Full text: Hessenland (42.1931)

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Menschheit hinübergerettet. Wo aber die glühen 
den Basalte sich über den Muschelkalk ergossen, 
entstanden die farbenfrohen Marmore im könig 
lichen Gewände, die leider unbeachtet blieben, weil 
sie sich nicht in klingende Münze umsetzen ließen. 
Wind und Wetter zerfressen aber auch diesen ba 
saltenen Königsmantel, der an der Kitzkammer von 
prachtvollen Riesenspangen zusammengehalten wird, 
und lösen ihn in Trümmer- und Felsenmeere auf, 
die träge in fast jedem Faltenwürfe herunter 
kriechen. 
Fast zaghaft und bescheiden dagegen erhebt stch 
der entblößte Fenerkopf der B l a n e n Kuppe 
in unmittelbarer Nähe der Werrastadt Eschwege 
über die sichtlich errötenden Buntsandsteinfluren. 
Zwei stark angewitterte Felsenwächter geben uns 
willig den Eingang frei. Nur mit leisen Schauern 
der Ehrfurcht betreten wir die altehrwürdige Vul 
kanruine. Kühl und trotzig streben die Felsentürme 
und Wände zum Himmelsdom, als seien sie hier 
für alle Ewigkeit hingestellt. Viel besucht von her 
vorragenden Forschern stoßen wir in der Fachlitera 
tur des In- und Auslandes auf ihren Namen. 
Ihre Glanzperiode aber fällt in jene Zeiten, in 
denen der heftige Kampf zwischen Neptunisten und 
Plutonisten entbrannt war. In diesem mit äußerster 
Erbitterung geführten Gelehrtenstreit verhalfen 
auch die hervorragenden, völlig eindeutigen Auf 
schlüsse der Blauen Kuppe den Feuermännern zum 
endgültigen Siege. In jenen Zeiten ist die Blaue 
Kuppe besonders häufig durchforscht und beschrie 
ben worden, so auch von dem großen Naturforscher 
Alexander von Humboldt, der den feurigen Ur 
sprung der Basalte hier glänzend bestätigt fand, 
und dessen Namen auch eines unserer stadtfarbenen 
Straßenschilder meldet. In den Humboldtwänden 
haben die erloschenen Gluten ihre Inschriften bis 
auf den heutigen Tag hinterlassen, und alle grö 
ßeren Museen Deutschlands zeigen in ihren Schau 
kästen Proben dieser weltberühmten Vulkan-Ruine. 
In neuester Zeit hat Professor Dr. Paul Ram- 
dohr von der Technischen Hochschule Aachen mit 
großem Erfolge umfangreiche Forschungen in der 
Blauen Kuppe vorgenommen, ihre wissenschaft 
lichen Reize um ein Vielfaches vermehrt und den 
Reichtum der Blauen Kuppe an kostbaren Kristal 
len in seiner ganzen Schönheit und Mannigfaltig 
keit aufgedeckt. 
Drei feurige Gestalten aus stürmischer Vorzeit, 
drei schimmernde Edelsteine der Werralandschaft, 
drei unvergeßliche Eindrücke für jeden Wanders 
mann! 
„Glückauf!" 
IohannHeinrichFuchs,em„Wolgadeutfcher"ausNlederheffen. 
Von I. F ü r e r. 
(i. Fortsetzung.) 
Aber seitdem war doch schon eine ganze Reihe von 
Jahren verflossen, in denen weltbewegenderes und 
unvergeßlicheres geschehen war als das Verschwin 
den eines Rekruten aus dem Regiment des Prinzen 
von Anhalt. Jahre aber vor allem auch, deren sich 
„der Herumläufer" wahrlich nicht zu schämen 
hatte. Und last not least 1 — Johann Heinrich 
wagte schon etwas. So wagte er nicht nur die 
Rückkehr in die für ihn immerhin des Löwen Höhle 
vergleichbare, hessssche Heimat, sondern brachte so 
gar die noch größere, in seiner Lage schier patho 
logisch anmutende, sagen wir — Kühnheit auf, eine 
„Anstellung im vaterländischen Militärdienst" 
nicht etwa in aller geziemenden Bescheidenheit zu 
erbitten, sondern — man höre und staune! — zu 
„verlangen". 
Daß solche, bei Erbeutung russtscher Kriegs- 
kassen und ähnlichen militärischen Okkastonen wohl 
angebracht gewesene, keck draufgängerische Husaren 
art gleichwohl Sr. hochfürstlichen Durchlaucht, 
dem Landgraf Friedrich II. von Hessen-Cassel ge 
genüber ihre Wirkung gründlich verfehlte, bedarf 
wohl kaum noch besonderer Erwähnung. Aber 
einer so grausamen Demütigung, wie sie dieser 
Herausforderung des, diesmal in der Gestalt des 
Landgrafen ihm entgegentretenden, Schicksals auf 
dem Fuße folgte, hatte sich unser Simplizisfimns 
bei allem Gefaßtseinmüssen auch auf des Fürsten 
Ungnade, doch wohl kaum versehen. Dieser empfand 
nämlich bei aller zur Schau getragenen begreif 
lichen Entrüstung zugleich eine geheime Freude, 
zwar nicht so sehr über Johann Heinrichs bei dieser 
Gelegenheit bekundeten „Männerstolz vor Fürsten 
thronen", als darüber, daß er gut und hochge 
wachsen war, und „steckte" den Deserteur von 
Rheinfels — als „Gemeinen" freilich nur — mir 
nichts dir nichts „in seine 11 Zoll lange erste 
Garde" 7 a ). 3 ilö Gemeinen ihn, der doch eines, 
nicht nur seiner Meinung nach, noch viel größeren 
7 - ) O. h. in der damals üblichen knappen Ausdrucksweise 
— 5 Fuß, 11' Zoll.
	        

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