Full text: Hessenland (42.1931)

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viel mehr noch der früheren Vorgesetzten erregen, 
denen er bei der Beförderung vorgezogen wurde. 
Zu diesen gehörte z. B. ein Kriegsrat Harnier, der 
Vater des Chefs des Bankhauses Rüppell und 
Harnier in Frankfurt a. lM. Diese Firma wurde 
später durch Buderus wie noch eine Reihe anderer 
in Frankfurt und Kassel aus dem Geldverkehr mit 
dem Kurfürsten verdrängt, um ihn ganz allein in 
: den Händen des Ntarmeö zu belasten, der sich als 
' besonders tüchtig, gefällig, zuverlässig und treu er 
wiesen hatte und noch erweisen sollte, wie wir heute 
wisten; das war eben Meyer Amschel Rothschild, 
der frühere Münzenlieferant des Erbprinzen. In 
dieser Finanzoperation, der Graf Corti geradezu 
weltgeschichtliche Bedeutung beimißt, haben wir 
die Höchstleistung des Rechenkünstlers Buderus zu 
erblicken, einen Rekord, wie man heute sagen 
würde, der nie geschlagen worden ist und der seines 
gleichen in der Geschichte des Geldwesens überhaupt 
nicht hat. Mit den Wilhelmsbader Hellerbrüchen 
und den Nauheimer Salzkreuzern verglichen tritt 
die fernblickende Arbeit dieses Finanzgenies erst 
recht in die Erscheinung, wenn wir uns das Ziel 
seines großzügigen Planes vor Augen halten: die 
Zusammenlegung und Bewegung von Millionen 
und Abermillionen.' Das Dreigestirn am hesstschen 
Geldhimmel, jetzt glänzte es im hellsten Lichte, aber 
nicht zum Segen des Landes und des Volkes. Das 
gewagte Unternehmen ist Buderus in vollem Um 
fang geglückt und allen Dreien zugute gekommen: 
dem Kurfürsten, Rothschild und Buderus selbst, 
den Rothschild später als stillen Teilnehmer auf 
nahm (Anl. i), allerdings mit einem nur geringen 
Kapital. Wer wollte ihm hieraus einen Vorwurf 
machen, wo sich an Geburt und Rang viel höher 
Stehende, deren Noamen ich nicht zu nennen 
brauche, dieses Mittels ebenfalls bedient haben und 
sich noch in unseren Tagen seiner bedienen? Zu 
der Mißgunst und dem Neid in der Beamtenwelt 
kam aber für Buderus nach der Ausführung seines 
Meisterstücks im Geldwerk nun noch die offene oder 
heimliche Feindschaft der zahlreichen großen und 
kleinen ausgeschalteten Bankfirmen. — So 
So standen die Dinge, als sich der Kurfürst fern 
von seinem Lande in Schleswig in der Verbannung 
aufhielt. Er hatte ja in dem unseligen Jahre 
1806 am i. November infolge seiner unschlüssigen 
politischen Haltung Hals über Kopf Kastei ver 
kästen müsten. Auf seinen ausdrücklichen Befehl 
war ihm Buderus andern Tags gefolgt, allerdings 
nicht im sechsspännigen Reisewagen wie der hohe 
Herr, sondern zu Fuß, als Handwerksbursche an 
gezogen, ein Felleisen auf dem Rücken und nur von 
seinem treuen Diener namens Waitz begleitet. 
Der Weg führte zunächst über Holzhausen durch 
den Reinhardswald nach Veckerhagen und weiter 
hin durch hannöverisches Gebiet nach Hamburg. 
Anf dieser äußerst gefahrvollen Reise, die ihm nach 
10 Jahren übrigens von Seiten seiner ehemaligen 
Untergebenen als feige Flucht ausgelegt wurde, 
schrieb Buderus zwei Briefe an den vorausgeeilten 
Kurfürsten, deren Kenntnis ich Herrn Profestor 
Dr. Losch in Berlin, dem trefflichen Biographen 
des Kurfürsten, verdanke. Es stnd dies geschicht 
liche, bis heute, soweit mir bekannt ist, noch nicht 
verwertete Dokumente, die die panikartigen Zu 
stände in Kassel nach dem Einbruch der Franzosen 
und die verzweifelte Lage, in die Buderus geraten 
war, grell beleuchten. — Anl. 2.) 
Anlage 
Zwischen dem geheimen Kriegsrath Buderus von 
Larlshausen und dem Handelshaus MeySr Amschel 
Rothschild zu Frankfurt ist heut folgende verbindliche 
Übereinkunft geschlossen worden: 
t. Der aeh. Kriegsrath Buderus von Earlshausen 
hat dem Bankhaus Meyer Amschel Rothschild 
ein Kapital von 20000 fl. im 2 <\ fl. F. übergeben 
und versprochen, dem Handlungshaus in allen 
Handlungsgeschäften nach seinen besten Einsichten 
guten Rath zu ertheilen und nach Thunlichkeit 
beförderlich zu sein. 
2. Das Handlungshaus Meyer Amschel Rothschild 
verspricht dagegen dem geh. Kriegsrath Buderus 
von Larlshausen den aus das erhaltene Kapital 
von 20 000 fl. fallenden Gewinnst der Handlung 
. treulich zu berechnen, und gestattet demselben zu 
dem Ende jeder Zeit Einsicht in alle Bücher zur 
Überzeugung von der rechtlichsten Behandlung. 
3 . Zur Aufhebung der Übereinkunft von der einen 
oder andern Seite bedarf es einer smonatlichen 
Kündigung. 
Diese Übereinkunft ist 2 mal ausgefertigt und von 
jedem Theil unterschrieben und besiegelt worden. 
Frankfurt den J7. Februar 1809. 
M. A. R. 
E. F. B. v. E. 
Anlage 2. 
Durchlauchtigster Kurfürst, 
Gnädigster Kurfürst und Herr. 
In der qualvollsten Lage, in welcher je ein Sterb 
licher gewesen seyn kann, schreibe ich heute an Eure 
Kurfürstliche Durchlaucht. 
Heute vor 8 Tagen mußte ich noch einer Kriegs» 
Lollegii-Session bis um 9 Uhr des Abends beiwohnen, 
worin bedeutende Lieferungen von Fourage, Brod, 
Brandewein, Kartoffeln, Holz und Stroh für die fran 
zösische und holländische Armeen begehrt wurden, und 
während unserer Berathschlagung geschah die Anzeige, 
daß unser angefüllt gewesenes Fouragemagazin mit 
Gewalt erbrochen und geleeret worden sey. Ich habe 
in Vorschlag gebracht, daß eine permanente Kom 
mission von Mitgliedern aus mehreren Lollegien er 
nennet und von derselben die Requisitionsangelegen 
heit behandelt werden möchte.
	        

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