Full text: Hessenland (42.1931)

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Kammer ... der Königliche Pracht war also ahn- 
gestellet. Es stunden durch zween lange Sähle 
viel! Stadtlicher von Adell, so alle in Seiden n. 
Sammet gekleidet u. alle vergulde Partisanen mitt 
7 Zacken, etliche in einem Saal aber Helleparten 
gehabt, dardurch man gehen mußte. Und erstlich 
kamen eßliche von Adell, denselben folgete ein ahn 
sehnlicher alter wolbekleitter Man, welchem auch 
zween alte Männer folgeten, so weis über den Er- 
meln gehabt, demselben das Königliche Wappen 
oder Crone, kunstreich u. stadtlich ausgearbeitet, 
denselben folgeten etzliche Graffen u. Herren, den 
selben zwey sehr große königliche Sceptra, densel 
ben folgete K. Mas. beneben I. F. Gn. u. dem 
Tresorir, so gar ein kleiner Mann, demselben fol 
gere das königl. Schwerdt u. nechst diesem der 
ganße Adell u. gingen also durch eßliche Gemach, 
zu welchen eine stadtliche königliche Guardi auff 
beyden Seitten gestanden, u. begleitten K. DCTt. in 
ein Gemach. Da st'e alödan sein K. IN. die Hend 
geküßet, von dannen gefahren, auf K. IN. Wagen 
wieder bis zur Herberg geführet u. also umb i 
Uhr wieder ins Losament kommen, da dan die 
frembde Herren, so unsern gnedigen Fürsten u. 
Herren begleitet mit I. F. Gn. Tafell gehalten." 
Es folgte nun ein fast 2monatiger Aufent 
halt in England, während desten der junge 
Landgraf sehr geehrt wurde. Kirchenbesuche, Or 
densfeste, Gastmähler, Ringelrennen, Theatervor 
stellungen usw. lösten einander ab. Die Königin 
empfing den Landgrafen in Whitehall, wo später 
ihr Sohn Karl I. geköpft wurde. Die vornehmen 
englischen Familien wurden besucht und revan 
chierten sich durch Einladungen, wobei zuweilen 
Jagden, u. a. Hetzjagden auf Bären und 
Ochsen (eine bei den damaligen Engländern sehr 
beliebte Kurzweil) veranstaltet wurden. Wilde 
Sauen, die wie es scheint in England fehlten, 
brachte zu dieser Zeit der brandenburgische Ge 
sandte als Geschenk seines Kurfürsten nach London. 
Aber von 60 Sauen, die er mitgenommen hatte, 
brachte er nur i6 lebendig an. Bei einem Jagd 
ausflug präsentierte fich ein junger Edelmann in 
der Verkleidung eines Eremiten und überreichte 
dem Landgrafen mit einer langen lateinischen An 
rede eine Armbrust, womit L. Otto noch an dem 
selben Tag einen Hirsch schoß. Eine andere 
Ehrung widerfuhr ihm, als man einen Damhirsch 
lebendig fing, ihm ein Halsband mit der Inschrift 
„Landgrave" anhängte und damit wieder laufen 
ließ. 
Den Höhepunkt des englischen Aufenthalts bil 
dete der Besuch des Landgrafen bei 
König Jakob I. in W i n d f o r am 21. bis 
23. Juni. Am 2x. kamen die Hessen an und 
wurden im Roten Kreuz untergebracht, wo alles 
an den Hosenbandorden erinnerte. Für den nächsten 
Tag war L. Otto mit dem Prinzen von Wales 
zur königlichen Tafel eingeladen. Die Unterhal 
tung fand in lateinischer Sprache statt, wobei es 
nicht an Mißverständnissen fehlte. In höflicher 
Weise gab König Jakob zu, daß die Engländer 
eine „böse Pronunciation" der lateinischen Sprache 
hätten, und machte das an Zitaten aus dem Horaz 
deutlich. Der Landgraf mußte den König auf die 
Jagd begleiten und wurde dann eingeladen, am 
nächsten Tag der feierlichen Gedächtnispredigt bei 
zuwohnen, die in Gegenwart des königlichen Hauses 
zur Erinnerung an die Errettung von der Pulver 
verschwörung in der Schloßkapelle von Windsor 
gehalten wurde. Danach fand eine höchst merk 
würdige Zeremonie statt, die mit Dehns Worten 
beschrieben werden soll: „Nach gehaltner Predigt 
haben I. K. M. acht oder neun Persohnen c n - 
r i r e t , welche den Kropff, Ue8 68eroil68 
(strumam sonst genannt) gehabt. Also, der Kö 
nig? sas auff einem Stull, der Printz stund zur 
rechten u. hilt des Königes Huht, dan stund die 
Printzesstn 12 ). Dann rührete Kön. Mag. die Pa 
tienten, so vor ihme knieten mit zweenFingern ahn, 
redete eßliche Worte auf englisch, ohne gefahr also: 
der König? rühret dich ahn, Gott heile dich, hing 
einem ieden einen Engelotten ahn einem weißen sei 
denem Band an den Hals, zween Bischofs mit 
langen, weißen Chorröcken beteten kniendt u. wart 
mit dem Gebet beschlossen. Ist geschehen im Bey 
seyn des Bischoffö von Coventry u. Lißfeldt item 
des von Glocester 13 ). . . Nach diesem seindt I. K. 
M. mit unserm Gn. F. u. H. in ihr Gemach oder 
Privatkammer gangen u. meinem Herrn einen gne 
digen Abscheidt gegeben, neben seinen beyden Ge- 
santten Otto von Starscheidell und 
Caspar W idmarcktern, Obristen, welche 
12) Elisabeth, die spätere Pfalzgräfin u. Winter 
königin von Böhmen. 
13) Auch den französischen Königen wurde die Eigen 
schaft beigelegt, den Kropf heilen zu können. Vgl. 
Z I- Zentgraff, Oe tactu regis Franziae quo strumis la 
boranteg restituantur. Dist. med. Witteberg. 1667. Auch 
der letzte Stuart (f 1807) übte noch dieses mystische 
Heilvorrecht aus. Vgl. H. M. Vaughan, The last of 
the royal Stuarts. London 1906. Sogar Prinz John 
of Guelpho „de jure rex et imperator of Gr.-Br.", ein 
angeblicher Sohn aus einer angeblichen ersten Ehe Ed 
wards VII., behauptet in seinen Memoiren (N. Aork 
1910) die königliche Gabe der Heilkraft zu besitzen. Vgl. 
auch Shakespeare, Macbeth V, 1 ,3 u. Deutscher Herold 
igOZ, S. 9Z, wonach 1661—1682 sich nicht weniger 
als 92, 107 Personen vom König berühren ließen. 
Wenn alle diese Personen einen Engellotten (goldenen 
Engelstaler) erhielten, dann muß diese ärztliche Praxis 
ein ziemlich teures königliches Vergnügen gewesen sein.
	        

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