Full text: Hessenland (42.1931)

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„Wir bauen alle feste feste, 
bind stnd doch hier nur Gäste, 
Doch wo wir sollen ewig sein, 
Da bauen wir uns wenig ein." 
(Oberhess. Ztg. v. 28. 5. 1931.) — W. K. 
Zweigverein Rotenburg a. d. Fulda. 
Am i.Iuli 1930 hielt der Verein eine Mitglieder 
versammlung ab, in der der Vorstand wiedergewählt 
wurde. Studienrat Meis führte sodann eine Ansicht 
des Marktplatzes aus der Zeit um 1830 im Lichtbild 
vor und gedachte zum Schluß der Rheinlandräumung. 
Er wieg dabei kurz auf die Rolle hin, die der Rhein 
auch in der hessischen Geschichte gespielt hat, insbeson 
dere auf die Festung Rheinfelg bei St. Goar und den 
Streit zwischen Rotenburg und Kassel um den Besitz 
dieser Festung. (Über Hessen-Kassels Wacht an« Rhein 
vgl. Dr. Israel, „Hessenland" 1930, S. 194). 
Im Winter fanden zwei gut besuchte öffentliche Ver 
sammlungen statt. 
Am 20. November 1930 sprach Herr Amts 
gerichtsrat v. Baumbach aus Fronhausen über 
das Thema: „Von der Kultur des hessischen Dorfes". 
Seine grundsätzlichen Ausführungen sowohl, — in denen 
er sich dagegen wehrte, daß man die Volkskunst nur 
als .herabgesunkenes Kulturgut betrachte, — wie die 
durch viele treffliche Lichtbilder veranschaulichten Einzel 
ausführungen fanden freudige Zustimmung und brachten 
gerade den Freunden der Rotenburger Heimat mannig 
fache Anregung. Eines genauen Berichtes bedarf es hier 
nicht, weil über den gleichen, auch im Zweigverein Kas 
sel gehaltenen Vortrag bereits von diesem berichtet wor 
den ist. 
Wie im Vorjahre, so hielt auch im Frühjahr 1931 
der Verein einen Brüder-Grinun-Abend gemeinsam mit 
der Staatl. Anfbauschule ab, die den Namen Iakob- 
Grimm-Schule führt. Musikstücke, vorgetragen voni 
Streichorchester der Schule, gaben auch diesem Abend 
(19.3.1931) das Gepräge einer schlichten Feier. Herr 
Studiendirektor Schneider führte aus, welches Ziel der 
Aufbauschule vorgeschwebt habe, als sie sich nach Jakob 
Grimm benannte, und in welcher Weise sie — trotz aller 
selbstverständlichen Beschränkung — in ihrer Arbeit 
diesem Ziele zugestrebt habe. Dabei ist das Bemühen 
um Einführung zur Heimat und ihrer Geschichte natur 
gemäß besonders zu nennen. — Studienrat Meis konnte 
die Versammlung u. a. darauf hinweisen, daß der Fest 
raum der Schule, in dem bisher auch fast alle öffent 
lichen Versammlungen des Geschichtsvereins stattfanden, 
zum ersten Male einen besonders wertvollen und be- 
ziehungsreichen Schmuck aufweist: Herr Geheimrat 
Prof. Dr. Edward Schröder (besten Ahnen um 1700 
Bürger unseres Städtchens waren) hatte die große 
Frenndlichkeit, der Schule das Medaillonbild der Brü 
der Grimm nach der Plastik von Robert Cauer zu 
schenken, das lange Jahre sein Arbeitszimmer ge 
schmückt hat. 
Das Kernstück der Feier aber bildete der gediegene 
nnd eindrucksvolle, durch neue Mitteilungen aus 
Archivalien besonders gehaltreich gestaltete Vortrag des 
Herrn Bibliotheksdirektors Dr. Hopf über „die Kas 
seler Jahre der Brüder Grimm". 
Die Kasseler Landesbibliothek pflegt das Gedächtnis 
Jakob und Wilhelm Grimms mit besonderer Sorgsam 
keit und Liebe. Sie hat auch alle Veranlassung dazu: 
denn in der langen Reihe der Kasseler Bibliothekare, die 
manchen beachtlichen Namen aufweist, stehen Jakob 
und Wilhelm Grimm weitaus an erster Stelle; hier 
haben sie ihre ersten, Aufsehen erregenden, grundlegen 
den Werke geschaffen, die ihre Namen bald über die 
Grenzen des Heimatlandes hinaus bekannt machten, hier 
haben sie das ihren Neigungen und Fähigkeiten entspre 
chende innere Verhältnis zum deutschen Volkstum und 
seiner Literatur gefunden, das sie dann in ernster und 
strenger Arbeit zu den von der Welt anerkannten Mei 
stern der germanistischen Wissenschaft hat werden lasten. 
