Full text: Hessenland (43.1932)

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Rudolf Helm: Hessische Trachten. Ver 
breitungsgebiete, Entwicklung und gegenwärtiger Be 
stand. Schwälmer Tracht, Hinterländer Trachten, Mar- 
burger Tracht, Tracht der katholischen Dörfer, Schön 
steiner Tracht. Fol. in Mappe, 26. S. und 10 Kar 
ten. RM. 5.—. (Heidelberg 1932, Universitäts-Verlag 
Karl Winter). 
Der Museumsvcrband für Kurhessen und Waldeck 
hatte in den Jahren 1930/31 begonnen, den Bestand an 
Volkstrachten in Hessen aufzunehmen und dafür zunächst 
das noch heute stärkste Verbreitungsgebiet gewählt, die 
Kreise Ziegenhain, Kirchhain, Marburg und Bieden 
kopf, wo mit Hilfe der dortigen Lehrerschaft die Frage 
bogen ausgefüllt wurden, worauf Dr. Rudolf Helm 
die Verarbeitung des eingegangenen Materials vornahm. 
Weiter sind jetzt die Kreise Hersfeld und Frankenberg 
in Vorbereitung und zuletzt soll in Niederhessen noch 
erfaßt werden, was von den hessischen Volkstrachten sich 
erhalten hat. 
In der Schwalm war schon im Jahre 1900 ein 
erster Versuch einer solchen Zählung durchgeführt wor 
den, so daß hier wenigstens Vergleichsmaterial vorliegt, 
das uns das Schwinden der Trachten und die Verschie 
bungen im Laufe des letzten Menschenalterg deutlich 
macht. — Wir sehen hier, wie die Schwälmer Tracht 
(wie alle Volkstrachten) sich noch am besten dort erhält, 
wie auch die kleineu Städte, wo sich das Handwerk zu 
sammendrängte, einen Kranz von Gemeinden um sich 
bildeten, wo die Tracht am zähesten festgehalten wird. 
In den Randgebieten, den sog. „Heckendörfcrn", die sich 
durch ihre Lage im oder am Wald vor den Dörfern des 
lichten Schwalmgrundes schon äußerlich unterscheiden, 
weicht die Tracht am ehesten der Konfektionsware, die 
auch dort, wo die Industrie wirkt, z. B. um Frielendorf 
oder um die Güter mit fluktuierender Arbeiterbeoölke- 
rung, am schnellsten eindringt. Ganz anders vollzog sich 
die Entwicklung im Marburger Land. Damit 
auch in engstem Zusammenhange im Hinterlande 
um Biedenkopf. Noch bis ins Ende des 18. Jahrhun 
derts erhielt sich bis östlich der Lahnberge die „schwarze" 
Tracht, die aus der spanischen Tracht des frühen 16. 
Jahrhunderts zurückgeblieben war und nun im Breiden- 
steiner Grunde, im dortigen Ober- und Untergericht und 
in den Gerichten Blanckenstein und Biedenkopf sich noch 
relativ gut hält. Hier wird, was Helm auch unter 
Aus der Heimat. 
Professor Dr. Bantzers 75. Geburtstag. 
Der bekannte hessische Maler, Geheimrat Professor Dr. 
B a n tz e r zu Marburg, der am 6. Aug. d. I seinen 73. 
Geburtstag feierte, ist seitens der Stadt Marburg zum 
Ehrenbürger ernannt worden. — Oberbürgermeister Dr. 
Stadler hat Professor Dr. Bantzer zu seinem 75. 
Geburtstag verehrungsvolle Glückwünsche der Stadt 
Kassel übersandt und dabei der unermüdlichen, erfolg 
reichen Arbeit des Altmeisters der hessischen Künstler 
schaft dankbar gedacht, die das Verständnis für die 
Schönheit des Hcstenlandes und die Farbenfrendigkeit 
der Tracht seiner Bewohner dem ganzen deutschen Volke 
vermittelt hat. 
