Full text: Hessenland (42.1931)

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Gräfin von Henneberg s ) und ihrer 365 Kinder. 
Diese, eine geb. Gräfin von Holland, soll nämlich 
1276 dort bei der Geburt von 365 Kindern ge 
storben sein, von denen die männlichen alle Johan 
nes, die weiblichen Elisabeth getauft wurden. Das 
Taufbecken war auch noch vorhanden und der 
Grabstein trug eine ellenlange lateinische Inschrift, 
die das Wunder der Nachwelt erzählte und mil 
den Worten schloß: 
Haec lege, mox animo stupefacto, lector, 
abibis zu deutsch: Da staunt der Laie, und der 
Fachmann wundert sich^). 
Nach verschiedenen Festlichkeiten verabschiedete 
sich der Landgraf und reiste über Delft, „wo 
I. F. G. abgesetzten um den Ort, da Ihrer Exc. 
Herr Vatter erschosten 8 9 10 ), zu besehen", und Rot 
terdam nach D 0 r t r e ch t, wo der Bürgermeister 
ein Gastmahl gab, während die Garnison, 2 Fähn 
lein, vor der Herberge paradierte und bei der Ein 
schiffung der Hessen 3 Salven abgab. 
Mit der Seefahrt nach England war es nicht 
so ganz einfach. Bis nach Vlissingen benutzte 
man noch zuweilen den Landweg auf „Rollen", 
wobei Hafenstädte und Schiffe besichtigt wurden. 
Dann kam eine mehrtägige Wartezeit in Vlis 
singen, weil das Wetter zu stürmisch war. 
Im Wirtshaus „Zur Güldenen Krone" ließ stch 
aber auch ganz gut leben, zumal der Gouverneur 
von Vlissingen alles Mögliche tat, um den Hessen 
den Aufenthalt zu verkürzen. Man besichtigte 
die Befestigungswerke und fand auf dem Kastell 
Ramecken ein großes Geschütz, das der Landgraf 
hieß, vielleicht weil es ein Beutestück Carls V. aus 
hessischem Besitz war. Einen unvergeßlichen Ein 
druck machten 10 englische Kompagnien, die in 
Vlissingen standen, „welche alle Abent aussen 
Markt zusammen kommen, ihr Gebett daselbst 
halten und kniendt solches verrichten, darnach ums 
die Wacht losen, welches wihr sonst nirgends im 
8) So schreibt Dehn, weil ihm dieser Man» geläufiger 
war als Hennegau! 
9) Wie lange die Sage geglaubt wurde, beweist der 
Reisebericht des Lübecker Wunderkindes Chr. H. Hei- 
neken, der über 100 Jahre später 1724 in der Kunst 
kammer von Kopenhagen „ein kleines Gläselein" sah 
„mit dem sehr kleinen Cörper eines der 365 Kinder, 
welche dle Gr. 0. Hennegau zu Losdum i. H. gebohreu" 
Dgl. I. H. v. Seelen, Relation de Heineken. (Leb. 1725) 
p. 47. Ferner Aarboger f. nord. Oldkundighed 1905, 
wo Kr. Nyrop die Geschichte der Sage ausführlich be 
handelt hat. Rach Hertslet, Treppenwitz d. Weltgesch. 4 
19 ist die Sage aus einem Monchswitz entstanden. Die 
hohe Frau soll nämlich am 30. Oec. Zwillinge geboren 
haben, u. der Chronist des Klosters notierte das mit den 
Worten: so viel Kinder als das Jahr noch Tage hatte. 
to) Wilhelm, der große Schweiger, wurde am 10. 
August 138-s bei Delft ermordet. 
Niederlande gesehen. Semd I. F. G. zu Ehren 
damals exerciret worden." 
Am 19. Juni hatte sich der Sturm soweit ge 
legt, daß man die Überfahrt wagen konnte. 
Der Gouverneur geleitete den Landgrafen auf ein 
großes, schönes Orlogschiff, das unter dem Donner 
der Kanonen 5 Uhr Abends abfuhr. Drei Tage 
brauchte es zur Überfahrt, da man bei der Un 
tiefe von Goodwin Sands Anker werfen mußte, 
um nicht zu scheitern. „Vor 18 Jahren seindt 
daselbst 28 Schiffe auff einem Tagk undergangen, 
wehre uns beynahe also gegangen, aber der liebe 
Gott hat uns damahl gnedig behütet." Sie lan 
deten nicht, wie beabsichtigt war, in Dover, son 
dern bei einem kleinen Dorf Duns bei Sandwich. 
In Sandwich kam der Rat der Stadt zum 
Landgrafen „in langem Habit oder Taliren mit 2 
Sceptern, so von den Dienern vorgetragen und 
gratuliret de felici advente." Die Weiterreise 
geschah zu Pferde über Canterburg und Gravesend 
und von da auf der Themse zu Schiff bis nach 
London. 
Das Wirtshaus, wo die Hessen abstiegen, lag 
in der Lumberstritt (Lombardstreet) und war das 
gewöhnliche Absteigequartier vornehmer Deutschen. 
Wahrscheinlich war auch der Wirt Johann 
D ö r p e r ein Deutscher. Es war ein stattliches 
Haus, in dem frühere Reisende zur Erinnerung 
ihre Wappen hinterlegt hatten. Man sah u. a. 
die Namen und Wappen von Hans v. Duhnen, 
Hans v. Osterhausen, Bernh. v. Miltitz, Bernh. 
v. Lheiderdorff, Joel, Porisch, Otto Wilh. Baron 
v. Schönburg, Wolff Graf Mansfeld, zwei Ge 
sandten des Kurfürsten von Sachsen. 
Am Abend der Ankunft noch schickte der König 
einen Grafen zu dem Landgrafen, um ihn zu be 
grüßen und die Einzelheiten des Besuches am Hofe 
mit ihm zu bereden. Dieser Besuch konnte jedoch 
noch nicht so bald erfolgen, da der König unpäßlich 
war. Die Wartezeit bis zu der Audienz vertrie 
ben sich die Reisenden mit der Besichtigung von 
London. 
„L 0 n d 0 n" war schon damals eine der größ 
ten Städte der Welt „also daß sie Paris ver 
glichen wird. Hat in der Lenge teutsche Mei 
len, doch die Vorstadt darzugerechnet, und hierin 
nen zwo Gassen, so gantz durchgehn; hat auch 
darinnen 122 Pfarrkirchen, auf eine stattliche 
Brücke über die Tamaszis von 20 Schwibbogen 
und ist an 3 Orten auf beyden Seiten durchsich- 
tigk, da schöne Gebäuw aufstehen, darinnen aller- 
handt schöne Wahren verkaufst werden." Die 
außerordentliche Knappheit trinkbaren W a s s e r g 
fiel besonders auf. „Das Wasser, so in London
	        

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