Full text: Hessenland (43.1932)

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Mitteilungen des Vereins für hessische Geschichte und Landeskunde. 
Herausgegeben vom Vorstände des Vereins. 
Zweigvereiu Kassel. 
Doch euch droben im Buchenwald, 
Zerfallene Mauern so moosig und alt. 
Euch kann ich nimmer vergessen, 
Nie eure Zinnen so luftig und kahl 
Am Edderflusse, im »W erratal, 
Ihr Burgen im Lande zu Hessen. 
Diese Verse von A. Deichmann, die wir früher 
manchmal in der Vertonung unseres Landsmannes Ph. 
Losch gehört, klangen wohl durch den Sinn, als die 
Vurgenfahrt des Hessischen Geschichtsoereins an die 
Werra angekündigt wurde. — Zwar waren es aus der 
siolzen Reihe der Werraburgen nur vier, aber die cha 
rakteristischsten, besonders im Hinblick auf ihre Bedeu 
tung für die Landesgeschichte. 
Landesbibliotheksdirektor Dr. Hopf hatte als Ein 
führung schon am 23. Sept. für die Teilnehmer der Fahrt 
eine Einführung gegeben, die hier in Verbindung mit den 
besuchten Plätzen gleich wiedergegeben sei, zumal sich an 
Ort und Stelle noch wertvolle Ergänzungen herausstell 
ten. Es sei auch gleich hier vermerkt, daß Mitglieder und 
Freunde des Vereins aus Arolsen und Witzen- 
h a u s e n sich der Fahrt anschlossen, die um 7 Uhr früh 
vom Friedrichsplatz zu Kassel ihren Anfang nahm. 
Durchs Lofsetal bis hin nach Helsa und dann hinauf 
auf der alten Berliner Poststraße über den Pfaffenberg 
und von da hinab ins Werragebiet, über Großalmerode, 
ging die Reise. Sturm und Regen hatten die Nacht 
gewütet und nur mit Sorgen hatte man an die Mög 
lichkeit der Fahrt gedacht. Aber „Hollas graue Wol- 
kenkühe" jagten über den Himmel und gaben bald der 
Sonne Platz, um das Land rundum in seiner herbst 
liche» Buntheit zu zeigen. -— In Witzenhausen, wo sich 
die dortigen Mitglieder unter Führung von Iustizrcrt 
Eckhardt anschlossen, wurde rasch ein Blick auf die 
reiche Holzarchitektur wie auf Ernst Kochs Iugendhaus 
an der Werrabrücke geworfen und von „Leuzbach" be 
gann die Steigung empor zum Eichsfelde. Zunächst vor 
bei an dem Schlosse Ar n st ein ging der Weg und 
dicht bei dem Grenzsteine, der Hessen von der alten 
Exklave von Kurmainz scheidet, wurde der erste Halt 
gemacht. Hier, wo der Blick den doppelten Bogen des 
Werratales und das Leinetal nach oben und unten er 
faßt, wurde die Bedeutung des Arnsteines als eines 
hessischen Grenzhüterg sinnfällig. Gehörte er schon zu 
den acht Burgen, die 1265 bei Beendigung des hessisch 
thüringischen ErbfolgcstreiteS in hessische Hand kamen? 
Denn 1265 wird er, wie Dr. Hopf mitteilte, 
zuerst in diesem Zusammenhange erwähnt, wenn 
auch dag Urkundenmaterial darüber noch schweigt. 
1327 haben ihn die von Berlepsch in der 
Hand und seit 1^34 die von Bodenhausen, die das 
Schloß, das im 18. Jahrhundert erneuert wurde und 
seine heutige Gestalt erhielt, noch als ihren Stammsitz 
bewohnen. Iustizrat E ck h a r d t Witzenhausen gab 
noch aus seinen neueren Forschungen einige Ergänzun 
gen, die Anlaß zu vergleichender Kontroverse wurden; 
danach wurde die Burg durch Sprossen der Vizedome 
vom Rusteberg erbaut, die aber bald mit ihren Kur- 
mainzer Landesherren wie mit den Landgrafen von Hes 
se» sich „verkrachten", so daß sie mit Waffengewalt 
vertrieben wurden. Als die von Berlepsch dann die 
Burg besaßen, kam es zum Streit zwischen Hessen und 
Mainz, doch wurde auch das später geregelt und Hessen 
war unbestrittener Lehnsherr des Arnsteins. Die von 
Berlepsch gaben die Burg auf, als sie sich das Schloß, 
das ihren Namen trägt und das über Gertenbach liegt, 
erbauten und so wurden die von Bodenhausen hier die 
Herren durch Belehnung. Den Namen soll die Burg 
nach einem Arnold von Rusteberg tragen, der auch dem 
nahen Arenshausen den Namen lieh. — Nun wurden 
die Wagen wieder bestiegen, und man fuhr hinauf nach 
Bornhagen am Hange des Berges, der den stolzen 
H a n st e i n trägt, dessen Turmpaar die Landschaft be 
herrscht. 
