Full text: Hessenland (42.1931)

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Am Sonntage den 2ten dieses beredete ich mich mit 
des perrn Landgrafen Friedrich Durchlaucht und den 
beiden perrn Ministern über die Lage der Dinge, und 
von allen wurde ich ermahnet, möglichst schnell Cassel 
zu verlassen, da man augenblicklich zu erwarten habe, 
daß Beschlag auf die Lassen beleget werden würde. 
Meine arme Frau, welche sich die Möglichkeit mei 
nes Abgangs gar nicht vorstellen konnte, machte mir 
die bittersten Vorwürfe darüber, daß ich ihren schon 
oft erneuerten Bitten: 
nun, nachdem ich den besten und längsten Theil 
meines Lebens dem Dienste Eurer Kurfürstlichen 
Durchlaucht mit ohnunterbrochener, unnennbarer 
Anstrengung lediglich gewidmet hätte, meinen 
Abschied zu nehmen und den vielleicht nur ganz 
kurzen Theil meines übrigen Lebens, für welchen 
mir meine mancherlei Kenntnisse zum wenigsten 
meine bisherige Einnahme sichern müßten, im 
Schoße einer glücklichen Familie bei allgemeiner 
Eintracht und ohne Mischung einiger traurigen 
Erinnerungen zuzubringen, 
aus zu großer Ergebenheit für Eure Kurfürstliche 
Durchlaucht nicht nachgegeben habe. 
Die edelste Frau und liebevollen Kinder lies ich in 
der größten Verzweifelung, ohne jede Unterstützung, 
zurück und ging mit meinem Bedienten, im Anzuge 
von pandwerksburschen, nichts bei mir habend, als 
was ich auf dem Leibe trage, zu Fuß ab bis nach 
Wolzhausen. 
(D! gnädigster Kurfürst! hätten pöchstsie die Scene 
der Trennung von meiner größten Wohlthäterin an 
sehen können, eine schnelle Veränderung meiner Lage 
würde mir gewiß zu Theil geworden seyn. 
Mich macht die Erinnerung daran noch wahnsinnig. 
Zu Wolzhausen nahm ich einen Bauernwagen und 
suhr bis nach Veckerhagen, wo ich zu meinem höchsten 
Erstaunen in Erfahrung brachte, daß man in der 
ganzen Gegend Kenntniß von den in S. x ) aufbewahr 
ten Sachen hat. Leider! bestätigte diese traurige Er 
fahrung meine mehrmals unterthänigst vorgetragene 
Bemerkung, daß man im Lande nichts mit Sicherheit 
ausbewahren könne. 
Das Iägerkommando in S x ) hatte man wahrschein 
lich ganz vergessen und da die Franzosen dasselbe nicht 
stehen lassen werden, so habe ich dessen Abgang an« 
gerahten und den Renthmeister Schwedes 3 ) um Got 
teswillen gebeten, die möglichst größte Sorgfalt für 
die Erhaltung der Sachen anzuwenden, auch den Dber- 
baudirektor Iuffow durch den in einem ganz stmpelen 
Anzuge nach Lasfel geschickten Förster Bauer von 
allem benachrichtiget. Von Veckerhagen bis nach 
Göttingen nahm ich mir ein Bauernpserd und von 
letzterem Mrte an Post. 
In Hannover wunderte man sich, daß der öster 
reichische Gesandte von lvessenberg nach dem Abgänge 
von Eurer Kurfürstlichen Durchlaucht nicht alsbald 
abgereiset sey und hielt dafür, daß er in mancherlei 
pinsicht gar nicht in Lasse! bleiben könne. 
Meine Todesangst wurde hierdurch verdoppelt, da 
die Quintessenz von allen Nachrichten, mit Eurer 
Kurfürstlichen Durchlaucht höchsten Genehmigung, in 
den letzten Augenblicken, demselben zur Verwahrung 
gegeben worden ist und ich noch mein Lonzepte, mit 
x ) Sababurg. 
