Full text: Hessenland (42.1931)

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das Torso des Kanals dazu rechnen will, so hat sich 
im Laufe der Jahre auch in dem Herzen der 
Menschheit eine Wandlung vollzogen, die der 
künstlerischen Idee mehr Nachdruck verlieh. Die 
Gäste, die in Carlshafen eine Perle der Baukunst 
suchten, fanden nicht zuletzt durch die Stadt selbst 
auf umgekehrtem gedanklichen und gefühlöreflekto- 
rischem Weg, wie ihn der Künstler gegangen, die 
Unermeßlichkeit der Natur. Sie fanden unseren 
deutschesten Strom, unsere deutschesten Wälder, 
die Sandsteinklippen, die hochragenden Berge, 
Wege ohne Zeit und Ziel, Weltabgeschlossenheit, 
Besinnlichkeit und den Ernst des Daseins, also doch 
wenigstens teilweise durch den Künstler geleitet, 
fanden sie das Lächeln einer Seele in d e r Land 
schaft wieder, aus der jener sein Künstlertum ge 
schöpft. Kunst ist eben Vergeistigung, höchste 
Freude des naturdurchdringenden Geistes.' Sie ist 
es auch dann noch, wenn fie aus bereits Bestehen 
dem Kommendes hinzuformt, wenn fie es versteht, 
neue Linien den alten hinzuzufügen, ohne darum 
das Ganze irgendwie zu beeinträchtigen. Denn 
dann muß ja wohl der Gedankenkreis des ursprüng 
lichen Künstlers Mittler sein von seiner Natur- 
durchdringung zu der Auffassung des nunmehr 
Schaffenden. Es kann unter Umständen keine 
leichte Aufgabe sein, in die Geheimnisse einer der 
artigen Kunstauffassung einzudringen und je her 
vorragender und beseelter der erstere von beiden 
Künstlern sein Werk geschaffen hat, um so schwie 
riger dürfte es wohl für den Epigonen fein, seinen 
Fährten zu folgen. Wie es in ausgezeichneter 
Weise möglich sein kann, ein derartiges Problem 
zu lösen, das sehen wir wiederum an Carlöhafen 
und zwar diesmal an seinen neuzeitlichen Bauten. 
Weniger wohl an dem umgebauten Kurhaus, das 
von vorneherein in seiner erstmaligen zweifellos von 
keinem Künstler geschaffenen Anlage — wollte 
man nicht von Grund auf einen Neubau errichten 
— an bestimmte Pinien gebunden war und eben 
Die hessischen „Freiheiten". I. 
(Schluß) 
Die ganze Verfastung der Stadt war nur ein er 
weitertes Hofrecht 49 ), vielleicht unter Zuziehung 
von Liebenauer Schöffen. Als 1323 der Besitz je 
zur Hälfte in die Hände Werners von Westerburg 
und Herbolds von Pappenheim ging, erließen diese 
ein neues Stadtprivileg, das die Liebenauer ganz 
zu Hörigen machte. Erst nach Erwerbung der 
Stadt durch die Grafen von Waldeck und den 
Bischof von Paderborn erhielt sie Bürgermeister 
stg) Alt. Gesch. der Stadt Liebenau. 
mehr ein Zweck- als ein Kunstbau werden mußte, 
eher schon an dem neuerrichteten Kinderheim und 
vielleicht auch noch an dem dazugehörigen Sool- 
bäderhaus. Aber diesen Bauten fehlt doch schließ 
lich das letzte große Erleben der Natur, die große 
mitfühlende Seele. Sie verraten in ihrem 
Schöpfer zu sehr den Architekten. Nur einem 
ganz besonderen Künstler sollte es vorbehalten sein, 
einzudringen in die Geheimnisse und in die Gefühls 
reflexe des Erbauers von Carlshafen. Ich meine 
Heinrich Tesienow mit feinem Entwurf für eine 
reformierte Kirche. „Die naive Natürlichkeit, mit 
der dieser Baumeister seiner Aufgabe nachgeht," 
atmet den Geist eines Konradis, sie ist ein Abglanz 
des Lächelns seiner Seele. Und wir können daher 
Karl Scheffler in seiner Würdigung (Heft 2 des 
Jahrgangs 28 der Zeitschrift „Kunst und Künst 
ler"), nur durchaus Recht geben, wenn er sagt, daß 
„der Reiz des Entwurfs darin liegt, wie sich die 
Kirche der landschaftlichen und architektonischen 
Umgebung einfügt". — — 
Als eine Ehrung der Manen Conradis und 
eine Hochtat im Sinne der künstlerischen Weiter 
entwicklung eines Muster-Stadtbaus ist es anzu 
sehen, wenn dieser Entwurf in die Tat umgesetzt 
wird. — 
So sehen wir denn in dem Stadt- und Land- 
schaftöbild Carlshafens eine Einheit, eine Ver 
mählung von Natur und Kunst, die unter den 
schwierigsten Voraussetzungen zu einer geradezu 
wunderbaren Lösung geführt hat. Wir sehen, 
mögen wir nun Künstler oder Mensch schlechthin 
sein, in ihm die Verwirklichung eines Traumes, 
ein gestaltbelebtes Märchen. Menschgewordene 
Künstler und Künstler gewordene Menschen wan 
deln in ihm, wenn sie aus dem Wirrwarr der Ge 
genwart Einkehr halten wollen, entgegen jener see 
lischen Erlösung, die innerlich erhebt und befreit. 
Denn lieben müssen wir das Leben, wenn wir uns 
auf uns selbst besinnen. 
Von Dr. jur. et phil. A p e l, Marburg. 
und Rat, 1404 auch Zollfreiheit; 1467 ging sie an 
Hessen über, dessen Landgrafen das Stadtprivileg 
Bischof Balduins bestätigten. Trotzdem haben die 
Liebenauer auch unter hessischer Obrigkeit noch 
schwer gegen die Malsburger und Pappenheimer 
um ihr Stadtrecht zu kämpfen gehabt. Letztere 
suchten der Stadt namentlich einen Teil des Stadt- 
hagens, der an die Burgfreiheit grenzte und den sie 
mit dem frei erfundenen Namen eines Burghagens 
bezeichneten, zu entziehen, aber Landgraf Wilhelm 
schützte die Stadt in ihrem Rechte. Nach einer 
von Liebenau an Landgraf Philipp gerichteten
	        

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