Full text: Hessenland (42.1931)

halten die Briefe — fünf an der Zahl — sehr viel 
persönliche Bemerkungen. Bor allem wird — 
ganz im Gegenteil zu der landläufigen Beurteilung 
— die Person des damaligen Direktors Wiß einer 
starken Kritik unterzogen. Seine Verdienste um 
die Schule werden durchaus anerkannt. 
Wenn Wiß, wie Piderit behauptet, sich Hoffnung 
gemacht hatte, eine Berufung nach Kassel zu er 
halten, weil er als Mitglied der Oberen Kirchen- 
und Schulkommisston vom Ministerium zu einer 
Revision der Gymnasien in Marburg und Hanau 
herangezogen worden war, so war es damit vorbei, 
als August Vilmar Referent im Ministerium ge 
worden war und auch Piderit in gleicher Stellung 
1837 nach Kassel übersiedelte. 
Wiß wurde 1839 als Geistlicher nach Fulda 
versetzt. An das Fuldaer Gymnasium war 1836 
auch Dr. Franke versetzt worden, der von 1828 
bis 1636 in Rinteln gewirkt hattet). 
1838 wurde Dingelstedt von Kassel ebenfalls 
nach Fulda versetzt. 
Eö ist begreiflich, daß diese Männer auf Vil 
mar und Piderit sehr schlecht zu sprechen waren. 
Dingelstedt — unglücklich über seine Verbannung 
nach Fulda — versetzte in seinem 1839 dort ent 
standenen Roman „Die neuen Argonauten" Piderit 
in der Person des Stadtpfarrers einen kleinen 
Rachehieb (Neudruck des Romans im Bärenreiter- 
Verlag Kassel 1931, Seite 6), der diesen immer 
hin doch einflußreichen Referenten zum mindesten 
nicht für D. gewinnen konnte, zumal er ihm ans 
Rinteln genau bekannt war, da Dingelstedt mit 
6) Er war später Direktor der Fürstenschule St. 
Afra in Meißen. 
Pideritö Sohn Karl aus einer Schulbank gesessen 
und gleich ihm in Marburg Mitglied des Corps 
Schaumburgia gewesen war. 
Als dann bekanntlich Dingelstedt seinen Ferien- 
llrlaub wiederholt in leichtsinniger Weise erheblich 
überschritt, wurde sein Gehalt beschlagnahmt und 
er schließlich aus dem Staatsdienst entlasten. 
Aus der Reise nach München schreibt er am 
18. 4. 1841 aus Nürnberg an seinen Freun-) 
Hartmann: „Laß den Staub der Schule und den 
giftigen Rost des Philistertums, laß den Meltau 
scheinheiliger (!) Prinzipien a 1 a Vilmar oder 
a 1 a Piderit nicht auf Deine Seele fallen." 
(W. Deetjen: Franz Dingelstedt und Julius 
Hartmann S. 189.) 
Wenn Dingelstedt bei seinem selbstverschuldeten 
Ausscheiden aus dem Staatsdienst seinem Grimm 
in dieser Weise Ausdruck gab, so beweist das zur 
Genüge, daß er kein Verständnis für pflichttreue 
Amtstätigkeit besaß, wie sie August Vilmar uni) 
Piderit 7 ) zeitlebens gezeigt haben. Am wenigsten 
aber durfte der von Scheinheiligkeit sprechen, der 
als begeisterter Demokrat es nicht verschmähte, 
Fürstendiener mit dem Titel „Hofrat" zu werden, 
als er auf diese Weise seine schwierige pekuniäre 
Lage verbessern konnte. 
7) Aus Piberits Leben seien noch kurz folg. Oaten 
erwàhnt: 1837 Reserent im Ministerium bes Jnnern 
(bis 1842), i8z8 Hof- tmt> Garnisonpfarrer zu Kassel, 
1840 Konsiston'alrat, 1843 Archivrat beim kurhess. Haus- 
und Staatsarchio. Er starb 1848 zu Kassel. Scine 
Schriften: Denkwurdigkeiten von Hersselb 1829, Ge- 
schichte ber Grasschast Schaumburg 1831, Geschichte ber 
llnioersitàt Rinteln 1842, Geschichte ber SjaupU unb 
Resibenzstabt Kassel 1 844 - 
j- n ft/, g $ 
Glabenbach. 
280 
Zeichnung von F. A. Oielmann.
	        

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