bewirkte bedeutende Änderungen in den Oberflächen- 
verhältnissen, und da auch gleichzeitig das Klima 
während der Tertiärzeit mehrfach wechselte, wurde 
die geologische Geschichte deö Landes äußerst ab- 
wechslungövoll. Jede Störungsphase schuf neue 
äußere Bedingungen für den Absatz der Sedimente, 
die Flara und Fauni. Man kann in der langen 
Saxonischen Faltungsperiode mindestens zehn bis 
elf verschiedene Störungsphasen unterscheiden, und 
es wird schwer, die einzelnen tektonischen Vorgänge 
darauf richtig zu verteilen. Die relativ kurzen 
exogenen Bruchphasen wurden abgelöst von län 
geren epirogenen Senkungsphasen, in denen neue 
Sedimentierungen vor stch gingen. 
Wichtig war für Hessen besonders die früh- 
eocäne, die späteocäne oder voroligocäne und die 
vormitteloligocäne Störungsphase, weil sse die
	        

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