Full text: Hessenland (42.1931)

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Kirmesgebräuche in Qberh essen. 
Die treffliche Schilderung Ioh. H. Schwalms 
von Schwälmer Kirmesgebräuchen in Nr. 12, 
Iahrg. 1930 dieser Zeitschrift gibt Anlaß, auch 
solche aus anderen Gegenden Hessens zu erwähnen; 
was allerdings nur soweit möglich ist, als solche 
noch im Gedächtnis älterer Leute bekannt find. 
Denn eigentliche Kirmessen, wie sie früher üblich 
waren und von dem ganzen Dorf gefeiert wurden, 
gibt es außerhalb der Schwalm heutzutage wohl 
nirgends mehr, und auch in der Schwalm sind 
viele von den alten Gebräuchen verschwunden. 
Die Kirmes war früher das größte Fest für 
das Dorf. Nicht nur bestimmte Kreise oder Ver 
eine beteiligten sich daran, es war auch nicht das 
Unternehmen eines VRrteö, um sich eine Einnahme 
zu verschaffen, sondern schlechthin das ganze Dorf 
feierte mit. Es wird hervorgehoben, daß besonders 
auch der Pfarrer sich nicht fernhielt, und daß er 
durch einen Kuchen und durch ein Ständchen geehrt 
wurde. Die Kirmes fiel gewöhnlich im Herbst auf 
einen bestimmten Tag; ausnahmsweise wurde sie 
auch im Frühjahr gefeiert, wie in einigen Dörfern 
am Meißner. In Frauhansen fand sie herkömm 
licherweise im Dktober um den Amalientag statt 
und dauerte von Freitag bis Sonntag. Kirmes 
burschen waren die jungen Leute, die bei der letzten 
Ziehung zum Militär ausgehoben worden waren. 
Die Kirmes bildete ihren Abschied, zugleich aber 
auch eine Einnahme, die manchem von ihnen recht 
willkommen war. Sie zeichneten sich dadurch aus, 
daß an ihrer Zipfelkappe, der „Glockenkapp" oder 
„Strumpfbetzel" der Zipfel nicht wie gewöhnlich 
zur Seite hing, sondern durch einen innen ange 
brachten Draht aufrecht gestellt war. Rings herum 
waren die „gebackenen" Blumen, wie schon bei der 
Nlusterung gebräuchlich, angebracht. Am Don 
nerstag abend blies die M'ustk die Kirmes an. 
Aber die großen Mädchen hatten noch keine Zeit 
zum Tanzen. Sie waren noch vollauf mit Putzen 
und Scheuern, mit Backen und dem Herrichten 
des Kirmesstaats und des Hauses für die erwarte 
ten Gäste beschäftigt. Deshalb kamen an diesem 
Tag die halbwüchsigen Mädchen, welche noch teil 
weise die Schule besuchten, zu ihrem Recht, denn 
an diesem Vorabend tanzten die Burschen mit 
ihnen den „Ferkeltanz"; auf der eigentlichen Kir 
mes durften sie nur zusehen. Die Kirmesburschen 
gingen mit bändergeschmückten „Buteillen" voll 
Branntwein herum und tranken den Leuten zu. 
Am Freitag morgen zog die Musik im Dorf um 
her und brachte Ständchen. Getanzt wurde im 
Freien bei der Dorflinde, oder, bei schlechtem 2 Det- 
ter, in einer großen Bauernstube. Eine große Rolle 
Von K. v. B a u m b a ch. 
spielte das Austanzen des „Best", zweier seidener 
Tücher, eines für den Burschen, das andere für 
sein Mädchen. Scheinbar war damit eine Ver 
losung verbunden. Einer der Kirmesburschen zog 
mit einem Holzteller herum und von Haus zu 
Haus. Er verteilte Nummern, die er entweder 
an die Haustüre, oder die Stubentüre — soviel 
Insassen, soviel Nummern ■— schrieb, oder auch 
unter Zuhilfenahme des Tellers, der untergelegt 
wurde, auf die Kleider der Männer und Frauen, 
oder gar auf die Schuhsohlen. Dafür erhielt er 
je Nummer ein Geldgeschenk in die Kirmeskasse. 
Den Höhepunkt des Festes bildete der Sonntag 
nachmittag. Die M'ustk saß auf einem Leiter 
wagen, dessen Räder mit großen Steinen — an 
denen später die Krüge und Gläser zerschmissen wur 
den — festgemacht waren. An einem Ast der Linde 
hing ein alter mit Schießpulver gefüllter Strumpf. 
Während ein daran in Brand gesetzter Zunder 
glimmte, rief einer der Kirmesburschen Nmümern 
aus; wenn der Strumpf dann aufflammte, war 
das „Best" ausgespielt; und ein merkwürdiger Zu 
fall war, daß es immer der Bursch bekam, der stch 
mit Spenden besonders freigiebig gezeigt hatte. 
Während an den anderen Tagen der Tanz auch 
bis über die Mitternacht hinaus dauerte, war da 
mit am Sonntag schon gegen 12 Uhr Schluß. 
Denn am andern Morgen ging es wieder in aller 
Frühe an die Arbeit. Auf den größeren Höfen be 
gann schon das Dreschen, mit dem gewöhnlich 
nachts i Uhr angefangen wurde; und der „Herr" 
hatte noch etwas zu sagen! 
Im Übermut der Feststimmung wurden alle 
Gläser und Krüge zerschlagen. Die Krüge, aus 
Ton gebrannt, wurden dem Bedarf entsprechend 
in großen Mengen von Töpfern in Dreihausen be 
zogen. Sie waren auch nicht mehr, als das Zer 
schlagen wert. Die Scherben und damit die Kir 
mes wurde am andern Tag lustig-feierlich be 
graben. 
Da auch die älteren Leute an dem Fest teil 
nahmen, wurden gröbere Ausschreitungen vermie 
den. Die Kirmes als das Fest der ganzen Dorf- 
gemeinschaft bildete so den sinnfälligsten Ausdruck 
einer Dorfkultur, welche auf gemeinsamen Le- 
benöbedingnissen, und einer durch althergebrachten 
Brauch und strenge Sitte gefestigten Lebensgemein 
schaft beruhte. Mit dem Aufkommen der Ver- 
einöfestlichkeiten und dem die Volksgemeinschaft 
verwüstenden Klafsenkampf verschwand auch ihre 
Grundlage.
	        

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