Full text: Hessenland (42.1931)

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aber selten und seltener. Versetzen wir uns in 
die hohe Zeit des Strohseils. Winterruhe hält 
die Landwirtschaft in ihren kalten Armen. In 
der Scheune stehen die Knechte und binden Stroh- 
seile, und wenn sie vielleicht diese Arbeit nicht 
allein zu bewältigen vermögen, wird ein alter Kerl 
oder ein altes Weibsen zu Hilfe genommen. 
Schon während der Dreschzeit war „helles" 
Roggenstroh beiseite gelegt worden. Selbst als 
schon die Dreschmaschine pustend die Arbeit des 
Dreschens besorgte, pflegte anfangs der Bauer 
noch ein paar Schock zweckentsprechende Roggen- 
garben mit dem Dreschpflegel zu dreschen, damit 
sie nicht wirrig wurden. Von diesem ausgewähl 
ten Stroh nahm der Seile knüpfende Arbeiter 
etwa ein Dutzend Halme, schied sie in zwei gleiche 
Hälften, knotete sie dicht unterhalb der leeren 
Ähren zusammen, verteilte die Ähren zwischen die 
Halme, wickelte das Seil zusammen und warf es 
neben sich. 
Wies der so entstandene Seilerhaufen eine grö 
ßere Menge auf, legte der Arbeiter jedesmal zwei 
Strohseile quer und band darein je 60 Stroh 
seile. Das war ein Furrer (Fuder, Schock). Ein 
„größerer Bauer" benötigte etwa 200—400 Fur 
rer Strohseile, jenachdem das Gut groß und die 
Ernte ausgefallen war. 
Zum Binden bedienten sich die Knechte in den 
meisten Fällen des B i n d e st e ck e n s , das ist 
ein runder, zugespitzter etwa 25 cm langer Knüp 
pel aus Zwetschen- oder einem anderen harten 
Holz. Den steckte der Binder hinter die zusammen 
gedrehten Schwinsel (Enden, Zipfel) des Stroh- 
seiles, drehte 2—3 SQstal herum und stieß das um 
den Bindestecken gewundene Ende hinter das 
Strohseil. Das Getreide wurde so „gebengstäckt". 
Geschah die Bindearbeit in Eile ohne Bindestecken, 
so pflegte man zu „fausten". Um zu öffnen, hatte 
man nur nötig, den schräg heraushängenden Zipfel 
des Strohseils herauszuziehen. Wurde von jemand 
behauptet: „Der ist nicht recht gebengstäckt", so 
wollte man damit ausdrücken, er ist nicht recht bei 
Hessengroschen, nngescheit. 
Ganz anders heute, besonders in größeren Wirt 
schaften. Der Selbstbinder mäht nicht nur das 
Getreide, sondern bindet eö auch gleich mit Bind 
faden zu Garben. Das Gesinde hat nur nötig, 
diese an Hügel (kl. Haufen, bei Roggen 9 oder 13, 
bei Weizen, Hafer, Gerst 3 Garben) zu stellen. 
Der Getreidemäher ohne Bindevorrichtnng mäht 
die Frucht nur, das Aufheben muß dabei auch noch 
heute vorgenommen werden. 
Denken wir uns ein paar Jahrzehnte zurück 
versetzt. Die Knechte schwingen die Sense, 
„mähen wider", die Mägde „heben auf" und le 
gen Breiten oder Häufchen, wie es geringe Leute 
(Kleinbauern) noch heute tun. War das Ge 
mähte nach einigen Tagen dürr, wurde es in 
Strohseilen zu Garben gebunden und diese bei 
Roggen (9 oder 13 Garben) zu Hügeln aufgestellt 
oder (Weizen, Hafer, Gerste, Erbsen und Boh 
nen) gleich nach Hause gefahren. 
An der „Hafersense" befand sich gewöhnlich, be 
sonders in trockenen Jahren, wenn dies Getreide 
kurz blieb, eine Vorrichtung, die die Frucht zusam 
menschob, zusammenraffte, das R e f f. Mit 
einem weiteren kunstgerechten Schwünge wurde da 
mit zugleich das Ergebnis eines Sensenstriches an 
ein Häufchen gefchuppst. 
Diese Art zu ernten hatte das Sicheln des 
Getreides abgelöst. Damals wurde der ganze 
Gottessegen mit der Sichel abgenommen. Das 
erste Beet legten Großknecht und Magd nieder, 
das zweite hatten Junge (Kleinknecht) und 
Mäje (Kleinmagd) in Behandlung. Dann folg 
ten in gleicher Weife die vielen Arbeiter und Ar 
beiterinnen. Hand voll nach Hand voll mußte ge 
schnitten und fein säuberlich auf den Acker an 
Breiten gelegt werden, Ähren neben Ähren, 
Stutze (unterster Teil des Halmes) neben Stutze, 
des leichteren Dreschens wegen, das damals samt 
und sonders mit dem Dreschflegel geschah. 
Der Dreschflegel bestand aus der Handhabe, 
gewöhnlich Fichtenholz, und aus dem handbreiten 
und -dicken buchenen Flegelknüppel. Beide trugen 
an dem dünneren Ende feste, steif lederne Kappen. 
Zwischen diesen Kappen und dem Holzteil befand 
sich eine Qeffnung, durch die ein fingerbreiter Rie 
men, das Mittelband, gezogen war, das Hand 
habe und Flegelknüppel miteinander verband und 
in dem sich der Flegelknüppel bewegte. „Da liegt 
der Flegel, wenn das Mittelband bricht", hat 
„jener" Pfarer gepredigt, als er einem Trunken 
bolde die Grabrede zu halten hatte. So herge 
stellt, stand der Flegel seinen Mann und ließ am 
liebsten im 6. Schlag (6 Drescher) das Flegel 
lied erschallen: „Dicke fätte Brocke" (vergleiche 
Kveizschwerneng Band 2 (zweite Auflage, S. 117 
„Flegelsbofse"). 
In der Gegenwart begegnen wir dem Flegel 
drusch hin und wieder nur noch in ganz kleinen 
Wirtschaften, sonst bewirkt die Dreschmaschine 
das Dreschen, die zugleich die Reinigung des 
Dreschgutes besorgt. 
Wenn der Flegelsang schwieg, der gegen den 
Herbst hin die Nächte des Dorfes bis gegen Som 
nenaufgang störte, nahm das Gesinde die Sense 
auf die Schulter und schritt der Wiese zu. Dort 
wartete neue Arbeit auf sie, das Grummetmähen.
	        

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