Full text: Hessenland (42.1931)

238 
Zwei Gedichte in niederhessischer Mundart aus demIahre 17Z1. 
Von Dr. Friedrich K n a tz. 
Am ii. Anguß 1931 jährt sich zum 200. 
Mal der Tag, an dem Landgraf Friedrich I., 
König von Schweden, zum ersten und einzigen 
Mal alo Fürst in sein Land und in seine Resi 
denzstadt einzog. Am 29. Oktober 1731 verließ 
er Cassel und Hessen für immer. Diese kurze 
Frist von ii—12 Wochen wurde fast ganz aus 
gefüllt von einer Rundreise durch das Land und 
Empfängen von Abordnungen der verschiedenen 
Stände und Körperschaften sowie einzelner Per 
sönlichkeiten. 
Der König hatte verfügt, daß jeder Unter 
tan ihm seine Wünsche und Beschwerden per 
sönlich vorbringen dürfte, eine gut gemeinte Maß 
regel, die sich aber wohl kaum durchführen ließ. 
Immerhin hat diese landesväterliche Milde einen 
schlichten Ackerbürger aus Niederhessen er 
mutigt, dem König ein Begrüßungsgedicht in nie 
derhessischer Mundart zu überreichen, eine in da 
maliger Zeit wohl einzig dastehende Huldigung 
und ein schöner Beweis für die Volkstümlichkeit 
des Fürsten. 
Das Gedicht fand offenbar großen Anklang, 
und so fühlte sich der Dichter veranlaßt, im Ok 
tober, bei der Abreise des Königs, in einem z w e i - 
t e n Gedichte der herzlichen „Betrüwetniß der ge- 
treggen un ufrechtigen Lainnes-Kenger" Ausdruck 
zu geben, wie er sich vorher zum Dolmetscher ihrer 
„härtzlichen Freyde" gemacht hatte. 
Von diesen Gedichten befinden sich in meinem 
Besitz Abschriften, die aus dem Nachlaß 
meines Großvaters, des Ober-Appellationsgerichts- 
rats Karl Knatz (1800Ì—1861) stammen. Mein 
Großvater hat die Abschriften jedenfalls in den 
dreißiger oder vierziger Jahren des vorigen Jahr 
hunderts von Jakob Grimm erhalten, u. zw. ent 
weder unmittelbar oder durch Vermittlung seines 
(d. h. meines Großvaters) besten Freundes, des 
Bibliothekars Heinrich Schubart. 
Das erste Gedicht ist nach Vilmars Angabe 
in Eisenach gedruckt. Vilmar selbst hat aber 
offenbar nicht einen Originaldruck vor sich gehabt, 
sondern einen Abdruck im Hersfelder Intelligenz 
blatt von 1832 Nr. 9. Heute dürfte der Ori 
ginaldruck überhaupt nicht mehr vorhanden fein; 
aber auch die genannte Nummer des Hersfelder 
Intelligenzblattes fehlt sowohl in der Kasteler 
Landes-, wie in der Marburger Universitäts 
bibliothek. 
Dagegen befindet sich ein Originaldruck des 
zweiten Gedichtes in der hiesigen Landesbibli 
othek. Es ist ein schmaler Foliobogen; die kunst 
voll angeordnete Überschrift nimmt eine ganze 
Seite ein und ist in mindestens sechs verschieden 
großen Typen gedruckt, der Text ist mit ziemlich 
plumper Anfangs- und Schlußvignette geschmückt. 
Ein Druckort ist nicht angegeben. 
I. Grimm erwähnt beide Gedichte in dem be 
rühmten Aufsatz über hessische Ortsnamen, Ztschr. 
f. Hess. Gesch. II S. 139 ff. Vilmar kennt 
offenbar nur das erste Gedicht, das er im „Idi 
otikon" häufig anführt. H. v. P f i st e r in den 
Nachträgen zu Vilmars Idiotikon, Marburg 
1886, kennt auch das zweite Gedicht, doch ist es 
ihm nicht gelungen, dessen Reichtum an mundart 
lichem Gut auch nur einigermaßen auszuschöpfen. 
In späterer Zeit sind die beiden Gedichte, soviel 
ich weiß, nur je einmal wieder abgedruckt worden, 
nämlich durch W. Hopf in den Althessischen 
Volkskalendern von 1881 (S. 40) und 1883 
(S. 32), aber mit vielen Ungenauigkeiten und z. 
T. sinnentstellenden Fehlern. 
Schon 1903 hat Ph. Losch im Hestenland 
Bd. 17, S. i2o Anm. eine Neuherausgabe der 
Gedichte für dringend wünschenswert erklärt. Und 
in der Tat: wegen ihrer einzigartigen Stellung 
als niederhessische Dialektgedichte aus dem ersten 
Drittel des 18. Jahrhunderts, wegen ihres Reich 
tums an mundartlichem Gut, wegen ihres gesun 
den Humors und nicht zum wenigsten wegen der 
treuherzigen Unbefangenheit, mit der hier der Un 
tertan feinem Landesfürsten entgegentritt — und 
das zu einer Zeit, wo der fürstliche Absolutismus 
auf seinem Höhepunkt stand — verdienen es diese 
Gedichte wohl, einem größeren Leserkreise bekannt 
gemacht zu werden, und die zweihundertste Wieder 
kehr des Tages, an dem König Friedrich seinen 
Einzug in Kassel hielt, schien mir ein besonders ge 
eigneter Zeitpunkt zu sein, um sie genau 2 Jahr 
hunderte nach ihrer Entstehung im „Hessen- 
land" zu veröffentlichen. 
Was nun den Verfasser anbelangt, so 
nennt er sich selbst im ersten Gedicht einen „Lahmen 
Hessen-Frantzose" und im zweiten den „nagel- 
nuggen Hessen-Poeten, der vum Wissener runger 
gekuppelt, un ver dem Parnaß leggen geblewen" 
ist. Also ein Hugenotte, von dem vermutlich 
erst die Eltern nach Hessen gekommen sind. Daß 
gerade ein solcher hessische Dialektdichtungen
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.