Full text: Hessenland (42.1931)

47 
(Sdtlö^Cl^it (Xtt Von Dr. med. Paul Richard Brück, Carlshafen. 
Ein Muster-Stadtbau in seiner Beziehung zur Landschaft. 
„Alle Dinge, die ein Künstler bildet, müssen 
vom Reflex seines Gefühls getroffen werden. Das 
Lächeln der menschlichen Seele muß Haus und 
Hausgerät verraten." — „Kunst ist Vergeistigung. 
Sie bedeutet die höchste Freude des Geistes, der die 
Natur durchdringt und in ihr den gleichen Geist 
ahnt, von dem auch sie beseelt ist." 
Dieses Lächeln der Seele, von dem kein Gerin 
gerer, wie August Rodin, spricht, diese geist-gewor- 
dene Freude an der Natur und ihre Wiederspiege 
lung im Gefühlskomplex des Künstlers legen noch 
heute Zeugnis ab von der außerordentlichen Qua 
lität eines Manschen, von dem Range eines Archi 
tekten, wie es der Erbauer Carlshafens gewesen 
sein muß. 
Das Sich-einfügen eines Stadtbildes in eine 
Landschaft birgt riesenhafte Gefahren in sich, Ge 
fahren, die um so größer werden, je schöner und 
gotttbegnadeter die Gegend in ihrer natürlichen Un- 
gebundenheit sich darbietet. Der Wesereinschnitt 
zwischen Solling und Reinhardswald mit seinen 
bis an die Ufer hinabreichenden Tannen-, Buchen- 
und Eichenwäldern auf der einen, das landzungen 
artige Dreieck zwischen der Diemelmündung und 
dem Hauptstrom auf der anderen Seite, der Aus 
blick in das Wiesental der Diemel selbst und im 
Hintergrund auf ragender Höhe die alte Ruine der 
Kruckenburg: Das Alles ist Romantik und es ist 
Lyrik, es ist die wilde Urwüchsigkeit eines Goya 
und es ist die zarte Anmut eines Cezanne... Wer 
weiß, ob ein Künstler überhaupt, vom Reflex eines 
Gefühls getroffen, aus eigenem Antrieb auf den 
Gedanken gekommen wäre, in ein derartiges Para 
dies Gottes ein ganze Stadt oder auch nur ein 
schlichtes Haus hineinzubauen? Und es ist geradezu 
als ein Wunder höherer Vorsehung zu bezeichnen, 
daß seiner Zeit um die Wunde des 17. Jahrhun 
derts der zwar künstlerisch gut beratene Landgraf 
Karl von Hesien für seine doch nur handelspoliti 
schen Zielen dienende Neugründung, dieses nach 
malige Carlshafen, einen Entwurf guthieß, der das 
idealste darstellt, was man von einem Stadtbild für 
diese Landschaft erwarten konnte. Sehen wir doch 
in diesem Stadtbau nicht etwa den Auftrag eines 
unerbittlichen Machthabers, sondern in der Tat die 
höchste Freude des Geistes, von dem auch sie be 
seelt ist. 
Es muß demnach die Vergeistigung der Natur 
sich wiederspiegeln in dem Stadtgepräge, es muß 
nicht nur nichts von der Romantik und der Lyrik 
der Landschaft verloren gehen, sondern es muß 
vielmehr, wenn irgend möglich, ihr Reiz und ihre 
Anmut noch erhöht, vergrößert und vielleicht noch 
verfeinert werden. Unser Baumeister und Künst 
ler, es war der Präfekt Friedrich Conradi und sein 
Mitarbeiter du Ry, hat das mit keinem anderen 
Mittel zustande gebracht, als mit einem hohen 
Maß von Selbstbeherrschung, mit einer bewun 
derungswürdigen Bescheidenheit und dem Sich-be- 
mühen nach einer Einfachheit, die man in der 
Naivität der Form ja gerade als das Maß eines 
Künstlers überhaupt betrachten könnte. 
Schon der Grundriß Carlöhafens verrät zugleich 
den Grundgedanken: Ein großes Rechteck von 
gradlinigen Häuser-Reihen und in dieses parallel 
und gleichmäßig eingefügt zwei gleichgroße kleinere 
Quadrate von Gebäude-Straßen. Zwischen diesen 
letztgenannten Komplexen, sozusagen im Mittel 
punkt der Stadt glänzt der stille verträumte 
Wasierspiegel des Hafens. 
Und ebenso einfach reiht sich im Einzelnen Haus 
an Haus und Fassade an Fassade. Keine Stein 
metzarbeiten, keine Balkons, keine Erker, nur 
schlichte weißgetünchte von grünen Schaltern und 
einfachen Türen unterbrochene Flächen, ein Haus 
mit zwei Stockwerken, wie das andere, auf dem 
einen mittenauf ein kleiner Giebel, wie auf dem 
anderen und nur lediglich die Giebel der Eckhäuser 
durch eine schwungvolle barockartige Linienführung 
verbreitert. Das ist die Ausdrucksform des natur- 
durchdrungenen Geistes. Daran ändert auch nichts 
die Tatsache, daß zum Beispiel der große Quadrat- 
bau des Jnvalidenhauses mit seiner durch große 
Langfenster und Säulenreliefs hervorstechenden Ka 
pelle das Gesamtbild unterbricht. Daran ändert 
nichts die besondere bauliche Kennzeichnung des am 
Hafen liegenden Rathauses, das die Dächer der 
Umgebung um nahezu das Doppelte überragt und 
desien hohe Säulenhalle der allgemeinen Häuser 
front vorgelagert ist. Nichts ändert auch daran 
das Uhrtürmchen obenauf, ja man könnte sogar an 
ihm die hohe Auffassung des Künstlers ganz beson 
ders erkennen, an dem durch feine Anmut betonten 
Übergang vom Baulichen zum Erbaulichen, von 
der Schlichtheit zur Erhabenheit oder gar vom 
Menschlichen, allzu Menschlichen zum einzig Gött 
lichen, zur Natur. — 
Und wie sich so in der Seele des Künstlers ein 
Werk geformt hat, das in seiner Gestaltung so un 
sagbar wenig von seinem Zweck im Sinne des 
Landgrafen Karl — der Erschließung des Han 
dels auf direktem Weg von der Weser nach Kastei 
mit Umgehung des hannoverschen Landes — ver 
riet, wenn man nicht etwa den Hafen selbst und
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.