Full text: Hessenland (42.1931)

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wieder günstiger als Ackerland. Das drückt sich deut 
lich in den Zinssätzen aus, die für die besten Mbjekte 
gegen Ende des ^5. Jahrhunderts den fünfprozentigen 
Zinsfuß erreichen. 
Im Gegensatz zu dem mit dem Patriziat verbunde 
nem Ahnaberger Kloster finden wir beim Weißen- 
steiner Kloster, das mit dem Landadel zusammenhängt, 
überhaupt keine Geldgeschäfte; Kloster Weißenstein ist 
dagegen wertvoll für die mittelalterlichen Pacht- und 
Kolonenverhältnisse; das Kloster Kaufungen Hinwider 
tätigt Kapitalanleihen, ein Geschäft, das das ritter- 
fchaftliche Stift Kaufungen noch bis in die erste Hälfte 
des \y. Jahrhunderts fortsetzte, wie uns Dr. von 
Gilsa so schön nachgewiesen. 
Fräulein Lins erwähnte kurz, daß sie bei einem 
Besuche des Wilhelmshöher Schlosses dort kein Bild 
des letzten Kurfürsten gesehen habe, nur eine Büste 
des Königs Jerome, was sie sehr erstaunte. Zoll- 
direktor Woringer bemerkte dazu, daß er die Frage 
noch zu verfolgen gedenke. 
Zum Schluß gab Herr Woringer noch die Darstel 
lung eines Unterschlagungsfälles, der sich in der ersten 
Hälfte des J8. Jahrhunderts zu Wolfsanger zutrug. 
Während aber in heutiger Zeit die Unterschlagungen 
meist in die Tausende und Millionen gehen, beliefen 
sich diese auf minimale Beträge. Am 27 . März J 7<*7 
meldete der Amtmann Joh. Ehr. Kopp der Regierung, 
daß er bei der Erhebung der direkten Steuern (Kon 
tribution) Unregelmäßigkeiten festgestellt habe. Ange 
schuldigt wurden der Gemeindeerheber Joh. Menz und 
der Grebe Joh. Ludwig Dölle. Da sich ein Rechen 
fehler in der Lrhebeliste eingeschlichen hatte, durch 
welchen 26 Albus im Jahr zuviel erhoben wurden, 
hatte Dölle feine auf J 5 Albus berechnete Kontri 
bution überhaupt nicht gezahlt, Menz hatte sich dann 
den Rest angeeignet. Die Untersuchung stellte fest, daß 
die Regierung keinen Schaden erlitten habe, nur die 
Steuerzahler von Wolfsanger. Die Referenten bean 
tragten für Dölle eine Gefängnisstrafe von einem 
Jahr oder joo Reichstaler Geldstrafe, für Menz etwa 
die Hälfte, dazu alle Kosten. Der Landgraf entschied 
für Gefängnisstrafe, die denn auch von beiden verbüßt 
wurde. Da heute die Mindeststrafe für Unterschlagun 
gen im Amte auf drei Monate Gefängnis festgesetzt 
ist, kann man die härte früherer Strafen gegen heute 
ermessen. 
Lebhafter Beifall hatte allen Rednern gedankt. Ein 
von Stadtbibliothekar Paul Heidelbach noch vorgesehener 
Vortrag mußte der vorgerückten Zeit wegen auf den 
nächsten Unterhaltungsabend verschoben werden. 
Zweigverein Marburg. 
Zur ersten Winterveranstaltung, die am Freitag, 
dem 2t-November, einen Vortrag aus dem Gebiet 
der Volkskunde brachte, hatte mit dem Geschichtsver 
ein auch der Verein für Heimatschutz in Kurhessen 
seine Mitglieder eingeladen. Der Vorsitzende des 
hessischen Geschichtsvereins, Prof. Kürschner, gab zu 
nächst bekannt, welche Vorträge für den Winter in 
Aussicht genommen sind, und bat unter Hinweis auf 
das soeben herausgekommene heft des „Hessenland" 
um Werbung für diese Heimatzeitschrift. Darauf er 
teilte er Herrn Metropolitan a. D. Lic. Dr. Boette 
das Wort zu seinem Vortrag über das Heimweh des 
Volkes. 
