Full text: Hessenland (42.1931)

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Aber, wie dem auch sei, dem, seiner Rehabili 
tierung von einem hohen Konsistorium noch nicht 
für würdig befundenen, Pfarramtskandidaten blieb 
nichts anderes übrig, als mit seiner, jedenfalls weit 
schwerer als er selbst, enttäuschten Gattin in den 
sauren Apfel der Rückkehr zu seinem fernen ver 
lorenen Posten des Kolonistenpredigers zu beißen. 
Noch dazu, ohne daß sich seine Wanderschäflein 
geneigt gezeigt hätten, ihrem wiedergewonnenen 
Hirten durch besonderes Wohlverhalten die saure 
Frucht ein wenig zu versüßen. Denn „unzufrieden 
mit den Kolonisten", so hören wir stattdessen, „fand 
er eine andere Anstellung in Kleinrußland". Wo 
durch sie seine Unzufriedenheit in dem Maße er 
regt hatten, daß er auf weiteres Wirken unter 
ihnen verzichtete, erfahren wir leider wieder nicht. 
Wenn aber die „andere Anstellung in Kleinruß 
land" nicht näher bezeichnet und nur noch hinzuge 
fügt wird, daß er sie „wieder verließ", so scheint 
auch hier seines Bleibens nicht allzu lange gewesen 
zu sein. 
Aber gerade in Kleinrußland sollte die Periode 
rasch wechselnder Lebensepisoden bald ein über 
raschend Ende finden. — Die mehrfach erwähnten 
Wolgasümpfe, deren Kultivierung durch notlei 
dende deutsche Kolonisten auch unserem, von der 
Heimat verschmähten, Pfarramtskandidaten wenig 
stens in „Halbasien" eine Predigerstelle verschafft 
hatte, waren ja, wie am Eingang dieses Kapitels 
schon angedeutet wurde, nicht der „nordischen Se- 
miramis" einziges Sorgenkind. Weit größere 
Schwierigkeiten bereitete der reformfreudigen Zarin 
und ein Gegenstand noch eifrigerer Fürsorge als 
die wirtschaftliche Hebung war ihr die geistig-kul 
turelle Förderung ihres mit der Bezeichnung 
„Halbasten" ja eben auch in dieser Hinsicht schon 
genügend gekennzeichneten Landes. 
Daß aber am Anfang alles auf diesem Gebiete 
zu Leistenden die Errichtung und Einrichtung zu 
diesem Zweck geeigneter Bildungs- und Erziehungs 
anstalten stehen mußte, dürfte ebenso einleuchten, 
wie daß hierzu die selbst noch so wenig erzogenen 
„Halbasiaten" noch weniger zu gebrauchen waren 
als zu jener, von geübter Bauernfaust schon zu be 
wältigenden, Entsumpfung der Wolgaöde. Eine 
Erkenntnis, der man sich denn auch nicht nur an 
hoher und höchster Stelle nicht verschloß, sondern 
aus der, wie sich zeigen wird, auch der seines Amtes 
überdrüssig gewordene Kolonistenprediger aus dem 
Hestenlande die nötigen Folgerungen zu ziehen stch 
beeilte. 
Aber „Rußland" war auch dazumal schon 
„groß und die Zarin weit", und wie sollte der nach 
dem fernen Süden des Reiches Verschlagene es an 
fangen, deren allerhöchste Aufmerksamkeit auf seine 
Wenigkeit zu lenkend Nun, der, wie wir anneh 
men, bewußt zu diesem Zweck von ihm eingeschla 
gene Weg, „die Erziehung vornehmer", also wohl 
aus, dem Hofe nicht fernstehenden, Familien stam 
mender „Jünglinge, der er sich nach Aufgabe der 
zuletzt von ihm inngehabten Stelle widmete, war 
jedenfalls nicht der schlechteste, ja von einem Erfolg 
gekrönt, den auch der „durch Geist und Kenntnisse 
ausgezeichnete" und, wie wir glauben hinzufügen 
zu dürfen, sich dessen auch voll bewußte „Mann", 
sich schwerlich hatte träumen lasten. Wenn er, der 
als bloßer, ob auch vielleicht noch so glänzend be 
währter, Informator vornehmer Jünglinge besten 
falls doch nur auf Anstellung an einer schon vor 
handenen oder noch zu gründenden Erziehungs 
anstalt hatte rechnen können, ohne zuvor noch 
irgend welche weiteren Beweise seiner Eignung ge 
liefert zu haben, „von der russischen Regierung zur 
Errichtung und Beaufsichtigung von Provinzial 
schulen berufen wurde", so hatte er das ja gewiß 
in erster Linie der, vermutlich von ihm selbst in 
seine Kalkulationen eingestellten, Fürsprache ein 
flußreicher Persönlichkeiten zu verdanken. Der alle 
Erwartungen, wohl auch die der Fürsprecher selbst, 
übersteigende Erfolg derselben aber läßt stch doch 
nur aus einer ganz besonders warmen Empfehlung 
des Informators und diese wieder nur aus der 
hohen Meinung erklären, die man in den Kreisen 
der ihm anvertrauten Jünglinge von seinem Kön 
nen und von seiner Persönlichkeit gewonnen hatte. 
„Höchstes Glück der Menschenkinder i s t nun ein 
mal die Persönlichkeit". Darin erschließt stch uns 
auch hier wieder das Geheimnis des Erfolges. 
Was aber mehr noch als dieser selbst verwun 
dern muß, — der so plötzlich zum Schulgewaltigsten 
einer großen russtschen Provinz emporgeschnellte 
Informator vornehmer Jünglinge zeigte stch der 
ihm übertragenen hohen und zweifellos äußerst 
schwierigen Aufgabe vollauf gewachsen. Denn 
nicht allein, daß er selbst „in dieser geschäftsvollen 
Lage stch sehr glücklich fühlte", — nein, „Alles 
war im schönen Aufblühen", und wenn noch hin 
zugefügt wird, daß „der Bruder, ein äußerst leben 
voller, kräftiger, thatendurstiger Mann, bald in 
Jaroslaw ®), bald in Petersburg sein mußte", so 
geht daraus hervor, daß der Aktionsradius seiner 
Wirksamkeit über die Grenzen der seiner schul- 
männischen Aufstcht zunächst unterstellten Provinz 
Kleinrußland gelegentlich noch weit hinausgriff. 
(Schluß folgt.) 9 
9) Hauptstadt eines rufjT. Gouvernements a. d. Wolga.
	        

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