Full text: Hessenland (43.1932)

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Kirchgang" von Reuterns und Grimms Hand. 
Aus dieser Zeit stammt neben einer Reihe von 
Trachtenbildern („Taufpatin", „Hochzeitsgäste", 
„Trauerzug", „Trauung in der Willingshäuser 
Kirche") eine getuschte Federzeichnung „Wald 
partie im Willingshäuser Wald", welche Reutern 
Goethe schenkte, und welche noch heute im Goethe- 
haus in Weimar zu sehen ist. 
Der Gebrauch der Bruuenkur in Bad Ems 
hatte Reutern in freundschaftliche Beziehungen zu 
dem ihm schon von Petersburg her bekannten rus 
sischen Dichter I o u k o v s k i gebracht, der mit 
Goethe befreundet war. Mät ihm zusammen 
reiste er im September 182-7 Ems nach Wei 
mar, um Goethe einen viertägigen Besuch abzu 
statten. Am 5. September 1827 wurde er von 
Goethe, der sich vorher einige Zeichnungen Reu 
terns angesehen hatte, empfangen. Goethe sprach 
sich sehr anerkennend aus und bewunderte die 
Schärfe der Auffassung und die Sorgfalt der 
Ausführung. Am Abend des 6. September wie 
derholte Reutern seinen Besuch und überreichte 
Goethe Zeichnungen. Als Gegengeschenk erhielt 
er Medaillen. Weitere Besprechungen fanden 
am 7. und 8. September statt. Über diesen Be 
such berichtete Reutern in großer Freude seiner 
Gattin: „Er hat mich nicht nur beruhigt, nein, er 
hoben; voll Erstaunen mich erfüllt über das, was 
Richtiges in meinem dunklen Drange in der Kunst 
gewesen; mir eine Künstlerlaufbahn zuerkannt für 
künftige Bestrebungen; mir einen sicheren Erfolg 
versprochen, wenn ich nur so fortfahre, die Natur 
zu sehen! Zch bin wie in der Seele entzückt und 
mir plötzlich meines Zieles mehr bewußt! Der alte 
herrliche Mann war ganz offen, hingebend, mit 
theilend und ganz unbeschreiblich liebenswürdig, 
aber so, daß uns ordentlich dabei ein Beben über 
kam, ob das alles wahr und nicht ein Traum, 
oder wie wenn ein Höherer sich herabneigte, uns 
heranzuziehen in seine lichteren Regionen, und wir 
freudig staunen und in unbeschreiblicher Spannung 
erfasien möchten, was wir sehen und hören. Über 
meine Arbeiten äußerte sich Goethe folgender 
maßen: „Ich sehe in allen Ihren Zeichnungen 
Nichts, das Sie zu vermeiden hätten; in Allem ist 
klares Anschauen der Natur, wahres Gefühl für 
dieselbe, Auffassung des Charakteristischen und 
Schönen. Durchgehendö ein Gefühl für Zusam 
menstellung und Anordnung; und wo Sie die Far 
ben anwandten, sehe ich satte Farben und daß Sie 
sich nicht scheuen, sie so kräftig zu nehmen, als die 
Natur sie uns zeigt. Sie sehen die Natur immer 
als Bild; das finde ich in Allem. Fahren Sie nur 
fort, malen Sie und so werden Sie sehen, Sie 
können es! Alles macht sich dann, wie von selbst, 
und Sie werden componiren, wie Sie es jetzt kaum 
glauben! Malen Sie und Sie werden schaffen." 
Reutern kehrte nun mit neuer Hoffnung nach 
Willingshausen zurück und arbeitete während des 
Winters und des darauffolgenden Frühjahrs an 
sechs Aquarellbildern: i. sein Schwager Fritz von 
Schwertzell auf der Jagd im freien Felde, 2. der 
Saal im Willingshäuser Schloß mit den vier 
Kindern Reuterns, das jüngste auf dem Schoß der 
Amme im Vordergrund, 3. eine Taufpatin in 
Schwälmer Tracht (Lisbeth Daum aus Willings 
hausen), 4. Hochzeitögäste „geschappelt" (Anna 
Katharina Ort und Johann Riebeling), 5. ein 
Trauerzug (Paul Dörr voraus, dann seine Frau 
und Tochter, Frühlingslandschaft), 6. eine Trau 
ung (Bräutigam Ludwig Dörr, Braut Trinchen 
Neufsel, Metropolitan Schanz, der die Trauung 
vollzieht). 
Diese sechs Bilder sandte er am 20. Dezember 
1628 an Goethe mit folgendem Brief, in welchem 
er ihn um sein sachkundiges Urteil bat. Dieser 
Brief befindet sich nebst den übrigen hier folgenden 
Briefen Reuterns an Goethe im Goethe-Schiller 
archiv in Weimar und wird mit Erlaubnis der 
Direktion hier zum ersten M°al veröffentlicht. 
Der Brief lautet: 
„Ewr. Excellenz 
gütige Theilname an meinen noch so sehr gerin 
gen Bestrebungen in der Kunst, ermuthigen mich zu 
diesem Briefe und zu dieser Mittheilung. 
Als ich im Herbste des vorigen Jahres mit Herrn 
Iukowsky das Glück hatte bei Ihnen zu seyn, haben 
Ewr. Excellenz mir wichtigen Rath und wahrhafte Auf 
muntrung mit so theilnehmendem Wohlwollen ertheilt, 
daß es mich, wie mit innigstem Dank und ehrfurchts 
voller Liebe zu Ihnen erfüllt, also auch meinem Stre 
ben eine neue Zuversicht ja, für das ganze Leben eine 
entschiedene Richtung gegeben hat! 
In dieser größeren Gewißheit und voll von dem 
schönen Ziel, das Sie mir gezeigt haben als erreichbar 
für meine Kräfte, habe ich nun angefangen. Einiges zu 
sammenzustellen mit Beyhülfe der Natur, sowohl in 
Aquarellblldern als auch auf Kupferplättchen radiert. 
Ich fühle aber zu sehr das Unschätzbare von Ewr. 
Excellenz Theilname, daß ich nicht die Bitte uns Ew. 
Excellenz gefällige Ansicht dieser Dinge, und Ihre ge 
wogene Beurtheilung derselben wagen sollte. — 
Möchte mein Streben und Sehnen nach Berichti 
gung und Aufklärung in seinem Orange Ihnen nicht 
beschwerlich fallen und Ihnen höchstverehrter Herr von 
Göthe, keinen unbequemen Augenblick bereiten! sondern 
könnten diese Sachen gerade in einer Zeit der Muße 
und Ruhe zu Ihnen gelangen, Ihre Aufmerksamkeit 
auch nur auf einen Moment fesseln, und eine Beur 
theilung derselben zu meiner größten Freude und Be 
lehrung gestatten! Dann wäre mein innigster Wunsch 
erfüllt, und ich könnte mit neuer Zuversicht und berei 
cherter Ansicht an die Bollendung dieser Arbeit gehen. 
Oie Idee ist, in 6 Bildern die verschiedenen Trachten 
des hiesigen Landvolkes und seiner Umgebung darzu
	        

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