Wilhelm fand zuerst den Weg zur damals noch als 
„Kurfürstliche" bezeichneten Landesbibliothek: am 1.2. 
1814 wurde er, der wegen seiner schwachen Gesundheit 
am Kriege nicht teilnehmen konnte, als Sekretär ange 
stellt. Seine Freude über diese, seinen Wünschen voll 
kommen entsprechende Stellung wurde durch das ge 
ringe Gehalt (y 2 Jahrzehnt mußte er mit jährlich 300 
Talern auskommen) nicht ernstlich getrübt. 
Der erste Bibliothekar, Ludwig Völkel, der ihm 
freundlich und wohlwollend entgegenkam, war mit den 
Vorbereitungen für die Reise nach Paris beschäftigt, 
die er als Mitglied der Kommission für die Rückforde 
rung der geraubten Kunstschätze am 15. 4 - 1814 antrat. 
Hierfür mußte Wilhelm Grimm sofort eine Nachprü 
fung des Bestandes der in Betracht kommenden Werke 
vornehmen, eine Arbeit, die weder reizvoll, noch in den 
ungeheizten Bibliotheksräumen angenehm war. Daneben 
mußte er nicht nur den alphabetischen Katalog fortfüh 
ren, den Verkehr mit dem Publikum, einschließlich der 
Eintragungen in das Ausleihebuch, erledigen und die 
Rechnungsbelege prüfen, sondern häufig auch noch die 
verlangten Bücher selbst aussuchen und den Benutzern 
übergeben. Da er aber für diese sämtlichen Arbeiten 
doch nur zwei Stunden täglich in der Bibliothek an 
wesend sein inußte, blieb ihm reichliche Zeit für eigene 
wissenschaftliche Arbeiten. 
Jakob Grinim hatte im Januar 1803 im Sekretariat 
des Kriegskollegiums die Verwaltungslaufbahn einge 
schlagen, war aber schon am Ende desselben Jahres 
beim Zusammenbruch des Kurstaates stellenlos gewor 
den. Sein Versuch, bei der Bibliothek Anstellung zu 
finden, war vergeblich. Erst im Juli 1808 wurde er 
auf Empfehlung Johannes von Müllers mit der Ver 
waltung von Ieromes Privatbibliothek betraut. Auch 
er wurde dadurch nur wenige Stunden täglich in An 
spruch genommen, so daß ihm ebenfalls Zeit zu wisten- 
licher Pri'vatarbeit blieb. Sein Einkommen stieg bald 
auf 4000 Franken, so daß er, wie auch Wilhelm, mit 
dem er auch später sein Einkommen geteilt hat, von 
allen wirtschaftlichen Sorgen befreit waren. Als dann 
1813 der westfälische Hof bei seiner eilige» Flucht auch 
die wertvollsten Stücke der Wilhelmshöher Bibliothek 
mitnahm, gelang es Jakob, wenigstens einen Teil der 
kostbaren Handschriften und Kupferwerke in Sicherheit 
zu bringen. Manches wurde aber doch weggeschleppt 
und konnte dann von Jakob, der inzwischen kurhessischer 
Legationssekretär geworden war, nach der Einnahme 
von Paris wenigstens teilweise zurückgeholt werden. 
Nach vorübergehender Tätigkeit im diplomatischen 
Dienste, wurde Jakob Grimm dann am 16.4. 1816 
mit Wirkung vom 1.5. 1816 zum zweiten Bibliothekar 
der Landesbibliothek ernannt. Da man ihm an Gehalt 
nicht weniger geben konnte, als er bisher bezogen hatte, 
bewilligte man ihm 600 Ntlr. jährlich, so daß beide Brü 
der sich auch jetzt in erträglicher Lage befanden. Als Völkel 
1821 zum Direktor ernannt wurde und Jakob in die erste 
Bibliothekarstelle nachrückte, bewarb sich Wilhelm um 
die zweite Stelle, erhielt aber »ach achtjähriger rastloser 
Arbeit statt der erbetenen Anerkennung den Bescheid: 
„Beruhet!" Die erbetene Stelle blieb, aus finanziellen 
Gründen, unbesetzt.
	        

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