Full text: Hessenland (43.1932)

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Amerikanern desertierten, zwei Fähnriche *), zu 
amerikanischen Kapitänen gemacht wurden, der Ab 
kömmling einer hessischen Bauernfamilie. Noch 
sein Vater war ein geborener Hesse. Gehen wir zn- 
rück bis zu seinem Urgroßvater. 
Um 1600 lebte zu Heldra bei Wanfried ein 
Mmller Claus Steube, dessen Familie noch 
heute in dieser Gegend lebt. Dessen Sohn Lud 
wig (etwa 1608—1683) hing das verrufene 
Müllergewerbe an den Haken und wurde Pächter 
eines Erffaischen Gutes. Es ging ihm so gut, daß 
er einen seiner Söhne studieren lassen konnte. Die 
ser, Augustin (1661—1738), war der Groß 
vater des amerikanischen Generals und eine nicht 
ganz einwandfreie Persönlichkeit. Er war Pfarrer 
in Schmalkalden, dann in der Pfalz, wurde von den 
Franzosen vertrieben und erhielt in seiner Heimat 
eine Pfarrstelle in Vacha, wo sein Sohn Wilhelm 
Augustin, der Vater des amerikanischen Generals, 
1699 geboren wurde. Hier wurde er in demselben 
Jahr 1699 wegen Schwängerung seiner Magd 
abgesetzt, ins Gefängnis geworfen, mußte Kirchen- 
bnße tun und das Land verlassen. In Drosten in 
der Brandenburgischen Neumark, fand er eine neue 
Stelle 2 ), die er aber nach Erschießung eines Knaben 
auch nicht halten konnte. Höfische Beziehungen 
brachten ihn 1708 weitweg nach dem Westen der 
brandenburgischen Besttzungen, nach Drechen in der 
Grafschaft Mark, wo man seine Vergangenheit 
nicht kannte. Hier begab er stch unter die Schrift 
steller und nannte sich auf dem Titelblatt seiner 
Schriften Augustinus von Steube. Was ihn zu 
dieser Selbstnobilitierung veranlaßte, ist nicht ganz 
klar. Wahrscheinlich hängt es mit seiner ebenfalls 
ungeklärten Verheiratung mit einer Gräfin von 
Efferen zusammen. Jedenfalls fand Steube keinen 
Widerspruch und seine Söhne nannten stch 
ve Steube, was ihre Laufbahn in den verschieden 
sten Militärdiensten nicht verschlechterte. Einer 
von ihnen, Wilhelm Augustin (1699 bis 
1783), trat in das preußische Ingenieurkorps und 
brachte es bis zum Major. In Hesten geboren, 
wußte er gewiß über seine Herkunft Bescheid, ver 
schmähte eö aber nicht, sich „von" zu nennen und für 
seinen Sohn eine Ahnentafel zusammenzufälschen, 
die die bäuerliche Abkunft völlig verleugnet. Wie 
1) Vgl. Hesienland 1900, S. 5. 
2) Einen ähnlichen Fall, der auch mit der Auswande 
rung eines Pfarrers nach Preußen endete, habe ich im 
Hessen!. 1911, 349, erzählt. 
VomVogelsanginalterZeikmHessen. 
Die letzten Jahre haben im Kampf gegen die 
schädlichen Forstinsekten einen technischen Fort 
schritt von ungeahnter Weite gebracht. Mit Sal- 
weit dieser Sohn selber an diese Ahnentafel 
glaubte, ist schwer festzustellen, doch scheint er dabei 
nicht ganz unschuldig zu sein. Dieser Sohn ist der 
spätere amerikanische General Friedrich Wilhelm 
Steuben, der 1730 in Magdeburg geboren wurde. 
1747 trat er als Fähnrich in preußische Militär 
dienste, machte mit Auszeichnung den Siebenjähri 
gen Krieg als Leutnant mit und wurde 1763 als 
Stabskapitän „dimittiert". Daß er, wie später in 
Amerika behauptet wurde, im preußischen Dienst 
eine ungewöhnlich glänzende Laufbahn gehabt habe, 
kann man also eigentlich nicht behaupten; denn ein 
Stabskapitän hatte keinen so bedeutenden Rang. 
Aber die Amerikaner nehmen gern den Mund ein 
bißchen voll. Wenn aber 1910 im amerikanischen 
Kongreß gesagt wurde: „Baron von Steuben war 
ein deutscher Edelmann und ein intimer Freund 
Friedrichs des Großen, mit besten herzlicher Zu 
stimmung er von Berlin nach Amerika kam", so 
ist dabei fast jedes Wort eine Unwahrheit. Die 
Wahrheit ist, daß Steuben nach seiner Demission 
einen Unterschlupf in Hechingen fand, wo der Fürst 
von Hohenzollern, einer der kleinsten Neufürsten 
des Reiches, ihn zum Hofmarschall seines ärmlichen 
Hofes machte, bis ihn nach etwa neun Jahren 
„Intriguen und Verleumdungen vertrieben" 
(Kapp). Dem Hechinger Hofbeamten verlieh 1769 
der Markgraf von Baden seinen Orden de la 
fidélité, nachdem der Bewerber mittelst gefälschter 
Ahnentafel seinen „untadelhaften Stammbaum" 
nachgewiesen hatte. Am Hofe dieses Markgrafen 
hielt stch Steuben dann einige Zeit auf und machte 
vergebliche Versuche, in fremden (französischen, 
sardinischen, kaiserlichen) Diensten angenommen zu 
werden. Daß ihn der Markgraf zum General er 
nannt habe, wie Steuben später in Amerika er 
zählte (Kapp), ist reine Phantasie. Steuben war 
vielmehr nur dimittierter preußischer Stabskapitän 
und hechingischer Hofmarschall a. D., als er stch 
1777 in Paris zu der Reise nach Amerika über 
reden ließ, an die sein Herz vorher nie gedacht 
hatte. Begeisterung für die amerikanische Freiheit, 
wie er später behauptete, ist schwerlich die Ver- 
anlastung zu seiner Auswanderung gewesen, son 
dern außer seinen drückenden Schulden der Reiz des 
Abenteuerlichen und der Wunsch, einen Posten zu 
erhalten, der stch ihm in Europa nicht bot. Der 
Ruhm, daß er dann diesen Posten in Amerika vor 
trefflich ausfüllte, soll ihm nicht geschmälert 
werden. 
Ref. Fr. Lange, Bad Wildungen 
zen (Arsenik), Gasen und künstlichem Nebel, die 
durch Flugzeuge über die befallenen Wälder zer 
streut werden, geht man heute den Forstinsekten zu
	        

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