Full text: Hessenland (42.1931)

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die französischen Kriegskontributionen nach 1806 
und die Ausgaben für die Befreiungskriege ent 
standene Schuldenlast von 217 Millionen Talern 
mußte verzinst und getilgt werden. Da die Ver 
zinsung schon 1822 ein Fünftel der Staatsein 
nahmen verschlang, war das fast unmöglich. Der 
Finanzminister bat um Enthebung von seinem 
Amt. Aller Augen richteten sich auf den gerade 
in Berlin weilenden tatkräftigen, jugendfrischen 
und kenntnisreichen Motz. Im Aufträge des 
Königs erging an ihn, seinen Freund Vinke 
und noch zwei andere Oberpräsidenten die Auf 
forderung, sich unabhängig von einander zu äußern, 
wie sie als Finanzminister den Staatshaushalt 
ins Gleichgewicht zu bringen gedächten. Motz 
hatte schon nach fünf Tagen seine Pläne in einem 
Immediatbericht entwickelt. Der König entschied 
sich für Motz. Am u. 6. 1825 wurde er Fi 
nanzminister. 
Wenn sich auch Motz als Westdeutscher zum 
Altpreußentum in manchem Gegensatz befand, so 
stand er ihm doch unbefangen und vorurteilslos 
gegenüber, ja es verknüpften ihn mancherlei An 
schauungen und Beziehungen mit den feudalen Ele 
menten. Da er auch keiner Partei verbunden war, 
war ihm seine unabhängige, freie Stellung sehr 
von Vorteil. Sein nächstes Bestreben galt der 
Festigung seiner Stellung. Dazu bedurfte es in 
erster Linie der Beseitigung der General-Kontrolle, 
die das Ministerium in allem hemmte und bevor 
mundete. Im April 1826 wurde sie aufgelöst. Es 
folgte die Neuordnung des Haushalts- und Kasten 
wesens, das Regulativ von 1828 gilt im wesent 
lichen noch heute. Auch bei der allgemeinen Ver- 
waltungsorganisation war sein Einfluß entscheidend. 
Seine Reisen durch das ganze Staatsgebiet 1826 
und 1827 vermittelten ihm eine gründliche Kennt 
nis von Land und Leuten, ihrer Erwerbsquellen und 
Erwerbsmöglichkeiten. Inzwischen war es ihm zum 
größten Erstaunen aller gelungen, die Finanzen nicht 
nur in Ordnung zu bringen, sondern auch ansehn 
liche Überschüsse zu erzielen. Schon im April 1826 
hatte er dem König melden können, daß der Fehl 
betrag von 904881 Talern nicht nur gedeckt, son 
dern sogar ein Überschuß von i Million Taler vor 
handen sei. Das war ihm möglich gewesen durch 
eine verständige Steuer-, Handels- und Verkehrs 
politik, insbesondere auch durch eine bessere Vertei 
lung der Lasten auf die Beitragspflichtigen und 
eine zwar schonende aber ergiebigere Ausnutzung der 
Steuerquellen. 
Reun machte sich Motz an die Zusammenfassung 
der wirtschaftlichen Kräfte unter preußischer Vor 
machtstellung, an die Begründung des Zollvereins. 
Die Lösung dieser Aufgabe im Einzelnen zu schil 
dern, würde zu weit führen, man möge sie bei 
Treitschke nachlesen. Eine Herkulesarbeit war es, 
die Motz sich vorgenommen hatte, deren Gelingen 
nur durch Überwindung von unzähligen Wider 
wärtigkeiten und bösartigsten Ränken, durch zähen 
Kampf gegen die Eifersucht der Mittelstaaten und 
durch geschicktes und mit Geduld gepaartes Ver 
handeln möglich war. 
Viele und ständige Nachtarbeit erschütterten 
seine Gesundheit. Im Sommer 1828 stellte sich 
ein Augenleiden ein, das sich als grauer Star er 
wies. Frau und Schwester beschworen ihn, sich zu 
schonen. Allein er wollte sich nicht dazu verstehen, 
weil er glaubte, daß die Durchführung seines Vor 
habens ohne volle Einsetzung seiner Kraft nicht 
möglich sei. Anfang Juli 1829 ging er auf zwei 
Monate zur Erholung nach seinem 11 300 Mor 
gen großen Besitz Kolno bei Birnbaum im Posen- 
schen, den er 1826 auf seiner Reise kennen gelernt 
und erworben hatte. Die wichtigsten Geschäfte 
führte er indes weiter. Der Landaufenthalt, der 
durch Beurlaubung bis Ende September ausge 
dehnt wurde, eine bestere Tageseinteilung und die 
Vermeidung der Nachtarbeit trugen zur Erholung 
seiner Nerven bei, auch das Augenlicht besterte sich 
wieder. So ging er Anfang Oktober wieder an 
seine Arbeit nach Berlin. Das strenge ärztliche 
Verbot der Nachtarbeit schlug er aber in den 
Wind, er schonte sich in keiner TÑeise. Gewiß 
harrten seiner schwierige Geschäfte, so der Streit 
mit Holland wegen der Rheinschiffahrt, desten Er 
ledigung er aber nicht mehr erleben sollte. Auch 
das Eisenbahnproblem beschäftigte ihn lebhaft, er 
hatte seine Bedeutung erkannt und plante den Bau 
mehrerer Bahnen im Rheinland und in Westfalen 
zur Förderung der Industrie und des Bergbaus; 
sein vorzeitiger Tod verzögerte die Ausführung. Am 
20. 3. 1830 begab sich Mbtz auf eine Reise nach 
Thüringen, um sich über den Stand der Straßen 
bauten zu unterrichten, die Preußen mit Bayern 
nnd Württemberg verbinden sollten, mit denen er 
im Jahr zuvor einen Zoll- und Handelsvertrag ge 
schlossen hatte. Auf dieser Reise hielt er mit seinen 
hessischen Vettern in Liebenstein einen Familientag 
ab, der seinen Plänen auch insofern diente, als er 
mit dem späteren kurhessischen Finanzminister Ger 
hard von Motz Kurhessens Beitritt zum Zollverein 
vorbereitete. Motz war kaum einige Tage von 
Berlin weg, als ihm ein Eilbote des Generalsteuer- 
direktors Maaßen, seines Nachfolgers im Amte 
und Vollenders seines Werkes nachgeschickt wurde, 
der eine Besprechung zwischen Motz und dem in 
zwischen in Berlin eingetroffenen bayerischen Mi 
nister Graf Armannsperg vermitteln sollte. Da 
Motz seiner Gesundheit zweifellos zuviel zugemutet
	        

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