Full text: Hessenland (43.1932)

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Kinder- und Hausmärchen Z, hat zweifellos Recht, 
wenn er feststellt: „Wir sehen also, was die Bru 
der Grimm Weihnachten 1812 vorlegten, war 
eine stockhessische Sammlung. Schon vor 
her waren jedoch die emsigen Sammler über die 
Grenzen ihrer Heimat hinausgelockt worden durch 
die Verbindung mit der westfälischen Familie von 
Haxthausen, die allerdings erst dem zweiten 
Band zugute kam." 
Es ist demgegenüber unerfindlich, wie Gotthardt 
ohne Spur eines Beweises die Behauptung auf 
stellen kann: „Bis 1810 hatte er (Wilhelm 
Grimm) noch keines der jetzt unter seinem und 
seines Bruders Namen im deutschen Familien 
kreise verbreiteten und für alle Zukunft eingebür 
gerten Haus- und Kindermärchen schriftlich fixiert. 
An diese absolut feststehende Tatsache 
wird bei der Erörterung der Entstehungsgeschichte 
der Marchen zu wenig gedacht." 
Anfechtbar ist auch die Behauptung, daß Wil 
helm Grimm und seine Brüder 1810 und schon 
1809 in Göttingen und Halle die Freund 
schaft mit dem Freiheitskämpfer W erner von 
Haxthausen geschlossen hätten und „in wei 
terer Folge mit dessen geistvoller Nichte, der später 
so berühmten Dichterin Annette von Droste- 
Hülöhoff". Zn Wirklichkeit kannten die bei 
den Freunde sich schon früher. Denn in einem Brief 
Werners vom Dezember 1808 an Wilhelm Grimm 
heißt es zum Schluß: „Mich verlangt einmal wieder 
nach Cassel zu gehen, aber Sie und Müller zu 
sehen. Herzlichen Gruß Ihrem Bruder. Gott sey mit 
Ihnen!" Nach Halle kam Werner von Haxt 
hausen erst 1810, Wilhelm Grimm aber schon 
1809 und war am 4. Januar 1810, nachdem er 
auf der Rückreise einige Zeit sich in Berlin aufge 
halten hatte, zu Jakobs Geburtstag bereits wieder 
in Kassel. Im April 1810 kam TÑerner von 
Haxthausen auf der Reise nach Halle durch Kassel. 
Zum mindesten also war der freundschaftliche Ver 
kehr mit den Brüdern Grimm — falls er die 
Brüder 1808 in Kassel verfehlt haben sollte — 
schon vorher schriftlich angebahnt worden. 
Wilhelm Grimm kam zum ersten Mal im 
August 1811 nach Bökendorf, ohne dort Werner 
von Haxthausen, der gerade in Kassel war, zu tref 
fen. Über diesen ersten Besuch berichtet Wilhelm 
am 19. August i8n aus Höxter an Jakob 3 4 ): 
Ich kam Sonnabends 4 ühr dort an, 
wurde sehr freundlich aufgenommen und es ist ganz 
hübsch dort. Sein Bruder gleicht ihm sehr, und ist 
3) Anmerkungen zu den Kinder- und Hausmärchen 
der Brüder Grimm, Bd. IV (Leipzig 1930), S. 437 - 
4 ) Urschrift im Grimmschrank der Berliner Staats 
bibliothek. 
ebenso freundlichen Angesichts, hält aber nichts auf 
Jean Paul. Seine Schwestern, hier, sind ange 
nehm und zierlich, Abends sangen sie sämmtlich 
Volkslieder. Das war sehr schön, ich wollt Du 
hättest eö mit anhören können, ich hab einen ver 
gnügten Abend gehabt, Du glaubst nicht, wie herr 
lich weich alle diese MAodien sind. Die 
Mädchen haben die Lieder sich auf kleine Velin 
papiere geschrieben, und so ihre kleine zierliche 
Sammlung. Etwas davon hab ich copiert. Sie 
erwarteten den Wernher denselben Tag, das war 
ein Grund mehr, ihre Einladung anzunehmen und 
die Nacht dazubleiben, außerdem war ich zu müd 
zum Fußgehen, denn ohne Lebensgefahr konnte ich 
nicht fahren" usw. Wilhelm Grimm hatte den 
Weg von Höxter nach Bökendorf größtenteils zu 
Fuß zurückgelegt, da der kleine Wagen, den er sich 
für 20 Groschen gemietet hatte, ihn unterwegs 
zweimal umgeworfen hatte. Nach seiner Ankunft 
führte ihn Anna von Haxthausen, die 
damals erst elf Jahre alt war, durch die schöne 
Lindenallee nach dem Lämmerkamp und erzählte 
ihm auf seine Bitten ein Märchen. Sonst scheint 
er, nach dem obigen Brief zu schließen, damals 
keine Märchen aufgezeichnet zu haben. Wohl aber 
muß er, wie sich aus dem oben mitgeteilten Brief 
vom 2i. Januar 1813 entnehmen läßt, den 
Schwestern von Haxthausen eine Anzahl seiner bis- 
herher gesammelten Märchen mitgeteilt haben, um 
sie für seine Arbeit zu interessieren. Obwohl der 
erste Marchenabend erst im Spätherbst 1812 in 
die Druckerei wanderte und also noch Gelegenheit 
gewesen wäre, Beiträge aus dem Bökendorfer 
Kreise mit in die Sammlung aufzunehmen, i st d i e 
Familie von Haxthausen an dem 
ersten M ärchenabend noch völlig 
unbeteiligt geblieben. 
Erst durch die Bemühungen Wilhelm Grimms 
und seinen zweiten Besuch in Bökendorf im Juli 
1813 ist es gelungen, die Familien von Haxthausen 
und von Droste-Hülshoff für die Sammlung und 
Aufzeichnung von Marchen aus der Gegend von 
Paderborn und Munster zu gewinnen, die ohne 
Grimms Einwirkung vielleicht nie von ihnen auf 
geschrieben worden wären. Über seinen zweiten vier 
tägigen Besuch in Bökendorf, der für die Mär 
chengewinnung im Westfalenland von durchschla 
gendem Erfolg wurde, berichtet Wilhelm am 
28. Juli von Höxter seinem Bruder Jakob 4 ): 
»Sie haben mich alle freundschaftlich empfangen 
und die ganze Zeit behandelt, es war eine große 
Gesellschaft, eine verheiratete Droste-Hülshoff aus 
Münster mit zwei Mädchen, wovon die älteste 
Jenny was recht angenehmes und liebes hatte, 
dann zwei Jungen; dann die Metternich, Frau des
	        

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