2) „Christian Ludwig Schwedes, Rentmeister a. 
Burggraf" Amt Sababurg, kurhess. Staats» u. Adreß- 
Kal. v. \ 805 , Nieder-Peffen S. 27 u. 
Nachweisungen über die in jeder Kiste enthaltenen 
Sachen gnädigster Vorschrift gemäß, an denselben ab 
geben mußte. 
Ich habe tausend Pläne gemacht und verworfen 
und glaubte endlich Sicherheit und das Mittel, größere 
Dienste zu leisten zu finden, wenn ich von des Herrn 
Landgrafen Larl Durchlaucht die Auswirkung eines 
dänischen Titels, um welchen ich auch gebeten habe, 
erlangen könnte. 
Nach reiferer Überlegung beschloß ich, meinen Be 
dienten, auf dessen Treue ich Felsen bauen kann, und 
welchen wenige Leute in Lasse! kennen, mit Lrtheilung 
der durchdachtesten Vorsichtsmaßregeln dahin zu schik- 
ken und ihn einen Brief an das Kurfürstliche Geheime 
Ministerium, welcher Einrichtungen zu einer Reserve 
kasse für Eure Kurfürstliche Durchlaucht betrifft, und 
einen andern an meine Frau bringen zu lassen, worin- 
nen ich ihr rathe, mir mit ihren Sachen nachzukom 
men und in große verschlüge zu denselben auch alle 
bei dem Herrn von lvessenberg verwahrte Sachen, 
deren Abholung mit größter Behutsamkeit mitten in 
der Nacht geschehen müßte, zu legen. Die Briefe 
habe ich ihm in das Futter feines Untercamifols ge 
nährt. 
Hannover fand ich indessen gut zu verlassen, weil 
man Besorgnisse wegen meines längeren Aufenthalts 
deutlich zu erkennen gab. 
Mein Bedienter mußte schon gestern abend zurück 
kommen und im Augenblicke (des Nachmittags um 2 
Uhr) ist er noch nicht da. Ich befürchte, daß man 
ihn aufgefangen hat und alles, bis auf die Sachen in 
L., verloren ist. 
Nach Kassel will ich nun eiligst zurückkehren und 
retten was ich kann. 
Der General Mortier hat alle Staabsofficiere von 
der Lasselschen Garnison versammeln lassen und ihnen 
bekannt gemacht, daß er jeden hessischen Dfficier er 
schießen lassen würde, welcher es wage, über die 
Franzosen zu raisonniren. 
Die Einquartierungslast ist nicht zu ertragen. Ich 
glaube, daß die höchste Anwesenheit von Eurer Kur 
fürstlichen Durchlaucht vieles mindern würde. 
Der Kammerherr von dem Busche-Hünnefeld zu 
Hannover wünscht, daß Eure Kurfürstliche Durchlaucht 
gnädigst geruhen möchten, über ihn bei jedem vor 
falle nach höchsten Gutfinden zu disponiren. 
Schillerschlag 3 ), am 8. November 1806 . 
Ich verharre in tiefster Unterwerfung 
Eurer Kurfürstlichen Durchlaucht 
unterthanigsten, treuer und 
pflichtschuldigsten Diener 
Buderus. 
Durchlauchtigster Kurfürst, 
Gnädigster Kurfürst und Herr, 
Mit ehrfurchtsvollster Beziehung auf meine Anzeige 
vom 8ten des Mts. aus Schillerschlag verfehle ich 
nicht weiter unterthänigst zu berichten, daß ich auf 
meiner beabsichtigten Zurückreise nach Lasse! vorgestern 
nur bis Hannover gekommen bin und daselbst die An 
wesenheit des Generals Mortier mit einem Theile 
von seiner Armee nahe bei der Stadt — sodann wei 
ter erfuhr, daß die von Lasse! zurückgekommenen han 
noverschen Deputierten ausgesagt hätten: den Fran- 
3 ) liegt etwa in der Mitte zwischen Hannover und 
Lelle.
	        

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