Full text: Hessenland (42.1931)

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auf die Vorgeschichte bezüglichen Akten und be 
sonders eine Kartothek der Bodenfunde aufnehmen 
soll. Von seinen Arbeiten im Gelände nenne ich 
besonders die Ausgrabung eines Urnengräber 
feldes der Hallstattzeit bei Klein-Englis und die 
Aufdeckung wichtiger Grabhügel am Knüll und 
bei Marburg. 
Allerwärts ist zu beobachten, wie die Wissen 
schaft der Vorgeschichte allmählich auch die F r ü h- 
g e s ch i ch t e in ihre Kreise zieht. In Hessen setzte 
diese Forschung naturgemäß an den alten kirchlichen 
Centren ein: in Fulda, in Heröfeld und in Fritz 
lar, überall getragen von der Persönlichkeit I. Von- 
deraus. In Hersfeld gelang es ihm die ehrwürdi 
gen Kirchlein des Sturmius und Lullus und die 
karolingische Basilika nachzuweisen, die schon fast 
die Größe des romanischen Baus hatte. Unter dem 
heutigen Dom von Fulda fanden sich Reste der 
Kirche des Sturmius mit dem ursprünglichen Grab 
des Bonifatius, darüber die große karolingische 
Ratgar-Bafilika mit dem Kreuzaltar, der über 
dem ältesten Bonifatiusgrab errichtet wurde, und 
den großen Atrien, die ihr später im Osten und 
Westen vorgelegt wurden. Auf dem Büraberg bei 
Fritzlar entdeckte Vonderau die stattlichen Reste des 
alten Bischofssitzes: Mauer und Graben, die an 
der am meisten gefährdeten Stelle durch kurze 
Wälle verstärkt waren, im Innern die alte Tauf 
kapelle und zahlreiche Reste leichter Holzbaracken, 
dazu Einzelfunde, welche bis in die frühe fränkische 
Zeit zurückgehen. 
„Hessen als Durchgangöland vorgeschichtlicher 
Kulturen", so hat W. Bremer einen seiner zusam 
menfassenden Aufsätze betitelt (Hefsenland 1925, 
325 ff-) und damit auch den leitenden Gesichts 
punkt ausgesprochen. Hessen, das sich mit der Wet 
terau und dem Kinzigtal gegen Süden, mit dem 
Lahntal gegen Westen, mit dem Wesertal gegen 
Norden öffnet, durch das die wichtigsten Straßen 
nach Osten, nach Mitteldeutschland führen, war 
immer dazu bestimmt zwischen stärker geschlossenen 
Kulturgebieten zu vermitteln. 
Es muß daher wundernehmen, daß bisher Funde 
aus der älteren Steinzeit, dem Palaeolithikum, völ 
lig fehlen. Da aber im nahen Oberheffen, näm 
lich bei Treis an der Lumda, neuerdings auch an 
anderen Orten, von Dr. Richter in Gießen viele 
Befiedelungspunkte gefunden find, so muß angenom 
men werden, daß diese Spuren auch bei uns nicht 
fehlen, und es nur darauf ankommt, sie richtig zu 
suchen. Dies wäre die erste der Forschungsauf 
gaben, die ich im Folgenden formulieren möchte. 
In der jüngeren Steinzeit bietet sich dann ein 
reiches Bild verschiedener Kulturen, die sich durch 
ihre Topfwaren und Werkzeuge mehr oder 
weniger scharf von einander abheben. Hier wird 
die Forschung immer klarer erkennen müssen, wie 
einzelne Kulturen von Thüringen nach dem Rhein 
oder von Süddeutschland nach Niedersachsen ge 
zogen find, wie andere sich im Land festgesetzt ha 
ben und manche nur mit ihren Ausläufern nach 
Hesten hineinreichen. Das letztere gilt z. B. für die 
Mrchelsberger Keramik, deren Scherben sich über 
raschenderweise auf der Altenburg bei Niedenstein 
gefunden haben. Die Mächelöberger Keramik ge 
hört zur selben Kultur wie die Pfahlbauten am 
Bodensee. Diese Kultur ist den Rhein hinunter 
gewandert, hat sich andererseits nach Böhmen und 
Mähren verbreitet und erreicht in Hessen einen 
ihrer nördlichsten Punkte. 
Besondere Wichtigkeit erlangt unter den geschil 
derten Umständen die Feststellung der Straßen, sie 
ist von den im ersten Abschnitt genannten Gelehrten 
— hier in Schlüchtern wäre noch Rektor Mald- 
feld zu erwähnen — bereits weit gefördert worden. 
Besonders gut find wir über den Süden unseres 
Gebiets, Wetterau und Fuldaer Land, unterrichet, 
dagegen wäre in Niederhefsen noch die genauere 
Lage z. B. der westfälischen Straßengruppe bis zur 
Diemel festzulegen. 
Was die Funde anlangt, so fällt zunächst auf, 
daß in Niederhefsen die Steinzeit gut bekannt, 
die Bronzezeit spärlich vertreten ist, während es 
im oberen Fulda- und Werra-Tal gerade umge 
kehrt steht. Hier wird die Forschung wohl aus 
gleichen können und z. B. im Fulda-Land nach 
Spuren der ältesten in Kurhessen faßbaren Kultur 
suchen; es ist die Kultur der Bandkeramik. 
Die Bandkeramik stammt von der Donau, an 
der sie aufwärts wandert und sich dann weit in 
Süd- und Mitteldeutschland verbreitet, besonders 
die fruchtbaren Lößhöhen der Wetterau find über 
sät mit ihren Spuren. Eö find Ackerbauer, die man 
an ihren steinernen Feldgeräten und an den band 
artigen eingeritzten Verzierungen ihrer Töpfe er 
kennt. Diese Kultur mischt sich in unserer Gegend 
vielfach mit der Stichkeramik, d. h. mit einer aus 
dem Norden stammenden Kultur, die ihre Gefäße 
mit eingestochenen Ornamenten versteht. Ihre 
Träger waren Jäger und Nomaden. Auch die 
Einwanderung dieses Volkes, das aus Thüringen die 
Kultur des Rösiener Typus mitbrachte, dürfte sich 
noch genauer festlegen lassen. Die Feststellung 
Wolffö am Frauenberg bei Marburg, daß dort 
eine stichkeramische Grube über einer spiralband 
keramischen liege, ist leider nicht gesichert. 
Besondere Probleme stellt die Kultur der 
Schnurzonenbecher, die am Ausgang der Stein 
zeit unser Gebiet beherrscht hat, und der die ein
	        
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