Full text: Hessenland (42.1931)

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Bürschchen, das vor zwanzig Jahren von Euch fort 
übers große Wasser ging, ist ein Mann gewor 
den. Du glaubst nit, GehanneS, wie oft mich das 
Heimweh in den Krallen hatte. Wie oft war ich 
drauf und dran, auf einen Sprung herüberzukom 
men. Doch Geschäft und Familie ließen mich nit 
los. Aber als ich dann vorhin unser liebes Dorf 
im Abendschein liegen sah, als ich seine Glocke 
hörte und des Vaters Dach aus den andern her 
ausgefunden hatte, da find mir doch vor Freude die 
Augen naß geworden!" Wieder zuckte Rührung 
über das feine, kluge Gesicht Andreas Wollen 
haupts. „Und nun finde ich dich hier unter der 
dicken Linde, und kann gleich von dir hören, wie es 
der Orthia und der übrigen Freundschaft geht." 
Andreas sah den Schwager fragend an. 
„Das Orthe und die andern alle machen ganz 
gut, der Herr sei gelobt!" antwortete Füllgräbe, 
„find nur alt geworden, wie du und ich auch. Das 
Gela ist ein Staatsmensche. Wirst das kleine 
Drusbelchen von damals nit wiedererkennen." Der 
Stolz des Vaters auf eine hübsche Tochter sah aus 
den grauen Schwärmeraugen des Schäfers. 
„Well, ich will gleich Schwester und Nichte 
aufsuchen. Bin müde und hungrig. Sie sind doch 
daheim?" „Das Orthe wird wohl noch im Felde 
sein, aber das Gela macht gewiß schon das Abend 
brot." Füllgräbe hielt dem Schwager die Hand 
hin. „So geh in Frieden, Andrees, der Herr 
segne deinen Eingang!" 
Der Amerikaner sah ein wenig befremdet den 
andern an. „Bist du geistlich geworden, Ge 
hanneS? — Mit gehst du also noch nit?" „Nkeine 
Stunde ist noch nicht gekommen. Ein guter Hirte 
verläßt seine Schafe nit, auch nit, wenn Besuch 
aus Amerika kommt. Ich muß noch Hierbleiben. 
Mach's gut!" 
Wollenhaupt schüttelte den Kopf, nahm den 
Koffer wieder auf und verabschiedete sich ein wenig 
verwundert vom Gatten seiner einzigen Schwester. 
Andreas Wollenhaupt ging nicht wieder auf 
die Landstraße zurück, sondern schritt auf dem 
Wiesenpfad, der sich am Fuße des Riedbergs hin 
schlängelt und sich zwischen den Hecken der Gär 
ten verliert, dem Ziele seiner Sehnsucht, dem 
Heimatdorf, zn. 
Der Schäfer stieg zu seinen Tieren auf den 
Hügel und sah von oben dem Schwager nach. Mms 
für ein vornehmer Herr aus dem ehemaligen 
Schneidergesellen geworden war! Wie fein ange 
tan, mit Ringen an den Fingern, auf der Brnst 
eine Nadel mit einem Stein, der blitzte wie ein 
Wastertropfen, in den die Sonne scheint. Natür 
lich hing auch eine dicke, goldene Uhrkette dem 
Andrees im Knopfloch. Woher hätte er selbst, der 
arme Dorfschäfer, je eine Kette nehmen sollen! 
Aber er hatte, Gott sei Lob und Dank, solch ein 
Ding auch nit nötig gehabt. Er wußte immer, 
was die Glocke geschlagen hatte, auch, wenn er die 
Turmuhr nit hörte. Wozu war denn vom lieben 
Gott ein großes Licht, das den Tage regiere, nnd 
ein kleines Licht, das die Nacht regiere, dazu auch 
viele Sterne, an den Himmel gesetzt? Den Ge- 
hanneö Füllgräbe könnte einer aus dem tiefsten 
Schlafe wecken und nach der Zeit fragen, er 
würde ohne langes Besinnen die Stunde angeben 
können. Wozrr braucht einer eine Uhr? Sammelt 
nicht Schätze, wo Diebe nach graben, sagt die 
Schrift. Der Andreas aber hatte, als seine Eltern 
tot waren, sein schönes Werk im Dorfe verkauft 
und war mit dem Geld ins Amerika gegangen, 
um drüben schnell reich zu werden. Das mochte 
ihm ja denn auch geglückt sein. — Aber was hilft 
alles Gold der Welt, wenn man nit nach dem 
trachtet, was droben ist! Der Andreas schien nit 
viel von der heiligen Schrift zu halten. Das 
konnte man wohl aus seinem Spottwort vorhin 
und aus seinem Kopfschütteln merken. Den mußte 
man sich tüchtig vornehmen und zu bekehren ver 
suchen, ehe er wieder hinüber ging. Seine Seele 
mußte gerettet werden. 
Andreas Wollenhaupt war inzwischen auf die 
Dorfstraße gelangt. Eö hatte sich anscheinend wäh 
rend seiner langjährigen Abwesenheit daheim nicht 
viel verändert. Hier schien die Zeit stillgestanden 
zu haben. Ein paar Häuser allerdings waren neu 
errichtet, einige andere windschief und wettergrau 
geworden, hier und da statt der ehemaligen grünen 
Hecke ein gestrichener Lattenzaun oder eine nüch 
terne Drahteinfafsung um einen Garten gezogen. 
Vor dem Pumpenbrunnen noch der von den Füßen 
der Wafserholerinnen ausgetretene Sandstein. 
Unter dem Dach von Apothekers Scheuer klebten 
noch immer die vielen Schwalbennester, und die 
lieben schwarz-weißen Vögelchen atzten ihre Brut 
wie vorzeiten, als er noch, ein munterer Junge, sich 
mit seinen Genossen in den Dorfstraßen balgte. 
Alles fast wie früher. Nur das junge Volk, das 
ihm begegnete und ihn, den Fremden, neugierig an 
starrte, war ihm unbekannt. Mit einigen Alten, 
denen er sich erst zu erkennen geben mußte, tauschte 
er eilig Gruß und Handschlag und bestellte sich im 
Vorbeigehen in der Dorfschenke für längere Zeit 
Wohnung. 
Und nun stand Andreas Wollenhaupt vor des 
Schwagers und der Schwester Haus. Angenehm 
fiel ihm die Veränderung in dessen Äußerem auf. 
An den Scheiben kleine Vorhänge, vor verschie 
denen Fenstern grüne Blumenbrettchen mit blühen
	        

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