Eine gewaltige dreifache Verteidigungslinie umschließt 
das Hofschloß, an dessen Südwestseite sich das Dörfchen 
Rimbach klebt. Fünf starke Tore schützten den Zugang, 
sie mußte der Angreifer erst bezwingen, ehe er die in 
nere Burg betreten konnte. Die äußeren Ringmauern 
umschlossen wohl die Wirtschaftsräume und gaben über 
dies einer starken Truppenmacht die Möglichkeit eines 
2 lufenthalts. — Schon in corveyischen Güterregistern 
des 9. Jahrhunderts wird ein H a n st e n u s erwähnt, 
das man wohl auf die älteste Anlage hier deuten kann; 
Wälle und Gräben einer älteren Burg sind etwas tie 
fer nachzuweisen und sie gehören wahrscheinlich zu jener, 
die die Grafen von Northeim besaßen und die 1070 
König Heinrich kV. eroberte und zerstörte. Seit 1308 
steht dann nachweislich die Burg an ihrer heutigen 
Stelle und ist im Besitze der gleichnamigen Familie, die 
1908 die 6ooIahrfeier beging. Die beherrschende Lage des 
Haustein sicherte diesem eine erhöhte Bedeutung als mainz- 
schen Vorposten gegen Hessen, solange die Fehden zwischen 
beiden Ländern, also bis ins erste Drittel des 15. Jahr 
hunderts dauerten. Dem Haustein wurde der an der 
Werra liegende L u d w i g st e i n entgegengesetzt und 
1 4 1 4 mit solcher Schnelligkeit aufgerichtet, daß die Sage 
entstand, der Teufel habe dem Landgrafen Ludwig , 1 . 
bei der Erbauung geholfen. Ein Neidkopf ani Ludwig- 
stein streckt dem Hanstein die Zunge heraus, das Ge- 
genbild am Hanstein war weniger anständig und wurde 
1908 durch ein (falsches) Erneuerungsstück ersetzt. — 
Die Halle im Erdgeschoß des noch unter Dach stehenden 
Baues ist gut erneuert, weniger geschickt schon der vor 
etwa ino Jahren erneuerte Rittersaal, wo Urkunden, 
Wappen und Siegel sowie Bilder Kunde geben von der 
Geschichte des Geschlechts, das mit Stolz die Stamm 
burg behütet und unterhält. Auch wurde der Turm be 
stiegen, dessen in die Mauer eingebaute Treppe im 
obersten Stück zerfallen ist und die ersetzt wird durch 
eine durch altes Turmoerließ geführte Holztreppe. Trotz 
des rasenden Sturmes war der Himmel noch nicht klar 
geblasen, doch war trotzdem der Rundblick schön und 
umfassend. Gegen n Uhr, während aus dem Kirchlein 
von Bornhagen die Orgel klang, wurden dann die Wa 
gen wieder besetzt und hinab ging es ins Werratal. 
Schön ist der westliche Steilhang des Eichsfeldes zur 
Werra und durch ein wundervolles Tal, defsen kleiner 
Bach bei Lindewerra mündet, ging die Fahrt hinab gen 
Wahlhausen. Grün und bronzebraun stand im Lichte 
der Herbstsonne nun der Wald und ein klarblauer Him 
mel spannte sich darüber. In Wahlhausen grüßten noch 
einmal die drei halben Monde der Hansteiner und bald 
war Allendorf erreicht. Durch die Stadt mit ihren
	        

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