Full text: Hessenland (42.1931)

268 
Die Vorträge sind ihrem Wesen nach verschie 
denartig. In zwei von ihnen sind Stadtrat Dr. 
M i ch e l - Frankfurt und Syndikus Professor 
Dr. Trumpler - Frankfurt bemüht, nachzu 
weisen, daß „Südwestdeutschland" in kultureller 
und wirtschaftlicher Hinsicht tatsächlich eine Ein 
heit darstelle. In den fünf übrigen Vorträgen 
kommen berufene Vertreter der einzelnen Teile 
dieser angeblichen Einheit zu 2 Oort, um fich mit 
dem Leitsatz auseinanderzusetzen. 
i. Die Frage, was hier unter Südwestdeutsch 
land zu verstehen ist, wird berechtigt sein. In dem 
einleitenden Vortrag von M i ch e l wird darauf 
geantwortet, daß „Rheinfranken" oder „Südwest 
deutschland" in seinem Kern Hessen-Nassau und 
den Freistaat Hessen sowie Teile der Rheinprovinz 
und den Saarstaat umfasse und in seinen Rand 
gebieten im Osten an thüringische und bayrische, 
im Süden an badische und pfälzische Teile, im 
Norden an Westfalen und Niedersachsen angrenze. 
Der Rhein-Main-Bezirk, das Gebiet, in dem 
der mittlere Rhein und der untere Main zusam 
menfließen, wird als Kernlandschaft besonders her 
vorgehoben. 
Zu dieser Begriffsbestimmung wäre manches zu 
bemerken. Nsan trägt den tatsächlichen Verhält 
nissen, wie sie im Sprachgebrauch, den geschicht 
lichen und geographischen Gegebenheiten erkennbar 
sind, kaum Rechnung, wenn man dies Gebiet als 
südwestdeutsch bezeichnet. Nicht Frankfurt sondern 
Stuttgart ist der den Südwesten des Reiches be 
herrschende Mittelpunkt, was z. B. auch in der 
Benennung des für Stuttgart und seinen Wirt 
schaftsraum abgegrenzten Landesarbeitsamtsbezirk 
„Südwestdeutschland" zum Ausdruck kommt. Es 
würde allen bisherigen Gepflogenheiten widerspre 
chen, wenn man etwa den Koblenzer Bezirk oder 
Hessen-Kassel, die sa Teile von Rheinfranken sein 
sollen, als südwestdeutsch ansprechen wollte. Und 
was die Stadt Frankfurt selbst anbetrifft, so ist 
ihre Entwicklung zur süddeutschen Stadt doch erst 
das Ergebnis der neueren Zeit. Hinsichtlich der 
Herkunft eines großen Teiles ihrer Bewohner ist 
sie mit dem Norden verbunden; mundartlich ist sie 
dem mitteldeutschen Sprachgebiet zuzurechnen. 
Der Verfasser glaubt nun sein Frankfurter 
Südwestdeutschland dahin kennzeichnen zu können, 
daß es eine durch Jahrhunderte zu verfolgende ge 
meinsame Geschichte und eine enge kulturelle Ver 
bundenheit aufweise. Hier scheint dieses Gebilde, 
das trotz gegenteiliger Beteuerung doch nichts an 
deres als eine Konstruktion der jüngsten Zeit dar 
stellt, von dem vom Verfasser selbst hervorgehobenen 
rheinmainischen Kerngebiet nicht mit der erforder 
lichen Schärfe unterschieden zu werden, denn die 
wesentlichsten Teile der Beweisführung des Ver 
fassers beziehen sich ausschließlich auf rheinmainische 
Verhältnisse. Der RheinDNainische Verband für 
Volksbildung, ebenso wie der Verband der rhein 
mainischen Volkshochschulen werden angeführt, um 
das Vorhandensein einer pädagogischen Provinz, die 
im wesentlichen den umschriebenen südwestdeutschen 
Raum umfassen soll, zu erweisen. Tatsächlich aber 
haben diese Einrichtungen keinerlei Beziehungen 
zum ganzen Norden der Provinz Hessen-Nassau. 
Die Reichweite eines Rundfunksenders wird 
man gewiß nicht für die Abgrenzung eines Kultur 
oder Wirtschaftsgebietes maßgebend fein lasten 
dürfen. Die Rundfunkhörer eines Sendebezirkes 
find in keiner Weife innerlich untereinander ver 
bunden. Zudem macht sich der Hörer mehr und 
mehr von einem einzelnen Sender unabhängig, da 
ihm nach seiner Wahl meist eine ganze Reihe von 
Sendern zur Verfügung stehen. 
Auch in einem anderen Punkte kann dem Ver 
fasser nicht beigepflichtet werden. Der von ihm so 
gerühmte Rhein-Mainische Atlas für Wirtschaft, 
Verwaltung und Unterricht ist des uneingeschränk 
ten Lobes gewiß nicht wert. Alle, die eine wissen 
schaftlich einwandfreie Leistung erwartet hatten, 
mußte der Atlas zweifellos sehr enttäuschen. Ge 
rade einen der schwächsten der im Atlas dargestell 
ten Gesichtspunkte greift M i ch e l heraus, wenn 
er die Sprache als Kennzeichen kultureller Zusam 
mengehörigkeit besonders erwähnt. Von einer Ein 
heitlichkeit der mundartlichen Verhältnisse in 
„Südwestdeutschland", ja sogar im Rhein-Main- 
gebiet kann nicht die Rede sein. Das ist der irre 
führenden Darstellung im Rhein-Mainifchen At 
las von berufenster Seite 2 ) bereits entgegengehal 
ten worden. 
2. Der geschäftsführende Syndikus der Frank 
furter Handelskammer Professor Dr. Trump- 
l e r hatte sich die Aufgabe gestellt, die Einheitlich 
keit „Südwestdeutschland" in wirtschaftlicher Be 
ziehung aufzuzeigen. Wenn man Südwestdeutsch 
land als Wirtschaftseinheit erfassen wolle, meint 
der Verfasser, so müste man von seinem Kernstück, 
dem Rhein-Mainischen Wirtschaftsgebiet aus 
gehen. 
Nun ist es sicher nicht schwer, nachzuweisen, daß 
im Rhein-Maingebiet einheitliche wirtschaftliche 
Verhältnisse gegeben sind. Den Beweis aber, in 
wiefern damit auch „Südwestdeutschland" eine Ein 
heit darstellt, bleibt der Verfaster schuldig. Daß sich 
ein Arbeitgeber- oder Arbeitnehmerverband über 
das Gebiet erstreckt, ist belanglos und durchaus 
2) Dr. 23 . Martin (Zentralstelle für den Sprachatlas 
des Deutschen Reiches) Hessenland 1930, S 43 ff.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.