Full text: Hessenland (42.1931)

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Zur Neugliederung Hessen-Kassels und des Rhein-Main - 
Gebietes. Von Dr. Eduard Becker. 
Über die Frage der räumlichen Neugliederung 
der zwischen Ntain und Weser gelegenen Gebiete 
nnd der Neugestaltung ihrer Verwaltungsorgani- 
sation sind seit Jahren die verschiedensten Meinun- 
gen vertreten worden. Es ist daher von Interesse, 
den wesentlichsten Inhalt der bisher gemachten 
Vorschläge hier kurz wiederzugeben. Ein derartiger 
Rückblick, der als Materialsammlung von Nutzen 
sein kann, soll aber auch durch Gegenüberstellung 
der verschiedenen Vorschläge eine Prüfung des Ge 
meinsamen und Gegensätzlichen der Auffassungen 
erleichtern. 
Es mußte davon Abstand genommen werden, 
die Vorschläge systematisch zu ordnen. Über die 
verfassungs- und staatsrechtliche Seite des Nen- 
gliederungsproblems besteht noch keinerlei Überein- 
ßimmung. Es ließe sich auch nicht leicht ein Ge 
sichtspunkt finden, der für die Ordnung des Ma- 
terials angewendet werden könnte. Nicht immer 
äußern sich die Urheber der Vorschläge darüber, 
wie ste sich die Stellung der von ihnen abgegrenzten 
Teilgebiete zu den übergeordneten Verwaltungsein 
heiten denken. Zudem gehen die meisten Autoren 
von ganz verschiedenen Voraussetzungen aus. Die 
hier wiedergegebenen Äußerungen und Vorschläge 
sind deshalb in chronologischer Reihenfolge, nach 
dem Zeitpunkt ihrer Entstehung oder Veröffent 
lichung, geordnet worden. 
So lange es eine Provinz Hessen-Nassau gibt, 
also seit über 60 Jahren, find Zweifel über die 
Zweckmäßigkeit der Abgrenzung dieses Verwal 
tungsbezirks und seiner beiden Bestandteile, der Re 
gierungsbezirke Kassel und Wiesbaden, vorhanden 
und immer wieder geäußert worden. 
Schon Bismarck^) hatte eine gänzlich an 
dere Gestaltung der 1866 erworbenen Gebietsteile 
vorgeschwebt. So hatte er daran gedacht, „die 
rheinfränkischen Teile der jetzigen Provinz Hessen- 
Nassau" mit der Rheinprovinz zu einer Provinz 
„Nheinfranken" zu vereinigen, ferner Hessen und 
die in preußischem Besitz befindlichen Teile West 
thüringens miteinander zu verbinden; außerdem 
trug er sich mit der Absicht, Westfalen und Han 
nover eine durchaus andere Abgrenzung zu geben. 
Diese Pläne find nicht zur Ausführung gelangt. 
Bismarck machte dafür Zeitmangel und das Fehlen 
i) Vgl Verband!, des Hauses der Abgeordneten Stenogr. 
Ber. 1867/68 III i4x4 ; Dr. Karl Hörgcr, Bismarck und die 
DerwaltungSreform in Mitteldeutschland, Kasseler post v. 
23. Juni 192g. 
geeigneter Mitarbeiter verantwortlich. Tatsächlich 
werden auch andere Gründe mitgesprochen haben. 
Der Kurhesse Friedrich Oetker hatte Bismarck 
gegenüber den Wunsch seiner Landöleute beisam 
menzubleiben zum Ausdruck gebracht i) 2 3 ). Bismarck 
selbst hat 1868 im Abgeordnetenhaus auf die Ab 
neigung der Bevölkerung gegen die Abtrennung 
kurhesfischer Gebietsteile hingewiesenH. 
Die Provinzialordnung vom 29. Juni 
1875 tfi erst 1885 durch Gesetz vom 8. Juni in 
der Provinz Hessen-Nassau eingeführt und damit 
der noch heute bestehende Zustand geschaffen wor 
den. Erst damals hat die Vereinigung des Stadt 
kreises Frankfurt a. Nt. mit Nassau stattgefunden. 
Die parlamentarischen Verhandlungen 4 * ), in 
denen die hessischen und nassauischen Vertreter aus 
führlich ihren Standpunkt darlegten, find deshalb 
von Interesse, weil daraus die Abneigung insbeson 
dere der Nassauer gegen eine engere Verbindung 
der Bezirke Wiesbaden und Kassel hervorgeht und 
weil auf die damals vorgebrachten Argumente bei 
den späteren Erörterungen wieder zurückgegriffen 
worden ist. 
So wies der Abgeordnete W i r t h (Nassau), 
der die Debatte mit einem Referat gegen die Ge 
setzentwürfe eröffnete, darauf hin, daß die in den 
Regierungsbezirken Kassel und Wiesbaden be 
stehenden Zustände eine größere üngleichartigkeit 
zeigten als die in irgendeiner anderen Provinz der 
Monarchie. Es ließe sich nun einmal nicht leugnen 
und auch nicht ändern, daß gerade dort, wo die bei 
den Bezirke auseinander grenzten, da, wo das 
frühere Kurhessen den Main und die Lahn berühre, 
die Grenzlinie zwischen Nordostdeutschland (!) und 
Südwestdeutschland nicht bloß geographisch, sondern 
auch in dem Volkscharakter, den Sitten und Ge 
wohnheiten, im Rechtswesen, in den wirtschaft 
lichen Zuständen am allerdeutlichsten hervortrete 
und erkennbar werde (11,899). 
ünd in der späteren Debatte führte er aus: Der 
ganze wirtschaftliche Verkehr des einen Bezirks sei 
nach Norden und Osten, der des anderen nach Sü 
den und Westen gerichtet. 
Der Abgeordnete Schreiber - Marburg, der 
2) Im Herbst 1866; vgl. Friede. Detker,Lebenserinnerungcn 
HI, 456. 
3) Verhandl. des Hauses der Abgeordneten Stenogr. Ber. 
a. a. O. 
4 ) Verh. d. Hauses der Abgeordn. Sten. Ber. 1883 li, 
8ggff, III, i52off.
	        

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