Full text: Hessenland (42.1931)

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nicht beweiskräftig, wenn die wirtschaftlichen Ver 
hältnisse im übrigen auf der ganzen Linie gegensätz 
liche Wesensmerkmale aufweisen. 
So ist es denn auch kein Wunder, daß die fünf 
übrigen Vorträge der erwähnten Reihe das nicht 
halten können, was die programmatischen Aus 
führungen von Nt i ch e l und Trumpler ver 
sprachen. 
3. Für Nassau, das ja im wesentlichen dem 
Rhein-Maingebiet angehört, entwickelt Landes 
hauptmann Lutsch- Wiesbaden die Gründe, 
weswegen eine Änderung der Verwaltungsgrenzen 
wünschenswert erscheinen. Der Verfasser äußert sich 
in diesem Zusammenhange dahin, daß die Schaf 
fung einer einheitlichen Provinzialverwaltung durch 
Vereinigung der beiden Bezirke Hessen und Nassau 
seiner Ansicht nach keine Lösung bedeuten würde, 
da es als sehr zweifelhaft bezeichnet werden müsse, 
ob die im Rahmen einer Provinz erforderliche 
Gleichartigkeit der Bevölkerung als vorhanden be 
trachtet werden könnte. Man werde daher auch 
bei der Lösung der Frage der Reichsreform nicht 
die gesamte preußische Provinz Hessen-Nassau dem 
neuen Südwestdeutschland zuweisen dürfen. 
4. Innenminister L e u s ch n e r , der von dem 
Standpunkte Hessen-Darmstadts aus Stellung 
nimmt, ist der Meinung, daß es doch schon anders 
aussteht, wenn man die Sache einmal wirtschaftlich 
betrachte und auf die verkehrspolitischen Einheiten 
zurückführe. Dann wäre bereits zweifelhaft, wohin 
beispielsweise Kassel und Mannheim, um zwei 
Gegenpole zu nennen, tendieren würden, wie über 
haupt darüber zu streiten wäre, ob die Grenze so 
weit nach dem Südwesten, in die Pfalz und in das 
Saargebiet hinein zu verlegen wäre, wie es von 
manchen Seiten gewünscht würde. 
5. Der Trierer Bezirk fühlt sich keineswegs als 
Teil „Südwestdeutschlands". So weist Subdirek 
tor Funk- Trier darauf hin, daß sich nach dem 
Kriege eine Neuorientierung der wirtschaftlichen 
Beziehungen nach dem Norden vollzogen habe. Die 
Trierer Industrie- und Handelskammer habe sich 
von dem Südwestdeutschen Verbände losgelöst, um 
mit der westdeutschen Gruppe Koblenz, Bonn, 
Köln, Stolberg eine Verbindung einzugehen. In 
kultureller Hinsicht sei das Trierer Land, das mit 
dem Saargebiet eine Einheit darstelle, mit dem fast 
nur von Volksdeutschen bewohnten Luxemburg, 
mit Eupen und Ntalmedy und mit dem Koblenzer 
Bezirk verbunden. 
Die weitere Entwicklung des Trierer Lebens 
und Wirtschaftsraumeö müsse zeigen, ob den im 
Rahmen der Reichsreform gemachten Vorschlägen 
einer Vereinigung des Trierer Raumes mit dem 
rheinmainischen irgendwelche reale Bedeutung zu 
komme. 
6. Was den Koblenzer Bezirk angeht, so weist 
Qberregierungsrat W e b e r - Koblenz darauf hin, 
daß er bezüglich seiner Zugehörigkeit zu Rhein 
franken zu den umstrittenen Randgebieten zähle. 
Unzweifelhaft seien seit der politischen Zugehörig 
keit des Koblenzer Bezirkes zu Preußen Beziehun 
gen zum Niederrhein und dem Industriegebiet der 
Ruhr entstanden. Besonders eng sei schon seit der 
römischen Zeit die Verbundenheit des Koblenzer 
mit dem Trierer Bezirk. Dies präge sich z. B. in 
der Vereinigung der überwiegend katholischen Be 
völkerung der Diözese Trier aus. Neben dieser 
kulturellen Einheit bilde die Mosel mit dem Wein 
bau wirtschaftlich und verkehrsgeographisch ein 
starkes Band. Eine politische Trennung dieser Be 
zirke könne daher ohne schwere Schäden nicht er 
folgen. 
Stets habe die Stadt Koblenz ihre Stellung als 
Mittelpunkt eines eigenen Wirtschaftöbezirkes ge 
wahrt. Welchem größeren Verbände der Koblen 
zer Bezirk auch zugeteilt werden möge, er dürfe 
nicht zerrissen werden, sondern seine natürliche Ein 
heit müsse erhalten bleiben. 
7. Die Stellungnahme Hessen-Kassels faßt Re 
gierungspräsident Dr. Friedensburg - Kassel 
dahin zusammen, daß die gelegentlich vertretene 
Forderung, ein neues Reichsland mit dem Mittel 
punkt in Frankfurt durch Zufammenfaffung der 
Provinz Hessen-Nassau mit dem Freistaate Hessen 
zu schaffen, undurchführbar sei. Der Nachteil der 
das wünschenswerte Ntaß überschreitenden Größe 
dieses Reichslandes ließe sich hinnehmen, wenn cs 
eine natürliche Einheit darstellte und im übrigen 
zweckmäßig zusammengesetzt und gegliedert wäre. 
Diese Voraussetzung sei aber nicht erfüllt. Schon 
Hesten-Kassel und Nassau bildeten weder geschicht 
lich noch geographisch eine Einheit. Das Zusam 
mengehörigkeitsgefühl sei trotz der 64jährigen Pro- 
vinzialgemeinschaft überraschend gering entwickelt. 
Der Kurhessische Norden habe mit dem Rhein- 
Maingebiet nichts gemeinsam. Seine Beziehungen 
seien nicht auf Frankfurt a. M. gerichtet. Ein 
künftiger Zusammenschluß zwischen dem Rhein- 
Maingebiet und Hessen-Kassel würde nach Ansicht 
des Verfassers dem Interesse keiner von beiden 
Seiten hinreichend dienen. 
Als Ergebnis der Vortragsreihe ist festzustellen, 
daß die Frankfurter Neugliederungspläne, wie sie 
von W e i tz e l u. a. vertreten werden, bei den 
Wortführern der beteiligten Gebiete entweder auf
	        

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