Full text: Hessenland (42.1931)

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gend bedurfte, wurde Motz zum Finanzdirektor 
des Gouvernements bestellt. Ein Urteil aus jener 
Zeit über ihn lautet: „Troß der ungeheuren Ar 
beitslast zeichnete sich Motz wiederum in hervor 
ragender Weise durch schnelle Auffassung, ruhige 
Abwägung widerstreitender Ansichten, gesundes 
Urteil, lautere Gesinnung und völligen Mangel 
an bürokratischer Engherzigkeit ans." 
Auf dem Wiener Kongreß wurde Preußen u. a. 
auch der größte Teil des Fürstentums (der ehe 
maligen Abtei) Fulda zugesprochen, das seit Ende 
i8iZ unter österreichischer Verwaltung stand. Eö 
bestand von vornherein die Absicht, Fulda gegen 
die bis 1807 hefsen-kastelsche Grafschaft Nieder- 
kaßenellnbogen auszutauschen. Die Abrechnung 
mit Österreich, die einstweilige Verwaltung des 
Landes und die Übergabe und Abrechnung mit 
Kurhesten wurde Moß übertragen, einesteils des 
halb, weil er als eifrig, geschickt und tatkräftig be 
kannt war, andernteils weil man sich von ihm, 
dem geborenen Hessen, der mancherlei gute Be 
ziehungen zu seiner Heimat und dem hessischen 
Hofe hatte, Förderung der Sache versprach. Am 
27. 7. 1815 übernahm er im Schlosse zu Fulda 
das Land für die Krone Preußen. Moß ging 
guten Mutes und mit gewohnter Tatkraft ans 
Werk, obwohl stch das Land infolge der voraus 
gegangenen Mißwirtschaft in einem trostlosen Zu 
stande befand. Die Fuldaer Bevölkerung, die 
seit dem Untergänge der Abtei 1802 sechsmal 
den Herrn gewechselt hatte, verlangte dringend 
preußisch zu bleiben. Der Berater und Helfer 
Moß', der fuldische Geheime Finanzrat Menz, 
verfaßte eine vorzügliche Denkschrift, in der er die 
Wichtigkeit des Besitzes Fuldas für Preußen 
überzeugend darlegte. Moß ergänzte sie weitblik- 
kend durch eigene Erwägungen, in denen er beson 
ders darauf hinwies, wie vorteilhaft der Besitz 
Fuldas in wirtschaftlicher und militärischer Hin 
sicht als Brücke zwischen den beiden preußischen 
Staatshälften sei, wenn Hanau und Gelnhausen 
im Tauschwege von Hesten hinzuerworben werden 
könnten; im Falle eines Krieges wären dann die 
norddeutschen Mrttelstaaten von den süddeutschen 
und Österreich abgeriegelt. Hardenberg nahm den 
Plan mit großer Befriedigung auf, hielt ihn aber 
wegen des voraussichtlichen Widerstandes Öster 
reichs, dem eine Stärkung Preußens unerwünscht 
sein mußte, für undurchführbar. So wurde Fulda 
am 5.2.1816 an Kurhesten gegen Niederkatzen- 
ellnbogen abgetreten, das wiederum gegen das 
Siegerland an Nassau vertauscht wurde. 
Moß wurde nun als Regierungs-Vizepräsident 
uack Erfurt berufen und 1817 zum Regierungsprä 
sidenten des Erfurter Bezirks ernannt. Zusam 
mengeflickt aus einer großen Zahl verschiedener Ge 
biete, räumlich zerrissen, war eine Verschmelzung 
derselben zu einem einheitlichen Ganzen um so 
schwieriger, als acht verschiedene Verfassungen im 
Bezirke galten, der an vierzehn Bundesstaaten 
grenzte. Während der westfälischen Zeit waren 
die Wälder übel zugerichtet worden, die Industrie 
lag darnieder, mehrere schlechte Ernten hatten 
Hungersnöte hervorgerufen, das Land war ausge 
sogen. Hier Wandel zu schaffen, erforderte 
einen ganzen Mann, und der war Moß. So 
holte man auch seinen Rat für die Lösung der 
preußischen Verfastungsfrage und die Neuordnung 
der Verwaltung und des Finanzwesens ein. Seine 
Vorschläge erregten in Berlin große Aufmerk 
samkeit, später konnte er sie als Minister verwirk 
lichen. Nachdem Preußen 1818 mit dem Mer 
kantilismus gebrochen, einen Mittelweg zwischen 
Schutzzoll und Freihandel beschritten und seine 
beiden Staatshälften mit einer Zollgrenze um 
geben hatte, in welche die von Preußen umschloste- 
nen Gebiete anderer Bundesstaaten einbezogen 
wurden, bekam Motz zum ersten Male Gelegen 
heit, sich auf dem Gebiete der Zollpolitik zu be 
tätigen. Er ebnete dem ersten Zollvertrage, dem 
zwischen Preußen und Sondershausen, die Wege. 
1821 wurde Motz zur Wahrnehmung der Ge 
schäfte des erkrankten Oberprästdenten nach Magde 
burg berufen, Oktober 1824 wurde ihm die Stelle 
endgültig übertragen. Damit erhielt er Zutritt 
zu den Beratungen des Staatsrates in Berlin. 
Er wurde vom Könige und vom Kronprinzen, die 
ihn beide sehr schätzten, öfters zur Tafel herange 
zogen. Es stand gerade der Gesetzentwurf zur 
Regelung der gutsherrlichen und bäuerlichen Ver 
hältnisse in Westfalen zur Beratung. M"otz' Ver 
trautheit mit den westfälischen Verhältnisten und 
seine Kenntnis der Gesetzgebung des ehem. Königs 
reichs Westfalen kamen ihm nun sehr zustatten. 
Zn der Aussprache kam es gelegentlich zu erheb 
lichen grundsätzlichen Meinungsverschiedenheiten 
zwischen ihm und dem Referenten, dem Herrn von 
Savigny, seinem großen Landsmann. Motz drang 
jedoch mit seiner Auffassung durch. Sein gewand 
tes und sicheres Auftreten hatte großen Eindruck 
gemacht. M'ari gewann allgemein die Überzeu 
gung, daß Moß wohl fähig sei, alle Schwierig 
keiten spielend zu lösen. 
Die Finanznöte Preußens waren gerade da 
mals aufs höchste gestiegen, der Finanzminister 
wußte nicht mehr ein noch aus. Handel und 
Wandel lagen darnieder, die Getreide- und Vieh- 
preise waren unerhört gefallen, die Grundstücks 
preise im Durchschnitt auf die Hälfte, vielfach auf 
den vierten und fünften Teil gesunken. Die durch
	        

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