Full text: Hessenland (42.1931)

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infolge der zentralen Lage des Landes über gewal 
tige Ausdehnung, und es gab ganze Dörfer und 
Städte im Hefsenlande, die fast ausschließlich von 
Fuhrleuten bewohnt waren oder doch durch sie 
allein lebten, so Fulda, Alsfeld, Nieder-Breiden- 
bach, Jesberg, Lutterberg, Munden, Scheden, 
Ellershausen, Witzenhausen, Waldkappel und 
viele andere x ). Aber auch andere Städte und 
Dörfer wiesen zahlreiche Fuhrmannsgewerbe auf, 
Ortschaften, die nicht eigentlich zu den Fuhrmanns 
orten zu rechnen find, wie in Kassels näherer Um 
gebung Melsungen, Kaufungen, Großalmerode, 
Lichtenau, Rotenburg, Treysa, Besse, Martins- 
Hagen, Spangenberg usw. Ja, Kassel selbst hatte 
im Jahre 1846 noch 66 Fuhrwerksgewerbe, 
während die Zahl sämtlicher in Kurhefsen ansässi 
gen Fuhrwerksunternehmer im gleichen Jahre 684 
betrug * 2 ). 
Daß gerade Hessen im Fuhrmannswesen ver 
gangener Zeiten eine besondere Rolle spielte, er 
klärt sich, wie erwähnt, aus seiner zentralen Lage 
zu den deutschen Hauptverkehrsadern. Uber Hessen 
ging der Transitverkehr von den bedeutenden nor 
dischen Seestädten zu den reichen Handelszentralen 
Südostdeutschlandö und gleichzeitig von den öst 
lichen Ha nde lsstädten Zum Rhein. So wurde Hes 
sen kreuz und quer von einem dichte n St raßennetze 
durchzogen, auf dem sich reger Handelsaustausch 
vollzog. Wohl die ältester Handelsstraße, die Hes 
sen durchquerte, ist die uralte „Königsstraße", die 
von Polen und Schlesien nach Frankfurt a. M". 
ging. Auf diesen Straßenzug weist schon das Ka- 
pitular Karls des Großen aus dem Jahre 801 
.hin 2 4 ), und noch früher hat schon der heilige 
Sturmi im Jahre 736 vermutlich diese Straße 
benutzt H, als er Hessen durchzog und südlich Hers 
feld über die Fulda ging, heißt es doch ausdrücklich 
in seiner Lebensbeschreibung, daß er den Handels 
weg von Thüringen nach Mainz entlang zog. Da 
mals war ZNainz noch Knotenpunkt, bis es im 12. 
Jahrhundert von Frankfurt überflügelt wurde. 
Diese alte „Königsstraße", auch „Via 8ìrata" 
oder „hohe Straße" genannt, kam von Polen und 
zog sich über Breslau—Görlitz—Bautzen—Gro 
0 2 vgl. die Karte von F. Rauers, Versuch einer 
Karte der alten Handelsstraßen in Deutschland in 
Petermanns Mitteilungen 1906. 
2) Göttinger Dissertation von A. Schmidt (1927). 
Verkehrgentwicklung Kassels während der letzten 100 
Jahre. S. 19. 
3) G. Landau, Beitr. z. Gesch. der alten Heer- und 
Handelsstraßen in Deutschland in der Zeitschrift für 
Deutsche Kulturgeschichte 1836. S S. 639 ff. 
4 ) Vgl. Pertz, Mon. Germ. II 736: Tune pervenit 
Sturmius) ad viam, quae a Turingorum regione mercandi 
causa ad Maguntiam pergentes ducit. 
ßenhain nach Leipzig. Von Leipzig schlängelte ste 
sich durch die Elster- und Saaleniederung nach 
Naumburg a. S.—Erfurt—Eisenach—Vacha— 
Fulda—Schlüchtern—Hanau—Frankfurt a. M. 
Wie dieser Straßenzug durch Hessen ging, er 
zählt uns ein Bericht der Leipziger Kaufleute von 
1569 5 ): „Wenn man von hinnen auf Frankfuert 
will, so hat man zweierlei ordentliche Straßen 
durchs Land zu Hessen, welche wir und unsere 
Vorfahren eine lange Zeit und weit über Men 
schengedenken unverhindert gebraucht haben. Die 
eine geht durch „die kurzen Hessen" auf 
Eisenach — Hersfeld — Alsfeld und Grünberg 6 ), 
die andere durch „die langen Hessen" auf 
Eisenach oder Kreuzburg, Kappel, Spangenberg, 
Treysa, Kirchhain und Gießen." 
Der ältere und kürzere Weg dieses Leipzig— 
Frankfurter Straßenzugeö ist mithin der durch 
„die kurzen Hessen" gewesen, der jüngere und län 
gere, dafür aber auch sichere Weg war der durch 
„die langen Heffen". Zu dieser wichtigen Ost- 
Westverbindung trat später die nicht minder wich 
tige Nord-Südstraße, die von Nürnberg und an 
deren süddeutschen Handelsplätzen auf Hersfeld— 
Rotenburg — Melsungen — Kastei — West 
uffeln — Marburg — Paderborn — Münster 
nach Holland führte. Von dieser holländischen 
Straße trennte sich gleich hinter Kastei, bei Wil- 
helmstal, die Bremer Straße über Grebenstein, 
Hofgeismar, Karlshafen-Herstelle und weiter die 
Weser hinauf, und so war die Verbindung mit 
den Hansastädten hergestellt. Es würde zu weit 
führen, außer der Nord-, Süd- und Ost-Westver- 
bindung die nach und nach hinzugekommenen, mehr 
oder weniger bedeutungsvollen hessischen Fuhr 
mannstraßen einzeln aufzuzählen, ich werde mich 
vielmehr im folgenden darauf beschränken, nur 
Kassels Handelswege kurz zu berühren. Als sich 
im Laufe der Zeit Kastei zu einem bedeutenden 
Handelsplatz entwickelt hatte, wurde auch das 
Straßennetz um die hessische Residenz engmaschi 
ger, und strahlenförmig gingen von Kastei etwa 
ein Dutzend bedeutende Fuhrmannstraßen ausZ: 
Da wurde zunächst Kastei in die richtige Ost- 
Westverbindung einbezogen und mit Frankfurt 
über Marburg, mit Leipzig über Helsa—Eschwege 
—Wanfrid—Mühlhausen, mit Berlin über 
Helsa—Witzenhausen—Heiligenstadt—Halle ver- 
5) Landau a. a. O. S. 650 ff. 
6) Auf dieser Straße reiste 1321 Luther zum 
Wormser Reichstag, und schon Kaiser Karl IV. reiste 
7349 auf diesem Wege nach Frankfurt. 
7) Rauers a. a. O.
	        

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