Full text: Hessenland (42.1931)

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„Was meinen wissenschaftlichen Umgang be 
trifft, so steht Fuldner oben an. Das wäre ein 
Mann für Sie! Ein gediegener Kopf, ein guter 
Philosoph, ein tüchtiger Theologe und Orientalist. 
Dazu ein einfacher, anspruchsloser, jovialer Mann. 
Wir find täglich zusammen. Sodann der vielbe 
schäftigte Wiß, der überall zu Hause, selbst in der 
Musik sehr bewandert ist, ein guter kraftvoller Di 
rektor, aber weniger liebenswürdig. Boclo schwach 
— gut am L'hombre-Tisch — vortrefflichen Her 
zens — aber neben Fuldner im Punkt des Wissens 
wenig bedeutend. Seine Herzensgüte macht ihn be 
liebt." 
(Es folgen kurze Bemerkungen über andere 
Lehrer: Schieck, Franke, von Manikowfkn.) 
„Außer dem Gymnasium ist hier noch vielfäl 
tige Gelegenheit sich wissenschaftlich zu unterhalten, 
und die Resource, der gewöhnliche Ort der Zusam 
menkünfte, bietet im Lesezimmer oft Gelegenheit zu 
interessanten Unterredungen." 
(Mitglieder des Obergerichts, wie Rommel, 
Wippermann, Cafselmann, Schräder, Süß wer 
den kritisiert.) 
„Eine, mir wenigstens, angenehme Erscheinung 
ist auch die, daß sich militärischer Vorrang nie hier 
fixieren kann, und ein sicherer Beweis des Vorzugs 
Rintelns vor Hersfeld ist der, daß der Prinz 
Solms, ungeachtet seiner Sehnsucht nach einer Pa 
rade, doch auch ohne diese so glücklich sich fühlt, daß 
er an keinen anderen Ort wandern will und Herö- 
feld ihn gar nicht mehr interessiert. 
Zur Lebhaftigkeit des Ortes trägt die Nähe der 
Brunnen viel bei: besonders ist Eilsen ein gewöhn 
licher Sammelort der Rintelner, Bückeburger, 
Hannoveraner. So wie die Rintelner nach Eilsen 
wandern, so kommen ganze Badegesellschaften täg 
lich zu dem Belustigungsort der Stadt, dem Toden 
mann, wo man eine herrliche Aussicht genießt." 
(Es folgen eingehende Ausführungen über seine 
Stellung als Prediger und die kirchlichen Verhält 
nisse im Schaumburgischen.) 
In einem zweiten Brief vom April 1831 ist 
Piderit dem Direktor Wiß gegenüber weit kritischer 
eingestellt. Wiß habe sich — zum Schein — nach 
Lübeck gemeldet, um auf diese Weise von der Re 
gierung in Kassel eine neue Gehaltszulage zu er 
halten. Wider Erwarten wurde aber das Entlas 
sungsgesuch genehmigt und deshalb schließlich doch 
noch von Wiß zurückgezogen. 
August Vilmar war inzwischen Abgeordneter 
Heröfelds in dem kurhessischen Landtag geworden 
und hatte von Kassel aus Piderit geantwortet. Ihm 
erwidert Piderit im Juni 1831 in einem dritten 
Brief. Er bespricht eine von Marburg ausgegan 
gene an das Ministerium gerichtete Klageschrift 
gegen das Hersfelder Gymnasium, die er für stark 
übertrieben hält und bittet A. V., die Sache „ins 
rechte Licht zu fetzen". Dabei betont er gewisse 
Vorzüge des Rintelner Gymnasiums. 
„Wenn ich einen Vergleich mit dem hiesigen 
Gymnasium und dem dortigen anstelle, so fallen 
mir folgende Bemerkungen ein: Es herrscht hier 
mehr äußere Bildung. Das liegt, möchte ich sagen, 
in der Natur des Landes. Je weiter nach Norden, 
desto abgeschlossener ist der Deutsche. Es find hier 
Schüler aus Bremen und Oldenburg und anderen 
Orten, welche sich als „galant’hommes" präsen 
tieren und deren Einfluß dann vorherrschend wird. 
Diese äußere Bildung darf aber nicht zu dem 
Schluß berechtigen, daß die Sittlichkeit groß sei. 
Im Gegenteil finde ich hier viele Dinge, welche 
man in Hersfeld als große Verbrechen nach stun 
denlanger Konferenz und förmlichem Zeugenverhör 
bestraft haben würde, welche hier, weil der äußere 
Anstand nicht verletzt wird, ohne weiteres pas 
sieren. " 
Piderit bespricht dann die in den Klassen einge 
führten Lob- und Tadelbücher, von denen das eine 
grün, das andere schwarz eingebunden war und in 
denen für jeden Schüler eine Seite vorgesehen war. 
Für ein Lob gab es einen Stern, für einen Tadel 
einen Strich. Die öffentliche und feierliche Be 
kanntmachung des Lobes und Tadels kann er nicht 
ganz billigen. 
„Aber ich finde, daß hier der Privatfleiß durch 
das Lob, das man ihm erteilt, sehr geweckt wird. 
Ich finde auch, daß die Schüler besser vorbereitet 
in die höheren Klassen kommen. Dazu ist eine 
Ouarta durchaus notwendig. Die Hersfelder Tertia 
ist, wie ich leider oft bemerkt und beklagt habe, ein 
Mittelding zwischen Gymnasial- und Vorberei 
tungsklasse 0). Ich finde endlich, daß e6 hier zur 
Gewohnheit geworden ist, so lange als möglich auf 
dem Gymnasium zu bleiben, während in Hersfeld 
das Laufen nach Marburg zum Rennen wird. 
Mein Sohn Karl, dessen Kommilitonen jetzt als 
Studiosen figurieren, denkt noch nicht daran abzu 
gehen und wird vor zwei Jährn nicht daran den 
ken. Das macht dem Lehrer ein leichtes Spiel." 
(NB. Auch Dingelstedt faß lediglich wegen seiner 
Jugend 3 Jahre in Prima, die er Ostern 1831 
mit dem Zeugnis der Reife verließ.) 
Neben diesen allgemeinen Ausführungen ent- 
5) Bei der Reform der hessischen Gymnasien durch 
das Ministerium Hassenpflug (durchgeführt von Aug. 
Vilmar) wurden die Primen der Hess. Gymnasien (außer 
in Rinteln) zu Sekunden herabgesetzt. Rinteln bekam 
eine Quinta.
	        

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