Full text: Hessenland (42.1931)

314 
Der Raum verbietet es, alle seine Verdienste um 
unsere Landesuniversitätsstadt aufzuzählen. Um sein 
Andenken lebendig zu erhalten, hat Marburg schon 
zu seinen Lebzeiten den Weg oberhalb der Ketzer- 
bach „Friedrich-Siebert-Weg" und die Schutzhütte 
auf dem Weg zur Bismarcksäule „Siebert-Ruh" 
benannt. Reicht nur für städtische Angelegenheiten 
aller Art, auch für die studentischen Belange unserer 
Musenstadt hat er, der Mitbegründer der Lands 
mannschaft Hasso-Borusfia, unermüdlich gewirkt. 
Zum Dank überreichten ihm bei seinem 85. Ge 
burtstage die im Marburger Studentenausschuß 
vertretenen Verbindungen ein Blumengewinde, das 
von den Farben aller Korporationen Marburgs ge 
schmückt war. Nach dem Satze „Was sich liebt, 
das neckt sich", mußten die Marburger erleben, daß 
der Schwan, der über der ihm gehörenden Alten 
Universitäts-Apotheke „Zum Schwan" in der Bar- 
füßecstraße hing, in den Stiftungsfesttagen über 
Nacht eine andere Färbung zeigte. (Mit gutem 
Humor ging er auf diesen Scherz ein. Hatte er 
doch eines Tages, als sein Haus frischen Anstrich 
erhalten hatte, die Teutonen wissen lassen, er wolle 
diesmal den Schwan lieber selbst färben. Der 
tollste Studentenscherz war wohl, daß er, im Som 
mer in Karlsbad zur Kur weilend, eine große Kiste 
bekam, die — den Schwan seiner Apotheke enthielt. 
Bücherschau. 
Zum ersten Male in unserer Zeitschrift soll im fol 
genden über ein Hauptwerk berichtet werden, dem man 
über den engen Bezirk, für den es gedacht ist, hinaus 
Verbreitung wünschen darf. Es ist der Heimat- 
kalender für den Kreis Hofgeismar, her 
ausgegeben vom Kreisausschuß, dessen Beauftragter der 
Lehrer Willi Vesper ist. Die bildliche Ausstattung liegt 
in den Händen des bekannten Kunstmalers Adolf Faust. 
Der Kalender liegt bereits in vier Jahrgängen vor, 
immer gleich schön und gleich gediegen. Oer jetzt neu 
erschienene aber hat einen Vorzug: er verfolgt nämlich 
neben dem gesellschaftlichen Ziel, der Bindung der Kreis- 
einwohnerschaft an die heimatliche Welt, auch ein lite- 
rarisch-wisfenschaftlliches. Es ist diesmal die Frage: 
Was hat sich im siebenjährigen Krieg in unserer Hei 
mat zu getragen? Daß dabei die Mohrsche Erzählung 
vom Trommelbuben von Wilhelmsthal abgedruckt wird, 
ist nicht verwunderlich. Wertvoll sind aber vor allem 
die Auszüge aus Arbeiten des verstorbenen Historikers 
F. Pfaff, die zum Teil hier erstmalig erscheinen und so 
der Nachwelt erhalten bleiben. (Wie wir hören, stehen 
noch mehr Manuskripte dieses Forschers zur Verfügung.) 
Andere Beiträge erweitern das Bild. Daneben findet 
man natürlich Anekdoten, Sprüche, Gedichte, statistische 
Angaben und das übliche, aber sehr schön heimatlich 
gehaltene Kalendarium. Für die folgenden Jahrgänge 
empfehlen wir, die diesjährige Weise der inhaltlichen 
Konzentration beizubehalten, sie aber auch einmal vom 
Historischen zum Volk- und Sprachkundlichen hin ab 
zuwandeln. Dr. M. 
Auch die weitere Umgebung Marburgs zeigt seine 
hellaufleuchtenden Verdienste. Ein Beispiel ist, daß 
er sich für den Bau der Eisenbahnen (Marburg— 
Kreuztal, Marburg—Frankenberg, Marburg— 
Gladenbach und Marburg >—Dreihausen aufs 
tapferste einsetzte. Alles in allem: Er war ein nahe 
zu vollkommener Charakter, wie wir ihn selten unter 
uns Erdgeborenen finden. Sein Wesen war von 
einer wundervollen Harmonie. Zweifellos gehört 
Friedrich Siebert zu den verdienstvollsten (Männern, 
die (Marburg in den letzten Jahrhunderten gehabt 
hat. Damit ist seine Bedeutung über die Gren 
zen Marburgs hinausgerückt. Friedrich Siebert 
war verwandt mit den alten hessischen Familien 
Wigand und Eckhardt und durch seine Frau, geb. 
Rohde, auch mit dem kurhessischen Minister Rohde. 
Sein Bildnis erinnert mit seiner großen Her- 
zenögüte und seinem hellen Verstände an einen 
Patriarchen. Gegenüber seinen Mitmenschen hatte 
er das Bibelwort wahr gemacht: „So jemand will 
unter euch gewaltig sein, der sei euer Diener." 
Das ist gerade in diesen Zeiten eine Mahnung an 
jeden von uns, nach Kräften solcher Persönlichkeit 
nachzueifern durch Dienste aller Art am Nächste», 
zur Wiederaufrichtung unseres Vaterlandes. Hoch 
betagt starb der Ehrenbürger Marburgs am 
1 1. (Mai 1918. 
Dr. Wilhelm S ch 0 0 f (Hersfeld): „Das Kin 
zig t a l und die Brüder Gr im m". Sonderdruck 
eines im Gelnhäufer Gefchichtsverein gehaltenen Vor 
trags in „Die Heimat" Nr. g. Beilage zum „Geln- 
häufer Tageblatt". 
In diesem Vortrag gibt der eifrige Grimmforscher 
eine auf teilweise bisher unbekanntes und noch ungedruck 
tes Material, besonders Briefe, gestützte Zusammen 
fassung der Beziehungen der Brüder Grimm zu den 
Orten Schlüchtern, Steinau, Soden-Salmünster, Bir- 
stein, Büdingen, Gelnhausen und Hanau. Vor allem zu 
Steinau, dem Ort, den sie von 1791—98 bewohnten, wo 
sie ihre eigentliche Kindheit verlebten, ihre Jugendfreund 
schaften schlossen, die ersten tiefen Erlebnisse vor dem 
frühen Tod des Vaters und die Konformation hatten, 
wo durch die Schönheit der Gegend in dem dafür emp 
fänglichem Gemüt der Knaben ein echtes Heimatsgefühl 
erweckt wurde, das sie später immer wieder zum Besuch 
dieses „Jugendparadieses" trieb. Aus dieser Gegend 
stammt ein Teil der schönsten Märchen von Jakob Wil 
helm Grimm und der besten künstlerischen Arbeiten von 
Ludwig Grimm. Mit unermüdlichem Fleiß ist Schoof 
allen diesen Beziehungen bis auf Stammbaumdaten der 
in dortiger Gegend ansässigen Verwandten der Familie 
nachgegangen. Eine Anzahl abgedruckter Briefe der 
Brüder Grimm geben dem Dortrag einen eigentümlichen 
Neiz und besonderen Wert. W. K.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.