Full text: Hessenland (43.1932)

Stammeöpfeiler im Gefüge des neuen deutschen 
Reiches werden konnte, den es heute darstellt und 
der — will'ö Gott — noch stärker werden sollte, 
um ein stärkeres Reich zu tragen. 
Diese Gemeinsamkeit Hersfeld-Hessen hat nun 
ein halbes Jahrtausend gedauert. Man braucht 
die Tatsache nicht mit lautem Fest zu feiern. Aber 
der Heimattreue Mansch, der mit sinnenden Gedan 
ken alles Geschehen verfolgt, wird heute, auf eine 
kurze Weile rastend, den Wechsel der Zeiten nach 
denklich an sich vornbergehen lassen wollen. Ihm 
sollte diese Stunde gehören. 
Was wird aus Hessen bei der Verwaltungsresorm? 
Die ersten Vorarbeiten zu einer Reform der 
preußischen Verwaltung sind fast 30 Jahre alt. 
Besonders nach dem Kriege und nach der StaalS- 
nmwälzung ist diese Frage auf das Lebhafteste er 
örtert worden. Erinnert sei hier nur daran, daß 
man sich kurz nach dem Erlaß der neuen preußischen 
Verfastung eingehend mit dem Gedanken beschäf 
tigte, die Selbständigkeitsrechte der preußischen 
Provinzen wesentlich zu erweitern. Eö handelte stch 
hierbei im wesentlichen um die im Artikel 71 der 
preußischen Verfassung angedeutete Neuregelung 
der Provinzialgesetzgebung. Ist auch eine Reform 
auf diesem Gebiete nicht erfolgt, so hat doch seit 
dem die Erörterung aller mit einer grundlegenden 
Neuregelung der Verwaltung zusammenhängenden 
Fragen nicht nachgelassen. Die theoretische Durch 
arbeitung des Stoffes hat mehr und mehr er 
kennen lasten, daß bei einer Reform der Länder 
verwaltungen nicht halt gemacht werden könne; es 
hat sich immer deutlicher gezeigt, daß die Form, in 
die nach der Staatöumwälzung unsere staatsrecht 
lichen Verhältniste gegossen worden sind, manche 
Unzulänglichkeit aufweist, und daß das von Bis 
marck errichtete Reichsgebäude nach den Ereignissen 
des Jahres 1919 eines grundlegenden Umbaues be 
darf. Nur eine Reform an Haupt und Gliedern, 
nur ein organischer Neuaufbau kann den Weg zu 
einem Fortschritt ebnen. 
Zahlreich, ja fast unübersehbar, sind die inzwi 
schen gemachten Lösungsvorschläge, die entweder 
nmfastende Gesamtlösungen enthalten oder zu die 
ser oder jener Teilfrage Stellung nehmen. Haben 
sich auf diesem Gebiete auch manche Romantiker 
getummelt, denen ein unter heutigen Verhältnissen 
auch nicht annähernd durchführbares Ideal vor 
schwebte, so sind doch auch sehr ernst zu nehmende 
Vorschläge erwachsen, die einer gründlichen Nach 
prüfung Wert sind. 
Diese Fragen sind aber nicht allein von Fach 
leuten bearbeitet und erörtert worden; mehr uno 
mehr hat sich die Öffentlichkeit dieser Dinge ange 
nommen, immer lauter ist nach einer Reichs- und 
Verwaltungsreform gerufen worden. Vor allem 
war dabei der Wunsch maßgebend, Ersparnisse der 
öffentlichen Verwaltung zu erzielen, die eine Locke- 
Von E d w. P. Becker. 
rang der äußerst angespannten Steuerschraube zur 
Folge haben und deren wohltätige T8irkung für 
jeden einzelnen Steuerzahler spürbar werden würde. 
Die Stimmen, die vor einer Überschätzung der hier 
bei zu erzielenden Sparmöglichkeiten warnten, ha 
ben stch kaum Gehör zu verschaffen vermocht. Schon 
vor Jahren ist darauf hingewiesen worden, daß in 
unserem Verwaltungsapparat kaum die Summen 
stecken, die zu einer Gesundung unserer Reichs- und 
Staatsfinanzen erforderlich stnd. 
Die in letzter Zeit vielfach erörterte Frage, in 
welcher Weise das Reformwerk in Kraft gesetzt 
werden könnte, hat in jüngster Vergangenheit eine 
kaum mehr überraschende Antwort erhalten. Preu 
ßen, so scheint es, ist gewillt, seine Verwaltung 
durch Notverordnung neu zu gestalten. So sehr 
dies grundsätzlich zu begrüßen ist, und so sehr man 
geneigt sein mag, die Notverordnung als das in 
heutiger Zeit allein anwendbare Mittel zur Lö 
sung dieser großen und schweren Aufgabe zu betrach 
ten, so müssen die ersten Schritte der kommissari 
schen preußischen Regierung doch alle gehegten 
Hoffnungen auf das Lebhafteste enttäuschen. 
Mußte schon die Vorgeschichte der preußischen Not 
verordnung vom i. 8. 1932 jeden Einsichtigen sehr 
bedenklich stimmen, so verdient die in den aller 
meisten ihrer Vorschriften erkennbar werdende 
Tendenz schärfste Ablehnung. Die Berliner maß 
gebenden Stellen haben sich die Lösung ihrer Auf 
gabe zu leicht gemacht, denn die Notverordnung 
bringt im wesentlichen statt eines organischen Neu 
aufbaues nichts anderes als eine mechanische Zu 
sammenlegung von Kreisen, die ohne ausreichende 
Kenntnis der örtlichen Verhältnisse vorgenommen 
worden zu sein scheint und in ihrer Auswirkung 
nur eine rücksichtslose Abwälzung der Kosten und 
Lasten auf den Staatsbürger zur Folge haben 
kann. In einer Zeit, in der man die Bedeutung 
und den Wert ländlicher Siedlung zu erkennen be 
ginnt und im Einklang mit dieser Erkenntnis zu 
handeln versucht, muß es höchst sonderbar an 
lauten, wenn rein ländliche Kreise auch politisch dem 
unmittelbaren Einfluß großer Städte unterworfen 
werden sollen, wenn man die Großstadt mehr als 
unvermeidbar über das Wohl und Wehe rein 
141
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.