Full text: Hessenland (43.1932)

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Gerhard von Reutern und seine Beziehungen zu Goethe. 
Der ioo. Todestag Goethes (22. Mnrz) ruft 
die Erinnerung an die Künstler und Gelehrten des 
Hessenlandeö wach, welche in näheren Beziehungen 
zu Goethe gestanden haben. Unter ihnen ragt 
namentlich Gerhard von Reutern, der 
Begründer der Willingöhäuser Malerkolonie, her 
vor, der sich der besonderen Gunst und dauernden 
Förderung Goethes in seinem künstlerischen Schaf 
fen erfreuen durfte. 
Zwar war Gerhard von Reutern kein Hesse, 
auch kein Deutscher von Geburt. Aber das Hes 
senland ist ihm zur zweiten Heimat geworden, und 
er stammte von deutschen Eltern ab. Sein Vater 
war sächsischer Kammerherr, gehörte aber zur liv- 
ländischen Ritterschaft. Auf dem Gute seines 
Vaters Rüsthof in Livland wurde Gerhard von 
Reutern am 6. Juli 1794 geboren. Die NAgung 
zum Zeichnen war früh in ihm erwacht, und als 
er 1810 die Universität Dorpat zum Studium 
der Militärwissenschaften bezog, nahm er gleich 
zeitig Unterricht im Zeichnen. 1811 trat er als 
Junker in das russische Heer ein und zog 1813 als 
Leibhusar in den Freiheitskrieg gegen Napoleon. 
Am ersten Tag der Völkerschlacht bei Leipzig 
wurde er an der rechten Schulter so schwer ver 
wundet, daß ihm der rechte Arm abgenommen 
werden mußte. Er brachte es durch strenge Selbst 
zucht so weit, daß er schon 1814 die ersten Blei 
stiftzeichnungen mit der linken Hand anfertigte, 
und im nächsten Jahr war er in der Übung so 
weit fortgeschritten, daß er den Entschluß faßte, sich 
ganz dem Malerberuf zu widmen. 
Zwei Ereignisse sollten in den nächsten Jahren 
von entscheidender Bedeutung für seine weitere 
Entwicklung werden: sein Besuch in Willingshau 
sen im Jahre 1814 und seine Bekanntschaft mit 
Goethe im selben Jahr. Sein Bruder Karl von 
Reutern war mit Juliane Karoline Luise 
Ernestine von Schwertzell aus Willings 
hausen vermählt. Sie war 1787 in ^Willingshau 
sen geboren und starb 1863 in Livland. Ihre 
Eltern waren der Kurhess. Rittmeister Georg 
Ludwig Wilhelm von Schwertzell (geb. 1756, 
gest. 1833) und Luise Amalie von Boyneburg- 
Stedtfeld (geb. 1738), gest. 1623). Schon im 
Jahre 1813 nach seiner schweren Verwundung 
hatten die Schwiegereltern seines Bruders Ger 
hard von Reutern nach Kassel eingeladen. Infolge 
Verschlimmerung seiner Wunde mußte er die 
Reise verschieben. Im August 1814 kam. er zum 
ersten Mal nach Willingshausen und lernte dort 
Von Dr. W ilhelm Schoo f. 
Charlotte von Schwertzell, eine jün 
gere Schwester seiner Schwägerin (geb. 1797), 
kennen. Auf der Reise dorthin war er in Leipzig 
der Kaiserin Elisabeth von Rußland vorgestellt 
worden. Das wurde für ihn der Anlaß, daß er 
auf der Durchreise durch Weimar im Frühjahr 
1814 durch die Fürsprache der Kaiserin von Ruß 
land von der Großfürstin Maria Paulowna, der 
Gemahlin des Erbgroßherzogs von Weimar, emp 
fangen wurde. An der großherzoglichen Tafel 
lernte er Goethe, wenn auch nur flüchtig und vor 
übergehend, kennen, doch machte seine Liebenswür 
digkeit und feine männliche Würde auf ihn einen 
nachhaltigen Eindruck. 
Im Frühjahr 1815 machte er als russischer 
Offizier den Feldzug nach Frankreich mit und be 
gab sich von Paris nach Baden-Baden, um sich 
dort von der Kaiserin von Rußland zu verabschie 
den. Auf der Rückreise nach Willingshausen traf 
er am 23. September in Heidelberg auf den 
Arkaden im Schloßgarten ganz unerwartet mit 
Goethe, der von Frankfurt aus dorthin gereist 
war, zusammen. Über dieses Zusammentreffen 
schrieb er freudig bewegt in sein Tagebuch: „Man 
denke sich meine freudige Überraschung! Nach 
freundlichen Umarmungen und theilnehmenden Fra 
gen, die er mit wahrhaft väterlicher Herzlichkeit 
an mich that, waren wir miteinander an das Ge 
länder der Arkaden getreten. Dort nun sich an 
lehnend, sprach in gemütlicher Stimmung der liebe 
große Mann zu mir mit der liebenswürdigsten 
Vertraulichkeit. Ach, ich hatte ihn nie so gesehen 
und war außer mir vor Entzücken! Der herrliche 
Morgen schien auf ihn kräftig zu wirken, daß sein 
weit umfassender Geist mächtig in ihm herrschte. 
Aus seinen Augen glänzte sein innerer Reichtum, 
während mild und einfach die größten ^Wahrheiten 
über seine Lippen strömten. Ich wagte es, ihn um 
Mitteilung seiner Gedanken und Gefühle über die 
uns umgebende Natur zu bitten; er gewährte 
freundlich und nahm behaglich und ruhig das 
Wort. 2Das er da sagte, ich weiß es nicht mehr 
wörtlich, aber mir gingen erst jetzt Herz und 
Augen auf über das, was ich sah. Wie alles, was 
ich früher nur dunkel geträumt von Schönheit, 
Kraft, Maß, mir nun so deutlich wurde! Eine 
göttliche Regel, ein Gesetz, erkannte ich in der 
ganzen Schöpfung, und ich sah wie mit neuen 
Augen in die himmlische Natur, in der mir nun 
alles erklärt war. Unglücklicher Weise für mich, 
näherte sich jetzt uns eine Familie, welche Goethe
	        

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