Full text: Hessenland (42.1931)

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Kreis- und Ortsheimatpfleger. 
Die Zeit, in der der Staat Burgruinen auf 
Abbruch verkaufte, ist vorüber. Und kaum würde 
heute noch das gotische Refektorium eines Klosters 
zur Einrichtung einer Molkerei hergegeben werden, 
wie es in Heidau bei Altmorschen der Fall ist, oder 
ein Bau des n. Jahrhunderts zu einem Schaf 
stall herabgewürdigt werden, wie es mit dem Bru 
derhaus des ehemaligen Klosters Zohannesberg bei 
Hersfeld geschehen ist. Die Erkenntnis, daß der 
Staat das Erbe der Vergangenheit zu schützen und 
zu erhalten hat, ist durchgedrungen und hat in 
einer Reihe von Gesetzen ihren Niederschlag ge 
funden, die den Bau- und Kunstdenkmälern von 
Wert, dem Landschafts- und Ortsbild, den Denk 
mälern der Vorzeit und der Natur Schutz ver 
leihen. Der Staat hat weiter amtliche Stellen 
geschaffen, denen die Pflege der erwähnten Denk 
mäler vorzugsweise anvertraut ist. Für die Ban- 
und Kunstdenkmäler ist der Bezirkskonservator 
Dr. Bleibaum, Kassel, zuständig, für alle Boden 
funde der Vorzeit Universitätsprofessor Dr. von 
Merhart in Marburg und Professor Dr. Luth- 
mer in Kassel Vertrauensmann. Die natur 
geschichtlichen Bodenaltertümer unterstehen der 
Obhut von Professor Dr. Vonderau, Fulda. Die 
staatliche Stelle für Naturdenkmalpflege im Re 
gierungsbezirk unter Leitung von Professor Schä 
fer, Kassel, nebst den zugehörigen, über den ganzen 
Bezirk verteilten Kreisstellen bezweckt den Schutz 
der Naturdenkmäler. 
Man könnte meinen, daß diese Maßnahmen 
ausreichend sein müßten, um dem Überkommenen 
Schutz und Beachtung zu verleihen. Und unzwei 
felhaft haben sie bereits viel Gutes gestiftet. Die 
rechtzeitige Benachrichtigung der betreffenden 
Stelle vorausgesetzt, ist manches Unheil verhütet 
worden. Aber wie häufig kommt es noch vor, daß 
aus Unkenntnis der Gesetze und unterlassener Mät- 
teilung an den Vertrauensmann wertvolles Kultur 
gut verschwindet oder verschandelt wird. Einige Bei 
spiele dafür: Beim Anlegen eines Weges wird ein 
vorgeschichtliches Grab angeschnitten und dabei ein 
Broncebeil gefunden. Der Oberförster weigert sich 
zunächst aus Unkenntnis der Bestimmungen, An 
zeige zu machen oder gar es abzuliefern. Zn der 
Gemeinde F. des Kreises Hersfeld besteht feit Zäh 
ren ein Gesetz gegen die Verunstaltung des Ortö- 
bildes. Der Ort ist mit Reklameschildern in der 
Hauptstraße und am Bahnhof wie übersät, obwohl 
das Gesetz die Möglichkeit gäbe, sich gegen diese 
verunstaltende Werbetätigkeit zu schützen. 
Sollte nun wirklich keine Möglichkeit bestehen, 
den Schutz wirksamer als bisher zu machen? Für 
Von F. A. Schmidt, Hersfeld» 
die Bodenaltertümer sind ja, wie wir sahen, auch 
in den einzelnen Kreisen Pfleger bestellt, in man 
chen sogar mehrere. Für den Naturschutz sind die 
staatlichen Kreisstellen eingerichtet. Die Kreis- 
kommissare und die der Kommission angehörigen 
Mitglieder werden ihr Möglichstes tuen, um den 
ihnen anvertrauten Kreis zu betreuen und die zu 
ständigen Stellen bei Gefahr zu benachrichtigen» 
Leider find in diesen Kreis nicht auch die Bau- und 
Kunstdenkmäler miteingeschlosten. Der Bezirks 
konservator ist häufig auf zufällige Mitteilung 
Privater angewiesen. Daß auch die Stellen, die 
in erster Linie sich an ihn wenden sollten, die Eigen 
tümer der Bauten, bei baulichen Veränderungen 
ihn nicht oder zu spät heranziehen, ist bekannt. 
Neben anderem scheint es mir hier dringend not 
wendig zu sein, die ehrenamtliche Mitwirkung von 
solchen Personen zu erzielen, die die Denkmäler 
ihres Kreises beaufsichtigen und bei Gefährdung den 
Konservator heranholen. 
Alle diese Aufgaben im Kreise müßten u. E. in 
die Hand eines Kreisheimatpflegers ge 
legt werden, der ehrenamtlich, aber in öffentlichem 
Auftrage das Gebiet der Natur- und Kultur 
denkmalpflege seines Kreises zu betreuen hätte. Es 
wird nicht immer bei der verschiedenartigen Be 
tätigung leicht sein, die geeignete Persönlichkeit für 
diesen Posten zu finden. Trotzdem dürfte auch das 
keine unüberwindlichen Hinderniste bereiten. Die 
Ernennung des Kreisheimatpflegers wäre Sache 
des Regierungspräsidenten auf Vorschlag des Land- 
rats und nach Anhörung und Zustimmung der 
staatlichen Vertrauensmänner des Regierungsbe 
zirks. Der Kreisheimatpfleger hätte diese Stellen 
von allen Vorkommnissen zu benachrichtigen, ge 
gebenenfalls müßte er durch den Landrat die ersten 
Schutzmaßnahmen treffen lasten. Er müßte steh 
über alle im Kreise vorhandenen Denkmäler orien 
tieren und deren Erhaltung sich angelegen sein las 
sen. Andererseits müßten ihn die Bezirksstellen be 
raten, ihm die gesetzlichen Bestimmungen und die 
seine Tätigkeit behandelnde Literatur zugänglich 
machen und in gemeinsamen Beratungen der Pfle 
ger das Verständnis für die ihnen anvertrauten 
Aufgaben zu fördern suchen. Erleichtert würde dem 
Kreisheimatpfleger sein Amt durch die Einrichtung 
einer Kreisstelle für Denkmalpflege, deren Vor 
sitzender der Landrat sein müßte. Geschäftsführer 
würde der Kreispfleger. Diese bilden aus Kreisen 
Interessierter eine Kommission, die jährlich min 
destens einmal zusammentritt. Zn ihr erstattet der 
Geschäftsführer über feine Tätigkeit Bericht, hier 
werden Anregungen gegeben und Vorschläge ge 
macht, hier wird über die Verwendung der Mittel
	        

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