Full text: Hessenland (43.1932)

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gung. 1804 wurde ihm für sich und seinen Sohn 
Werner das Privileg nicht nur erneuert, sondern 
auch auf ganz Kurhessen ausgedehnt. 
Die Besetzung Kurhessens durch die Franzosen 
1806 brachte schwere Zeiten. 1808 wurde Herr 
sche! von dem französischen Kriegsminister Morio 
im Gießhaus als Stückgießer provisorisch ange 
stellt. Wegen einer Differenz mit dem Komman 
danten von Kassel, General Alix, mußte er 1810 
mit seiner Familie binnen 24 Stunden das staat 
liche Gießhaus verlassen und stedelte in das angren 
zende, von ihm 1799 gekaufte Freihaus (heute 
Weserstraße 2) über, das von dem hessischen Mi 
nister AlthanS erbaut war und damals einem 
Herrn Cannitz gehört hatte. Da es angeblich darin 
„umgehe", erhielt er das Haus für eine geringe 
Summe; von diesem Spuk hat jedoch die Familie 
Herrsche! nie etwas verspürt. Als Alix auch noch 
den zum Gießhaus gehörenden Garten (heute Kon 
torgebäude der Vogtschen M'ühle) beschlagnahmen 
ließ, beschwerte sich Henschel ber Jerome; mit wel 
chem Erfolg, ist nicht mehr ersichtlich. Nun wur 
den im Hintergebäude des Freihauses die Werk 
stätten eingerichtet und auf den angrenzenverr 
Grundstücken eine eigene Gießerei und kleine Ma 
schinenfabrik eröffnet. Somit ist das Jahr 1810 
als das Gründungsjahr der Firma Henschel und 
Sohn anzusehen. 
Nach der Rückkehr des Kurfürsten zog Karl 
Henschel wieder im Gießhaus ein, ohne aber die 
eigene Werkstätte aufzugeben. Er starb 76jährig 
1835. Von seinen zehn Kindern war Karl 
Anton (geb. 1780 zu Wolfsanger) der älteste. 
Er besuchte die Kasseler Akademie, wurde i7jährig 
Akzessist beim Baudepartement, erfand 1801 ein 
(noch bis 1900 benutztes) großes Saug- und 
Druckwerk für die Soodener Gradierhäuser, kam 
1803 als Baumeister an die Saline zu Schmal 
kalden, wurde in westfälischer Zeit 1810 als Ma 
schinendirektor der Weserdivision nach Karlshafcn 
versetzt, erfand hier eine Drehbrücke über die We 
serschleuse sowie ein epochemachendes Zylinder 
gebläse für die Homberger Eisenhütte und wurde 
nach Rückkehr des Kurfürsten 1814 Bauinspektor 
in Allendorf-Sooden, wo er den ganzen Salinen 
betrieb reformierte. In diese Zeit fällt seine Erfin 
dung des hydraulischen Kettengebläses. Nach lan 
gen Vorarbeiten gelang es ihm 1816, das Holz 
modell zu einem Dampfwagen anzufertigen, dessen 
weiterer Ausbau aber am Widerstand des Kur 
fürsten scheiterte. 1817 erhielt er die Erlaubnis, 
unter Beibehaltung seiner Stelle an der Soodener 
Saline seinen Wohnsitz nach Kassel zu verlegen 
und Teilhaber der väterlichen Fabrik zu werden. 
Hier übernahm er den technischen Teil, während 
sein um zwei Jahre jüngerer Bruder Werner, der 
Bildhauer, die künstlerische Betätigung ausübte. 
Fortab wurde der Maschinenbau Hauptfeld der 
Tätigkeit, auch wurden bis zum Jahre 1863 nur 
noch 22i Glocken gegosten, darunter 1818 die 80 
Zentner schwere Osanna der Martinskirche. 1821 
wurde Henschel Assessor mit dem Prädikat Oberberg- 
und Salzwerkinspektor, 1832 Oberbergrat. Nach 
einem Besuch in England (1632) widmete er sich 
intensiv dem Eisenbahnwesen und entwickelte seine 
Ansichten in beachtenswerten Schriften. 1836 
wurde auf dem Möncheberg eine größere Fabrik 
anlage begonnen. Als im Herbst desselben Jahres 
das Gießhaus ein Raub der Flammen wurde (vgl. 
Kasseler Post vom 17. Januar 1932), wurde die 
neue Maschinenfabrik bezogen, die 200 Arbeiter 
beschäftigte. Es folgen weitere Schriften über 
Eisenbahnen und neue Erfindungen. 1843 baute 
Anton Henschel gemeinsam mit Wüstenfeld-Mürr- 
den das erste Dampfschiff in Deutschland — das 
erste, das auf seiner Fahrt von Kassel aus in Bre 
men einlief. Da die kurhesfische Regierung die 
Dampfschiffahrt auf der Fulda verbot, wurde das 
Schiff nach Bremen verkauft, auch wurden noch 
zwei weitere und größere Dampfschiffe gebaut. Bei 
einem Pariser Wettbewerb um die Erfindung 
einer Sicherheitsvorkehrung gegen Explosionen bei 
Dampfkesseln 1845 erhielt er außer der goldenen 
Medaille den ersten Preis. Sein rastloser Geist 
betätigte sich auch weiterhin auf den verschiedensten 
Gebieten. 1833 beging er mit seiner Frau Ma- 
ria, einer Tochter des Bergrichters Kröschel in 
Schmalkalden, deren mütterliche Vorfahren zu 
Goethes Ahnen zählen, das goldene Hochzeitsfest. 
Sämtliche Arbeitnehmer wurden zum Abendessen 
auf dem „Bunten Bock" eingeladen, von wo die 
Teilnehmer um 4 Ahr morgens unter Voran 
marsch der knrhesfischen Artilleriekapelle zu einem 
Morgenständchen vor das Henschelsche Haus zogen. 
Oberbergrat Anton Henschel starb 81 jährig 1861. 
Als Pionier der Technik und des Weltverkehrs 
wird er unter den Gründern des Maschinenbaus 
in Deutschland stets mit an erster Stelle genannt 
werden. — Von seinen Schwestern waren Amalie 
mit dem Kurf. Salzrentmeister Kröschel in Roden 
berg, Charlotte mit dem Kasseler Kunstmaler Joh. 
August von der Embde, Eleonore mit dem Amt 
mann Kördell in Naumburg bei Kassel, Johanna 
mit dem späteren Oberstleutnant und Zeughaus 
direktor Moye in Kassel und Wilhelmine mit dem 
späteren Generalmajor Balthasar Gerland ver 
mählt, nach deren Tode er ihre jüngere Schwester 
Franziska heiratete. 
Oberbergrat Anton Henschels einziger Bruder, 
der in Kassel 1780 geborene Bildhauer der Ro-
	        

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