Das Präsidium des Verbandes der Deutschen Kunst 
vereine hat durch seine Schriftführer, Herrn Kumm, 
und der Kasseler Kunstocrein durch seinen Vorsitzenden, 
Herrn Dr. Karl Pfeiffer, dem Jubilar Glückwunsch 
schreiben übermittelt. 
streicht, für die gesamte Entwicklung der Tracht deutlich, 
daß sie sich in ihrer Verbreitung anlehnt an alte poli 
tische Amtögrenzen. Daneben natürlich auch an die 
Bodengeftaltung, die zugleich die Landeskultur bedingt. 
— Die Marburger Tracht erwuchs aus der Tracht ums 
Jahr 1800 und verdrängte durch ihre leichteren Formen 
und Stoffe die alte Tracht mehr und mehr und so auch 
heute im Biedenköpfer Lande, während sie selbst in der 
Umgegend von Marburg mehr und mehr schwindet. Im 
merhin ist die Marburger Tracht noch jene, die sich 
am besten erhält, weil sie sich auch den Bedürfnissen der 
Mode in gewissem Umfange wieder anpaßt. 
Ein Gleiches läßt sich auch sagen von der verwandten 
und mit der Marburger Tracht annähernd gleichzeitig 
entstandenen „katholischen Tracht" der Dörfer des alten 
kurmainzischen Amtes Amöneburg, das seit 1821 zum 
größten Teile im Kreise Kirchhain aufging, dessen Tracht 
aber noch den Dörfern der Streulage des alte» Kirchen 
besitzes das Gepräge gibt und so die alten Amtsgrenzen 
kennzeichnet. Ebenso beim Gericht Katzenberg, das von 
1803 bis 1866 kurhessisch war und seitdem im trachten 
losen darmstädtischen Oberhessen wie eine Insel liegt, 
die aber durch Fannlienbande noch eng an das alte Amt 
Amöneburg geknüpft ist. 
Eine Sonderstellung nimmt auch dag A m t oder G e - 
richt S ch ö u st e i n ein. Es liegt auf der Wasser 
scheide zwischen Weser und Rhein und damit zwischen 
Ober- und Niederhessen und verkörpert so auch in seiner 
Mischung nieder- und oberhessischer Trachten jene Grenz 
lage, die sich auch in den vielfältigen Bezeichnnngen aus 
drückt. 
Dr. Helm, der schon mit feinem Verständnis früher 
den hessischen Volkstrachten folgte, hat hier für die ge 
nannten vier Kreise eine Arbeit geliefert, die man ge 
radezu als mustergültig ansprechen darf. Auch die 
Streiflichter, die dabei auf die Siedlimgggeschichte fallen 
und auf die Einflüsse politischer Gestaltung und des 
Verkehrs auf das Kulturleben, sind von höchster Wich 
tigkeit. Wir wollen hoffen, daß die Arbeit bald eine 
Fortsetzung für das übrige Hessen erfährt und daß auch 
die weiteren Arbeiten des Musemnsverbandes für Kur- 
hesten und Waldeck günstigen Fortgang nehmen. 
B. I 
Am Dienstag, dem 20. September, wurde im Kunst- 
iustitut zu Marburg eine große Ausstellung 
„W erke der Familie Bantzer" eröffnet, die 
einen Ausschnitt gibt aus dem gewaltige» Lebenswerk 
des Künstlers. (Wir kommen noch darauf zurück. 
Die Redaktion.) 
Professor Niebergall 's 
Am 21. September starb in Marburg Professor 
N i e b e r g a l l. In Kirn an der Nahe am 20. 3. 1866 
geboren, studierte er in Tübingen, Berlin und Bonn. 
Zum Lizentiaten der Theologie promovierte er in Gie 
ßen. Kurze Zeit wirkte er als Pfarrer in seiner Hei 
matstadt. Dann habilitierte er sich in Heidelberg für 
das Fach der Praktischen Theologie. Am 6. 6. 1908 
wurde er dort außerordentlicher Professor und am 7. 4 - 
1922 als ordentlicher Professor und Universitätsprediger
	        

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