Full text: Hessenland (43.1932)

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Besitz vorZedem Eingriff sichern wollten, aber auch 
um 1480 merkte man das. Die Zeit, wo solche 
frommen Legenden ihre Schuldigkeit getan hatten, 
war dahin, und der Landgraf behielt, was er hatte, 
obgleich er 1— wie wenigstens der Chronist zu be 
richten weiß — noch im selben Jahre krank, ja 
man sagte, sogar aussätzig wurde. 
Solche Übergriffe aber machten natürlich die 
landgräfliche Schutzherrschaft nicht beliebter, und 
als gar Landgraf Wilhelm II., der 8CRiffiere, sich 
in die inneren Angelegenheiten der Klosterherren 
hineinmischte und es gegen ihren Widerstand durch 
setzte, daß Hersfeld der Bursfelder Union, die eine 
Reformation der Benediktinerklöster herbeiführen 
wollte, beitreten mußte, waren hier sicher nicht viel 
Sympathien mehr für Hessen vorhanden. 
Jedenfalls konnte es 1513 ein Abt, es war Vol- 
pert von Riedesel, wagen, den Versuch zu machen, 
der Entwicklung eine ganz andere Richtung zn 
geben. Er verzichtete zu Gunsten des Abtes Hart 
mann von Fulda auf fein Amt, dieser sprach die 
Vereinigung der Abteien Fulda und Heröfeld aus, 
die noch im gleichen Jahre von Papst und Kaiser 
sanktioniert wurde. Es war ein überaus günstiger 
Zeitpunkt für diesen Schachzug gewählt. Die 
tapfere Landgräfin Anna befand sich in erbittertem 
Kampfe mit der ihr aufgedrungenen vormundschaft 
lichen Regierung für ihren 6jährigen Sohn Phi 
lipp. („Sie wollten kein Weiberregiment", rief 
damals Konrad v. Wallenstein aus, „und wenn sie 
bis an die Sporen im Blute waten müßten^") 
Da hatte sie wirklich keine Zeit, sich um Hersfeld 
zu kümmern, sie mußte die Abtei einstweilen sich 
selbst überlassen. Da rettete die Stadt Hersfeld 
die Situation. ^Während Kapitel und Landbevöl 
kerung dem neuen Herrn willig gehuldigt hatten, 
trotzte sie Kaiser und Papst und ließ den Abt Hart 
mann nicht in ihre Tore. So blieb die Besitzer 
greifung solange in der Schwebe, bis die Land- 
gräfin sich in Kassel durchgesetzt hatte und nun 
auch in Hersfeld eingreifen konnte. Da hielt es 
der fuldische Abt doch für ratsam abzudanken 
(1516). Aber man hatte aus diesem Vorfall ge 
lernt. 1517 wurde bei Erneuerung des Schutz 
bündnisses von 14Z2 bestimmt, daß kein Hersfelder 
Abt zu Gunsten eines Fremden abdanken dürfe und 
daß ein neuer Abt nur aus den Mitgliedern des 
Kapitels gewählt werden, ein anderer aber nur dann 
zugelassen werden dürfe, wenn es mit Genehmigung 
Hessens geschähe. 
Für Hessen günstige Ereignisse. 
Haben wir so Widerstände gegen Hessen aufge 
zeigt, so sollten aber im 16. Jahrhundert zwei Er 
eignisse eintreten, die das Stift immer enger mit 
Hessen verstrickten: die Reformation nnd der 
Bauernkrieg. Mün kann sagen, daß die Refor 
mation eine innere und der Bauernkrieg eine 
äußere Bindung mit der Landgrafschaft herbei 
geführt haben. Die erstere, die schon 1521, als der 
Landgraf Philipp sie noch bekämpfte, in Hersfeld 
Eingang gefunden hatte, hob die geistlichen Be 
ziehungen der Einwohnerschaft zum Abt nnd zu den 
Stiftsherren allmählich auf und unterstellte sogar 
einen Teil der Schulen und Kirchen hessischen 
Superintendenten, während der andere eine eigene 
evangelische Inspektion erhielt. Die Abte selbst 
mußten zu den hohen Kirchenfesten nach Fulda fah 
ren und den gewöhnlichen Gottesdienst in ihrer 
Hauskapelle abhalten. In der Folgezeit, insbe 
sondere als die Gegenreformation im Fuldische« 
einsetzte, vergrößerte sich der Gegensatz, der scbon 
immer zwischen diesen beiden Abteien bestanden 
hatte, und drängte Heröfeld naturgemäß immer 
mehr nach dem evangelischen Hessen hin. 
Der Bauernkrieg aber gab Philipp unverhoffte 
Gelegenheit, nun nicht bloß so von außenher den 
Schutzherrn der Abtei zu spielen, sondern sich in ihr 
tatsächlich festzusetzen. Er hat nicht viele Mühen 
nnd Kosten bei der Niederschlagung des Aufstandes 
in Heröfeld gehabt. Vor 40 Reitern unter Führung 
Hermann Riedesels und Hermann v. d. Malsburgs 
löste sich das ganze Bauernheer auf. Aber man 
bauschte die Sache gewaltig auf und hatte ans diese 
Weise eine willkommene Handhabe, sich eines selb 
ständigen geistlichen Fürstentums so halbwegs zu 
bemächtigen, ohne daß Kaiser und Papst viel da 
gegen sagen konnten. M'an mußte doch für die 
Aufwendungen, die man zur Rettung des Hers 
felder Landes gemacht hatte, entschädigt werden. 
So nahm man denn die Stadt Hersfeld, die 
Ämter Landeck, Frauensee, Berka und Kornberg 
ganz in Besitz. Ihre Einnahmen dienten als 
Kriegsentschädigung. Erst 1550 gab man dem 
Abte das Amt Berka ganz, alles andere zur Hälfte 
zurück, denn noch waren, so sagte man, die Kriegs 
kosten nicht gedeckt. Die Ereignisse des Bauern 
krieges liegen jetzt 25 Jahre zurück, man kann sie 
nun schon in kräftigeren Farben schildern. Da 
hören wir mit Erstaunen, daß damals der Abt vor 
seinen aufrührerischen Untertanen geflohen und 
Hilfe und Rettung bei dem Landgrafen gesucht 
hätte (in Wirklichkeit hatte der Abt sich auf dem 
Eichhof ganz gütlich mit den Bauern geeinigt und 
ihre bekannten 12 Artikel angenommen), der Land 
graf wäre dann „mit seinem eigenen Leibe und aller 
Kriegsmacht, Ritterschaft, Landschaft, Büchsen 
und Artillerie" gegen die Aufrührer gezogen und 
habe die Abtei gerettet. Darum muß die Abtei — 
man denke, der Landgraf hat seinen eigenen Leib,
	        

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