Full text: Hessenland (42.1931)

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Daß der russische Zarenchron nicht ungestraft 
bestiegen wird, diese von ihren Vorgängern und 
Nachfolgern fast ausnahmslos gemachte bittere Er 
fahrung sollte trotz aller forcierten Reformversuche 
auch Katharina der Zweiten nicht ganz erspart 
bleiben. Daß man der, die Halbinsel Krim berei 
senden Landesmutter „Potemkinsche Dörfer" an den 
Weg zauberte, war längst noch nicht das 
Schlimmste. Weniger bekannt, aber um so furcht 
barer war jenes andere, an den Grundpfeilern ihres 
Thrones rüttelnde Ereignis, aus dem der, trotz aller 
zur Schau getragenen landesmütterlichen Fürsorg 
lichkeit, schuld- und fluchbeladenen Herrscherin ohne 
künstliche Attrappierung und schonende Maskie 
rung in seiner ganzen Schreckhaftigkeit das ver 
zerrte bleiche Antlitz ihres erdrosselten Vorgängers 
und Gatten schaden- und rachefroh entgegengrinste. 
Ein furchtbarer Rächer war nämlich dem Er 
mordeten erstanden in der Gestalt des ihm wie aus 
dem Gesicht geschnittenen tierisch rohen Kosaken 
Pugatschew, deö russischen Tilekolup, wie er ein 
halb Jahrtausend nach Rudolf von Haböburgs 
Tagen eben nur hierzulande noch möglich war. 
Fast zwei Jahre lang wälzte sich die Lawine seines 
täglich wachsenden Anhangs über weite Gebiete 
des Riesenreiches dahin, Alles auf ihrer Bahn von 
Grund auf wieder zerstörend, was Menschengeist 
und Menschenhand geschaffen. Wie einst vor den 
wilden Husfitenscharen die erzgepanzerten Heere 
der abendländischen Ritterschaft, so wichen vor dem 
Ansturm der Pugatschewianer lange Zeit die ihnen 
entgegengesandten Heere der russischen Regierung, 
und die Gefahr war um so größer, als auch der 
i. I. 1768 begonnene Krieg gegen den türkischen 
Erbfeind im Süden noch nicht beendet war. 
Wie es schließlich dennoch gelang, durch Nie 
derwerfung deö Aufstandes diese, auch dem Thron 
der Zarin schon bedenklich nahegerückte Gefahr zu 
beschwören, darf uns hier nicht weiter interessieren. 
Mit um so größerer Spannung sehen wir uns 
nach dieser, für notwendig gehaltenen, Abschwei 
fung wieder nach unserem Helden um. Daß die 
Pugatschewsche Lawine auf ihrer alles Gebild von 
Menschenhand und Menschengeist zertrümmern 
den Fahrt auch um Johann Heinrichs blühende 
Erziehungsstätten keinen Bogen gemacht hatte, wie 
er selbst einst ums Hefsenland, wissen wir ja schon, 
und wir erfahren jetzt auch, welchem bei allem Un 
glück glücklichen Umstande er es zu verdanken 
hatte, daß besagte Lawine nicht auch über ihn selbst 
dahingegangen war. Allein dem Umstand nämlich, 
daß „gerade in seiner Abwesenheit", wohl in Pe 
tersburg oder Jaroölaw, „die Pugatschewsche 
Insurrektion in Kleinrußland sich ausbreitete". 
Uber weitere persönliche Erlebnisse in dieser Zeit 
enthält unsere Quelle leider nichts. Denn, ganz 
abgesehen von der allgemein gehaltenen Bemer 
kung, daß „der Bruder davon eine gräßliche Be 
schreibung gemacht" habe, kann auch die Mättei- 
lung, daß „sein mit andern, von der Regierung zu 
jenem edlen Werke berufenen, Männern gemein 
schaftlich errichtetes Schul- und Erziehungsinstitut 
durch den entsetzlichen Bösewicht zerstört war", 
nach dem darüber Gesagten nicht mehr überraschen. 
Immerhin ist sie insofern von Interesse, als sie 
Art und Bedeutung der zuletzt von ihm ausgeübten 
Tätigkeit noch etwas deutlicher erkennen läßt als 
bisher. So zwar, daß sich daraus als Ausgangs 
und Mittelpunkt seines Wirkens ein in Kleinruß 
land errichtetes, für alle von ihm schon gegründeten 
oder noch zu gründenden und zu beaufsichtigenden 
„Provinzialschulen" vorbildliche Musteranstalt er 
gibt, ein inmitten des Barbarenlandes geschaf 
fenes, nach allen Seiten ausstrahlendes Kultur 
zentrum. Daß ihm dabei noch „andere, von der 
Regierung berufene, Männer" zur Seite gestan 
den, kann sein Hauptverdienst, seinen Hauptanteil 
daran um so weniger schmälern, als jenes Institut 
ausdrücklich als das „Seine", also doch wohl den 
Stempel vor allem seiner Persönlichkeit tragend, 
bezeichnet wird. 
Eben darum aber auch um so schmerzlicher für 
ihn, „das edle Werk" so bald schon wieder in 
Trümmern liegen zu sehen. Ein Schmerz, dem 
gegenüber auch das glücklich gerettete Leben für 
ihn, der es oft schon aufs Spiel gesetzt und dem 
es drum wohl noch weniger als „der Güter 
höchstes" galt als manchem andern, kaum irgend 
wie in die Wagschale fiel. Das bloße nackte Le 
ben zumal, das dem, mitten aus erfolgreichstem, 
ihm selbst höchste Befriedigung gewährendem 
Schaffen jäh Herausgerissenen als einziger Besitz 
geblieben. Auf den ersten Blick gewiß eine Tra 
gik, der sich kaum jemand wird verschließen können, 
und die auch wir voll empfinden würden, wenn es 
nicht eben Johann Heinrich Fuchs wäre, dem bei 
feiner uns ja hinlänglich bekannten Einstellung 
auch den schwersten Schicksalsschlägen gegenüber 
schon zuzutrauen ist, daß er auch dies wohl 
schwerste Mißgeschick seines Lebens wieder selbst 
nicht allzu tragisch genommen habe. Freilich war 
es ja auch mit dem bloß geretteten nackten Leben 
doch nicht ganz so schlimm, wie eö auf den ersten 
Blick erscheint. Insofern nämlich, als der so 
schwer Getroffene angesichts seiner der Zarin ge 
leisteten Dienste und seines dadurch in weiten
	        

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