Full text: Hessenland (43.1932)

164 
schwersten Opfern anzugreifen war, auch konnte 
die Abnützungs-Taktik, wie bei Nürnberg, nicht 
mehr geübt werden wegen der fortgeschrittenen 
Jahreszeit, in der Wallenstein seinen Truppen ein 
Kampieren unter freiem Himmel nicht mehr zu 
muten konnte. Seine Söldner wären eher auöein- 
andergelaufen als die schwedisch-deutschen Völker, 
die durch festere Disziplin und auch durch lands 
mannschaftlichen Verband besser zusammengehalten 
wurden als die aus allen Landeöteilen zusammen 
gewürfelten Kaiserlichen. Auch glaubte Pappen 
heim, nicht länger aus Niedersachsen fortbleiben zu 
dürfen, wo sich schon rege wieder die Protestanten 
zeigten und auch Köln bedroht wurde. So kam cs, 
daß die Pappenheinüschen Truppen im Abrücken 
waren, während Wallenstein hinter einem dünnen 
Schleier bei Lützen seine Hauptmaste abrücken ließ. 
König Gustav Adolf hatte den richtigen Augenblick 
erfaßt, um seinen Gegner entscheidend zu treffen. 
Er ließ noch am 14. November, gegen Abend, seine 
Vortruppen gegen die Rippach vorgehen, welche 
die Leipziger Poststraße unfern Lützen schneidet und 
am 15. wurden die Übergänge benutzt, um das 
schwedische Heer hinüber zu führen. Ein KriegS- 
rat, der noch am gleichen Tage gehalten ward, 
zeigte die keineswegs besonders günstige Lage des 
königlichen Heeres, das nun hinter sich die Rippach 
mit ihren sumpfigen Ufern hatte und vor sich das 
Heer Wallensteins, desten rechter Flügel sich au 
das Städtchen Lützen lehnte, dessen Stadtmauer 
zwar brüchig, dessen Vorgelände aber durch Lehm 
mauern um die vorliegenden Gärten gedeckt war. 
Dazu hatte das TVallenstein'sche Heer vor seiner 
JNitte die durch den flachen Floßgraben und die 
Leipziger Poststraße gedeckt war, auch deren beide 
Gräbön, die in reger Schanzarbeit vertieft und mit 
Schützen besetzt wurden. Auch mußte sich, wie tat 
sächlich eintrat, die zahlenmäßige Unterlegenheit 
des kaiserlichen Heeres mit jeder Stunde mindern 
durch den wieder herangeholten Pappenheim. Aller 
dings mußte auch Wallenstein damit rechnen, daß 
die Lüneburger anmarschierten und das schwedische 
Heer verstärkten. — Demgemäß beschloß Gustav 
Adolf, die Schlacht am Morgen des 16. so früll 
als möglich zu beginnen, um die dann noch für ihn 
bestehende zahlenmäßige Überlegenheit ausnützen zu 
können. Eine Schwäche des kaiserlichen Heeres be 
stand in seinem nach Nordosten in freiem Felde un 
gedeckt endenden linken Flügel, der denn auch spä 
ter in der Tat umfaßt wurde. Die Stärkeverhält- 
uiste auf beiden Seiten hat Deuticke gut errechnet, 
und wir geben hier dessen Zahlen wieder, wobei 
allerdings die im Verlaufe des Kampfes eingetre 
tenen Verluste nicht eingesetzt sind. Sonach waren 
vorhanden: 
a) bei Gustav Adolf 
b) bei Wallenstein 
Fußvolk 
10200 
Reiter 
5100 
Geschütze 
60 
morgens 
8000 
4000 
21 
lnittags 
8000 
5400 
2 I 
zw. 2 u. 3 Uhr 
9500 
5stoo 
2 I 
abends 
13500 
5400 
27 ? 
In dem aufmarschierenden deutsch-schwedischen 
Heere standen zunächst die hessischen Regimenter zu 
Fuß: E b e r st e i n und D s e n b u r g mit dem 
schwedischen Regiment Thurn in der Brigave 
Thurn. Diese bildete im zweiten Treffen den rech 
ten Flügel der Mitte. Im zweiten Treffen des 
rechten Flügels stand die hessische Kavallerie der 
oben genannten beiden Schwadronen, aus vier hes 
sischen Reiterregimentern bestehend. Sie wurden 
im Verlaufe des Kampfes, wie wir noch sehen wer 
den, zur Verlängerung des rechten schwedischen 
Flügels vorgezogen. — Die aber von Diemar noch 
der Brigade Thurn zugezählten beiden hessischen 
Fußregimenter, das Grüne Leibregiment „Land 
graf" und das Regiment Erbach, zusammen nur 
rund 600 Mann stark, waren, wohl weil sie ge 
schwächt erschienen, im Lager von Naumburg, 
bezw. bei Weißenfels zurückgeblieben und taten 
hier Dienst. Bei Weißenfels besonders lag ja oie 
Gefahr eines Angriffes durch Pappenheim immer 
nahe. 
Es kann hier der ganze interessante Verlauf per 
Lützener Schlacht nicht dargestellt werden. Der 
Angriff der Schweden und ihrer Verbündeten 
mußte infolge Nebels um mehr als zwei Stunden 
verzögert werden. Dazu hatten die Kaiserlichen 
das nicht zu haltende Lützen angezündet und der 
beizende Rauch, der sich mit dem Nebel mischte 
und am Boden kroch, verhinderte lange die Über 
sicht, zumal der Wind Rauch und Nebel gegen die 
Schweden trieb. Auch hat die Kurzsichtigkeit des 
Schwedenkönigs ihn stark im Erkennen der Lage 
gehindert. Der Ausbau der Landstraße mit ihren 
beiden tiefen Gräben zu Schützenständen der Kai 
serlichen, beinahe schon Laufgräben, hielt lange die 
schwedische Mitte fest. Erst gegen Mittag gelang 
es an dieser Stelle, über die Gräben vorzudringen, 
wobei auch bald die Brigade Thurn als Rückhalt 
der blauen schwedischen und der gelben Leibbrigave 
dienen mußte, die ungestüm vorgegangen waren, 
aber schwer erschüttert wurden, wobei die blaue Bri 
gade nicht weniger als zehn Fahnen verlor. Die 
kaiserliche Infanterie, durch ihre Feuertechnik nur 
schwerfällig im Angriff, konnte zum Glück für das 
Heer des Königs keinen kräftigen Gegenstoß führen. 
In der Mätte auch erfolgte der überraschende
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.