Full text: Hessenland (42.1931)

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Die Geschäftsführung der Bibliothek war, so lange 
sie der Finanzkammer unterstand, sehr einfach gewesen. 
Das wurde anders, als durch das Organisationsedikt 
vom 29.6. 1821 die Bibliothek dem Hofmarschallamt 
unterstellt wurde. Unter dem Einfluß des Hvfkammer- 
rats Hoffman,, herrschte bei dieser Behörde ein stark 
bürokratischer Geist, der alles nach einer Form gestalten 
wollte. Völkel gelang es, den rechnungsmäßigen Teil 
des Geschäftsganges auf Jakob Grimm zu übertragen, 
dem dadurch eine starke Belastung und Hemmung auf 
gebürdet wurde. Oie unausbleiblichen Erinnerungen 
des Oberhofmarschallamts glaubte Jakob als Ausfluß 
eines gegen ihn persönlich bestehenden Mißtrauens an 
sehen zu müssen. In einer dagegen gerichteten Eingabe 
klagte er über „unwürdige Beschränkung und Kontrolle" 
und ließ sich zu der Behauptung hinreißen, das neue 
Verfahren werde Buchhändler und Buchbinder in Ab 
hängigkeit von einem Kassenbeamten bringen, „der nach 
mir nicht näher bekannten, aber möglichen Kassenein 
richtungen die Zahlung hinhalten, vielleicht auch Pro 
zente abzudringeu suchen kann, welches zuletzt einen ver 
hältnismäßigen Preisaufschlag nach sich ziehen wird." 
Damit war in den amtlichen Verkehr zwischen Jakob 
Grinim und dem Oberhofmarschallamt von Anfang an 
ein scharfer Ton gekommen, der das Oberhofmarschall 
amt verleitete, bei ganz unbedeutender Beanstandung 
(z. B. einem Rechnunggfehler von 10 Hellern) Grimm 
einen „gänzlichen Mangel an Begriff vom Rechnungs 
wesen" und einen „gewissen Hang zur Ungebundenheit 
in der Verwendung von Bibliotheks-Verlagsgeldern" 
vorzuwerfen. 
War schon ein solcher Ton der Behörde unwürdig, 
so ließ sich das Oberhofmarschallamt in der Folge zu 
einer Maßnahme hinreißen, die wohl den vollkomme 
nen Mangel an sachlichem Verständnis erwies, für die 
Beamten der Bibliothek aber zu einer gewaltigen Plage 
werden sollte: es verlangte zwecks Vorlage an den 
Kurfürsten die Herstellung einer vollständigen Katalog 
abschrift, die so eingerichtet werden sollte, daß die 
Neuanschaffungen alljährlich nachgetragen werden 
könnten. 
Diese geradezu ungeheuerliche Forderung ging selbst 
Völkel zu weit, der sich bei diesen Auseinandersetzungen 
bis dahin stark zurückgehalten hatte. Er verlangte zur 
Durchführung des Verlangten die Neueinstellung von 
drei Schreibern, Jakob Grimm erhob für sich Vorstel 
lungen — vergebens, es blieb bei der Anordnung. Oie 
Verfügung, in der dies ausgesprochen wurde, war von 
solcher Schärfe, daß die Absicht unverkennbar war, den 
beiden Bibliothekaren, besonders aber Jakob Grimm, 
jede nur mögliche Unfreundlichkeit zu sagen. So blieb 
dann den Beamten, in erster Linie den beiden Grimms, 
nichts anderes übrig, als die verlangte Abschrift in An 
griff zu nehmen, eine ungeheuerliche Zumutung für 
Männer von den Geistesgaben der Brüder Grimm. 
Oie gestellte Frist von sechs Monaten konnte natürlich 
nicht eingehalten werden; eine erbetene Fristverlängerung 
wurde anstandslos bewilligt. Damit war die Sache 
überhaupt erledigt. Anstelle des Hofkammerrats Hoff- 
mann war nämlich der Schloßhauptmann von Canstein 
getreten, der kein Interesse für die Katalogabschrift 
zeigte. So schlief die Sache ein, und es kam, wie Ja 
kob Grimm vorausgesagt hatte, die mühsame Arbeit 
mehrerer Monate war verloren. 
Völkel starb am 31. 1. 182g. Nun war die Mög 
lichkeit gegeben, die Stellung der Brüder Grimm zu 
einer dauernden zu gestalten. Sie baten deshalb schon 
am 2. 2. in einer gemeinsamen Eingabe den Kurfürsten 
um Übertragung der Direktor-, bezw. ersten Bibliothe 
karstelle. Aber sie erlebten die Enttäuschung, daß der 
Kurfürst schon am 5. best. Mts. eigenhändig verfügte: 
„Beide Gesuche werden abgeschlagen". Oie so geschaf 
fene Lage nutzte die üniversitätsstadt Göttingen aus. 
