Full text: Hessenland (42.1931)

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Am nächsten hätte er es nun zum wilden Grafen 
im Westen gehabt. Schade nur, daß dieser rührige 
Parteigänger des Herzogs Ferdinand feine Gast 
rollen des öfteren auch auf dem Kriegstheater Lm 
Lande zu Hessen gab, um das der Rheinfelser De 
serteur begreiflicherweise einstweilen noch einen gro 
ßen Bogen machen mußte! 
So war denn „der Herumläufer" — unser Ge 
währsmann „weiß nicht, wie es zuging", sicher 
aber, ohne daß es der sonst meist üblichen mehr oder 
minder gewaltsamen Nachhilfe preußischer 2 Der- 
ber bedurft hätte — eines schönen Tages — „Zie 
thenscher Husar". 
Welchem glücklichen Umstand oder auch kühnem 
Wagnis er sein Loskommen von den Holländern zu 
verdanken hatte, erfahren wir ebenso wenig wie 
über seine Befreiung aus den Händen jener ver 
lumpten österreichischen Soldateska. TMe dem 
aber auch gewesen sein mag, die Hauptsache ist, 
daß der „Herumläufer" nun endlich gefunden 
hatte, was er bei beiden vergeblich gesucht und was 
ihm auch der „Prinz Anhalter" schmuckes Kriegs 
kleid nicht hatte ersetzen können, — den Krieg. 
Und wie sehr der abgesagte Feind des Gamaschen 
dienstes hier in seinem Element und am Platze 
war, das sollte sich gar bald schon zeigen. Zwar ist 
es, rein quantitativ gesehen, leider nur wenig, was 
dem Bruder davon noch in Erinnerung war und 
können wir uns dem Bedauern des Herausgebers 
dieser Lebensgeschichte, „daß des merkwürdigen 
Mannes Tagebücher nicht mehr vorhanden find", 
nur anschließen. Aber dies Wenige spricht doch 
für ein außerhalb des brüderlichen GedächtnisteS in 
Wirklichkeit noch vorhanden gewesenes beträcht 
liches Mehr an heldischer Betätigung. „Er half 
eine russtsche Kriegskaste wegnehmen", so lautet 
kurz der, in dieser knappen, anspruchslosen Fastung 
noch nicht einmal übermenschlich anmutende, Be 
richt des Bruders über diese einzige, ihm im Ge 
dächtnis haften gebliebene, Heldentat, und erst die 
Folgen, die sie für den Vollbringer haben sollte, 
geben uns einen Begriff davon, wie sehr stch dieser 
bei erwähnter Affäre hervorgetan und verdient ge 
macht haben muß. So zwar, daß ihn der in sol 
chen Dingen bekanntlich recht anspruchsvolle Preu 
ßenkönig doppelten Lohnes für wert hielt, indem er 
ihn nicht allein, nach offenbar erst kurzer Dienst 
zeit, zum Wachtmeister beförderte, sondern dazu 
auch noch mit einer erklecklichen Anzahl der erbeu 
teten russtschen „Imperialen" 7 ) beschenkte. 
Die russischen Goldfüchse in der Tasche oder 
vielmehr, wie uns der Biograph verrät, der Vor- 
7) Damalige russische Goldmünze (io Rubel.) 
ficht halber in den „Tollman" eingenäht, breiten 
Goldstreifen nun auch am Kragen, mag der in sol 
chem Maße von des Königs Huld Getragene gar 
von noch weiterem Aufstieg geträumt und noch zu 
manchem anderen kühnen Handstreich mag er sich 
in den Sattel geschwungen haben — bis die so 
rühm- und ausfichtsvoll begonnene Husarenlauf 
bahn plötzlich eine gar unliebsame lange Unter 
brechung erfuhr. 
Daß Bellona mit ihren Launen selbst ihre 
Günstlinge nicht ganz verschont, sollte bekanntlich 
auch der Sieger von Roßbach und Leuthen gelegent 
lich erfahren. Bitterer aber niemals als im Jahre 
des Unheils 1759, am Tage von Kunersdorf, der, 
und deshalb eben gedenken wir seiner, — auch dem 
wackeren Wachtmeister von Sr. Majestät Ziethen- 
Husaren zum dies ater werden sollte. Denn ob ihn 
auch die Kosaken nicht gleich, wie „Vater Kleist", 
den Dichterhelden, an Ort und Stelle in den Oder 
sumpf warfen, so schleppten sie ihn doch, und noch 
manchen Mitgefangenen Kameraden, weit fort bis 
zu den Sümpfen des unteren Wolgastromes. 
Der Raub der „Imperialen" war glänzend ge 
rächt, fest hinter Schloß und Riegel faß der Räu 
ber im fernen Astrachan. Ob noch einige davon — 
von den „Imperialen" nämlich — im Dolman 
steckten oder ob die wilden Gesellen, wie sie „Vater 
Kleist" bis auf die Haut ausgezogen, mit gleicher 
Höflichkeit auch ihm zumindest aus dem Dolman 
geholfen hatten? Soviel ist sicher — die KriegS- 
kasie sah ihrer — der „Imperialen" nämlich — 
keinen wieder. Wie dem aber auch sei, daß es ein 
„hartes Gewahrsam" war, in dem der Gefangene 
nun ein Jahr lang über des Schicksals Unbestän 
digkeit wie auch über mancherlei Selbstverschuldetes 
nachzudenken Muße hatte, glauben wir dem Bio 
graphen schon gern. Nur wäre es verkehrt, derlei, 
in solcher Lage gewiß naheliegende, besinnliche Ein 
kehr ohne weiteres auch bei unserem Leichtfuß anzu 
nehmen, dem wir vielmehr seiner ganzen Veran 
lagung nach eher das Gegenteil zutrauen, daß er 
nämlich, unbeschwert von solch' elegischer Rückschau 
auf doch nicht mehr zu Änderndes, die Zeit seiner, sei 
es hinter Schloß und Riegel oder bei harter Sträf 
lingsarbeit verbrachten, Gefangenschaft zu dem 
weit praktischeren Nachsinnen über Mittel und 
Wege zur Wiedererlangung seiner Freiheit be 
nutzte. Eine Annahme, die, wie wir sehen werden, 
auch der Ausgang dieser gewiß finstersten Episode 
seines wechselvollen Lebensganges nicht unwahr 
scheinlich macht. 
Ein volles Jahr schon Tag für Tag der Blick 
auf finstere, kaum einem stch erbarmenden, schmalen
	        

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