Full text: Hessenland (43.1932)

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Girsbach als halb dettsch (dumm) geltenden Baste 
Eckerd. 
Die Bestchtigungsleute tuen den Genüssen, die 
auf dem Tisch erscheinen, „Ehre an", die Männer 
nippen ein wenig an dem Branntwein und alle 
moffeln (muffeln, Mund voll essen) ein paar Bist 
sen, mehr hätte gegen die gute Sitte verstoßen. 
Darauf ging der Gang durch Haus, Hof und 
Feld. Zunächst kam das „Zunge Haus" an die 
Reihe. Schon die große Stube im unteren Stock 
werk, in der gegesten worden war, erregte Beifall, 
und daß die Küche für die Bereitung der mensch 
lichen Speisen „hochgelegt" war, wurde ganz be 
sonders herausgestrichen. Spanne Wlls meinte: 
„Lejsewith krejt's mol fein, brem die Kech se glich- 
cher Ar met die Stobb leit." (Elisabeth kriegt's 
mal fein, bequem, weil die Küche gleicher Erde mit 
der Stube liegt.) 
Dann stieg man auf der breiten Treppe aus dem 
Hllusern (Hausflur), der ebenfalls zur Hälfte 
hochgelegt worden war, hinauf ins zweite Stock 
werk. Die mit Leinen gefüllten Laden (Truhen) 
und die eichen Kleiderschränke lösten eitel 2Dohl- 
gefallen aus, war doch Eckerd Baste Einziger, dem 
einmal das ganze „Werk" zufiel. Weiter stiegen 
die WAtcheröder auf die Lew (Boden) und waren 
nicht wenig befriedigt über die großen Haufen 
Frucht, die da lagen. Baste Herr hatte nur wenig 
in diesem Jahr abgesetzt, um wie er sich ausdrückte, 
den Besichtigungsleuten „die Augen voll zu 
machen". Auch die vielen Böste (Gebunde) Flachs 
auf der Obersten Lew (Kehlboden) fanden volles 
Lob. 
Der Gang zog sich ähnlich durchs Ellerhaus 
(Elternhaus, Auszugshaus) hin. Hof, Scheunen 
und Ställe wurden dann vorgenommen; hier oie 
weite Miste, dort Heu und Stroh und das gut 
genährte Vieh: alles war im besten Zant (in der 
Reihe). Gutsübergabe und Auszug bildeten weiter 
wichtige Kapitel, über die hin und her gehandelt 
wurde. Da war aber nicht zu viel sagen, Baste 
Vater erklärte: „Eckerd krejt kenftige Zakkebs- 
daag (Zakobi, 25. Zuli) dS Gut met allem ,Scheff 
on Geschärt, muß mer jehrlich de Auszog gah, bie 
dä en insem Trant iblich eß on muß vier daustg 
Düchler raus gah." (Eckhart kriegt künftigen Za- 
kobitag das Gut mit allem Schiff und Geschirr, 
muß mir jährlich den Auszug geben, wie der in 
unserm Rang üblich ist und muß qtausend Taler 
herausgeben.) 
Baste Vater tippte an wegen Lejsewiths Mit 
gift und hörte, daß seine zukünftige Schnärch 
(Schnur, Schwiegertochter) 5000 Taler mitkrie 
gen sollte. Das befriedigte ihn sichtlich. 
Zuletzt wanderten die Besichtigungsleute ein 
wenig ins Feld, aber auch da fanden sie nichts aus 
zusetzen. Aber die Größe des Gutes gab Baste 
Vater den Bescheid: „Es eß Hontonzwanzig Acker 
groß, honet Acker Laand on zwanzig Acker Wesse, 
on leit drmenst blos in Katzesprüng vom Hob 
wägg. " (Es ist i2o Acker groß, 100 Acker Land 
und 20 Acker Wiesen und liegt zumeist ganz nahe 
am Hof.) Der alte Spann meinte gönnerhaft: 
„Mengs eß zwàr 20 Acker grester, dodroff sall's 
äwwer net grüd okomme, es eß bej öch kee Kend 
üusesetze." (Meins ist zwar 20 Acker größer, dar 
auf soll's aber nicht gerade ankommen, es ist hier 
auch kein Kind auszusteuern.) 
Ein Knecht kam gelaufen: „Ehr sollt glich 
komm, de Kaffi stett of em Desch." (Zhr sollt 
gleich kommen, der Kaffee steht auf dem Tisch.) 
Das ließen sich die Weibsleute besonders nicht zwei 
mal anbieten, aber auch die Männer zeigten sich 
bereit. Die Besichtigung wurde beendet. Sie war 
so gut ausgefallen, daß Eckerd hörte, als er wieder 
in Wettcherod weilte, in drei Wochen könne Hanv- 
schlag (Verlobung) sein. 
5. Der „Handschlag". 
Zn der Zwischenzeit machte Eckerd jeden Abend 
ein Gängelchen „nach" Spanne Lejsewith in 
Wettcherod, bald war er „an die Heck gewöhnt" 
und verlor den Schärkel (Scheu, Angst) vor der 
Freierei. 
Und Heuteabend ist „Handschlag (Verlobung). 
Dazu sind die männlichen Verwandten aus 
Schwalmehausen, Wiesenbach, Gerstenborn, 
TLernersfeld und Girsdorf eingeladen worden. 
Trotz des Düurerwetters (unbeständigen, schlechten 
Wetters) mit Schneegestöber anfangs März, stell 
ten die sich sämtlich ein. Nachdem sie ihren 
„Blauen Tuchmantel" in Form eines Havelocks 
abgelegt haben, fragt der alte Spann: „Bàs eß 
da eintlich hej ver?" (Was ist denn eigentlich hier 
los?) Darauf ergreift der Frei(ers)mann das 
Wort zn einer Rede: 
„Da keiner aus unserer Gesellschaft Auskunft 
darüber gibt, so will ich solche vorbringen. Ein 
Junggeselle weilt unter uns hier, der mein Freund 
und Kamerad ist, und welcher, auf der Höhe seines 
Lebens angekommen, den Ruf seines Vater ver 
nommen hat: „Stell dich auf deine Füße, denn ich v 
übergebe dir meine Güter, da sich mein Geist nach 
Ruhe sehnt. Manche Saat habe ich der Furche 
anvertraut, manch herrliches Gewächs hat sich dar 
aus erbaut. Des Himmels Sonnenschein und Re 
gen begrüßten die Gewächse auf der Flur, und es 
entstand daraus ein großer Segen. So bleibe nun
	        

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