Der Vortragende führte etwa Folgendes aus: Im 
Heimatgefühl hängen die Menschen mit der Natur zu 
sammen. Unbewußt bleibt es dem Naturmenschen, 
der einen Unterschied zwischen sich selbst und seiner 
Umwelt nicht kennt. Das volle Heimatgefühl entwik- 
kelt sich erst mit dem Einsetzen des Ackerbaus, am 
meisten bei denen, die den Ackerbau betrieben, bei den 
Bauern. Bei den anderen Ständen ist es wohl auch 
zu finden, doch nicht von der verzehrenden Art wie 
gerade bei den Bauern. Die Vertrautheit mit der 
Heimat ist es, die den Bauern sich in der Fremde nicht 
wohlfühlen läßt, die Fremde ist ihm das Elend. Diese 
mehr allgemeinen Ausführungen beleuchtete der Vor 
tragende durch einzelne Züge, die von seiner feinen 
Beobachtung des Volkes nicht weniger Zeugnis ab 
legen wie von der tiefen Innerlichkeit, die beim Volke 
zu finden ist. Bei Frauen und Mädchen äußert sich 
das Heimweh viel fassungsloser als bei Burschen und 
Männern, die nicht so kindlich fest an der Heimat hän 
gen und wissen, daß sie einmal in die Fremde müssen. 
Der Vortragende wies dabei auf die Tatsache hin, daß 
die Frauen auch viel fester an Tracht und Mundart 
halten als die Männer. Das Haus ist dem Bauern 
eine Welt für sich, es muß so bleiben wie es ist. Der 
Auswanderer, der nach langen Jahren zum Besuch 
seiner Heimat kommt, besieht erst das Haus von oben 
bis unten, ehe er sich seinen Bewohnern zuwendet. 
Die Mächtigkeit des Heimwehs kann zur Verzweiflung 
führen, wenn ein Dienstmädchen das Gehöft seiner 
Herrschaft ansteckt, ja sie kann eine vollkommene Zer 
rüttung des Gemütszustands und den Tod verursachen. 
Ergreifend ist die Geschichte der Kranken, die fern 
vom Heimatdorf nicht sterben kann. Das Volk hat 
Verständnis und ein feines Empfinden für die heimat 
kranken, es hält aber auch an der Forderung fest, in 
der Fremde auszuhalten und zu arbeiten. In seinen 
Mitteln, die es gegen das Heimweh kennt und in denen 
z. T. Reste eines mystischen Glaubens enthalten sind, 
bekundet sich eine zärtliche und treue Sorge für seine 
Mitmenschen, die draußen ihre Kraft und ihren Froh 
sinn behalten sollen. Der Vortragende schloß mit der 
Frage: Wer mag eines solchen Volkes und seiner 
Bräuche spotten? 
Herr Amtsgerichtsrat von Baumbach sprach in 
einem Schlußwort den Dank der Zuhörer für den 
eindrucksvollen Vortrag aus. 
Nach kurzer pause schloß sich die Hauptversammlung 
des Marburger Zweigvereins oes Vereins für hessische 
Geschichte und Landeskunde an. Nach der Erstattung 
der Berichte des Vorsitzenden, des Kassenführers und 
Konservators folgte die Vorstandswahl, die Wieder 
wahl des Vorsitzenden (Prof. Kürschner), des Kaffen- 
führers (Geheimrats Heer), des Schriftführers 
(Staatsarchivrats Dr. Gutbier) und des Konservators 
der Sammlungen (Kunstmalers Giebel) ergab. Den 
Beschluß des Abends machte ein gemütliches Zusam- 
inensein bei Bopp. 
Am Sonntag, dem 23 . November, besichtigte eine 
große Anzahl von Mitgliedern des Geschichtsvereins 
unter der liebenswürdigen und sachverständigen Füh 
rung des Herrn Dr. Kippenberger das im Bau des 
Kunstinstituts untergebrachte Museum. Ist das 
Museum jetzt auch noch im Entstehen, und wird die 
Einrichtung erst in geraumer Zeit vollendet sein, so 
hat doch diese Führung wieder gezeigt, welche Schätze 
hier vorhanden sind, welche Kostbarkeiten immer wie 
der aus dem Magazin der Sammlung des Geschichts- 
vereins gehoben werden und zu sachgemäßer und wir 
kungsvoller Aufstellung gelangen. 
(Vberheffifche Zeitung.)
	        

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