Im Oktober 182g erfolgte die Berufung der Brüder 
Grimm nach Göttingen, worauf sie in einem, ihre Liebe 
zur Heimat deutlich zeigenden, gemeinsamen Gesuche um 
ihren Abschied baten, der ihnen am 30. 10. bewilligt 
wurde. Oie Gründe für diese Behandlung der Brüder 
Grimm lassen sich nur vermuten. Vielleicht war der Kur 
fürst durch die ihm in falscher Beleuchtung vorgetragene Ka 
talogangelegenheit verstimmt; sicher ist Wilhelm I;L, 
den, jedes Verständnis für wissenschaftliche Arbeit ab 
ging, die Bedeutung der Grimm's unbekannt gewesen. 
Als er — wohl durch die Gräfin Reichenbach — hier 
über aufgeklärt wurde, ließ er deu Brüder» die erstreb 
ten Stellen doch noch anbieten. Aber nun war eg zu 
spät; sie hatten bereits Göttingen zugesagt. Am 2. i. 
1830 treten sie dort ihre neuen Stellen an. Als sie 
diese im Jahre 1837 wieder aufgeben mußte», bean 
tragte der Abgeordnete Endemann im kurhessischen Land 
tag ihre Anstellung an der Landcguniversität, der Lan- 
desbibliothek oder auch dem Landesarchiv und fand auch 
die Zustimmung des Landtags. Das Ministerium sah 
aber in diesem Beschluß der Stände eine unzulässige 
Einmischung in die der Regierung zustehenden Befug 
nisse und lehnte, wobei wohl wieder ein Verständnis für 
die Bedeutung der Brüder Grimm fehlte, eine Berück 
sichtigung des Landtagsbeschlusses ab. 
Waren die Brüder auch 1830 mit tiefem Weh ini 
Herzen aus der Heimat geschieden, so hielt diese Stim 
mung doch nicht au. Schon zwei Jahre später bezeich 
nete Jakob in seiner Selbstbiographie seine Kasseler 
Zeit als die ruhigste, arbeitgsainstc und fruchtbarste Zeit 
seines Lebens. Mit Befriedigung gedenkt er der An- 
regung, die den Brüdern Grimm ihre Tätigkeit an der 
Bibliothek für ihre wissenschaftlichen Arbeiten gegeben 
habe. Diese behandelten ein Gebiet, das ihrem Stu 
diengang zunächst ferngelegen hatte. Beide Brüder hat 
ten Jura studiert und waren erst durch Savigny von 
der Jurisprudenz zur deutschen Sprache und Poesie 
hinübergelenkt woren. Die Erforschung des deutschen 
Altertums war die große Aufgabe, der sie sich nun beide 
in enger Gemeinschaft hingaben und der sie sich in ge 
meinsamer Arbeit derart widmeten, daß sie ihre Arbei 
ten als solche der „Brüder Grimm" herausgaben, sogar 
die Vornamen blieben weg. 
Im Anschluß an Herder begannen die Brüder schon 
1806 mit der Sammlung deutscher Märchen und Sagen 
aus deni Munde des Volkes, um altes poetisches Erb 
gut vor dem Vergehen zu retten. Jahrlang wurde ge 
sammelt, bis sie sich vor allem aus Drängen Arnims 
und Brentanos im Jahre 1812 anschlossen, den ersten 
Band der „Kinder- und Hausmärchen" herauszubringen. 
1815 folgte ein zweiter Band und das Jahr 181g brachte 
die Gesamtausgabe. Es muß hier betont werden, daß 
die wunderbare Ursprünglichkeit, Reinheit, Kindlichkeit 
und Naivität, in der hier uraltes Volksgut der Jugend 
geboten wird, in keiner anderen Literatur wieder erreicht 
worden ist. Oie Sammlung bedeutete auch für die Wis 
senschaft eine Tat: in allen Teilen Deutschlands begann 
man die bis dahin unbeachteten Volksüberlieferungen zu 
sammeln und planmäßig zu erforschen. 
Gleichzeitig mit der Märchensammlung erschien die 
von Jakob und Wilhelm gemeinsam bearbeitete Aus 
gabe der beiden ältesten deutschen Gedichte, des Hilde- 
brandlledes und des Wesiobrunner Gebets. Deutlich 
ließ sich hier erkennen, wie viel weiter Jakob in der
	        

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