Full text: Hessenland (42.1931)

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mutung gedünkt haben. Ja, diese, jedenfalls zu den, 
ihm von seinem hohen Gönner erlassenen „lästigen 
Dienstverrichtungen" zählende, Tätigkeit sollte der 
unmittelbare Anlaß zu einem weiteren Schritt 
auf der Abenteurerbahn werden. Denn als der 
bitter Enttäuschte wieder einmal „so einsam auf 
der stillen Wacht" steht, tief unter sich im Silber 
licht des Mondes schimmernd, „den freien deutschen 
Rhein", da duldet's ihn nicht länger mehr an der 
Stätte der Unfreiheit, daß er Posten Posten sein 
läßt und sich auf und davon macht. Dort unten 
aber, in der Brandung schaukelnd, harrt seiner 
schon in Ungeduld der gefesselte Nachen. Die Kette 
klirrt, und das schwanke Fahrzeug trägt den 
Flüchtling eilig stromabwärts. Wohin? Nur fort 
von hier! Wie weit? Auch darüber erfahren wir 
nichts. Nur, daß er schließlich „in Lebensgefahr 
kam" und — „von einem österreichischen Militär- 
posten gerettet" wurde. Unter welchen Umständen 
und was der Österreicher da zu suchen hatte, bleibt 
gleichfalls des Biographen Geheimnis. 
Wer nun aber etwa denkt, daß der Gerettete 
nach diesem ersten Debüt ernüchtert auf weitere 
Militaria verzichtet habe, der irrt sich. Was ihm 
diese verleidet hatte, war ja nicht das im letzten und 
höchsten Sinne Militärische, wie eö der noch kind 
lichen, durch keinerlei Sachkenntnis getrübten, 
Vorstellung des gefahr- und tatendurstigen Kna 
ben ganz allein vorgeschwebt hatte, sondern der doch 
auch nicht ganz zu entbehrende, in Friedenszeiten 
sogar im Vordergrund stehende, dazumal freilich 
auf die Spitze getriebene und nach den anfänglich 
genostenen Vergünstigungen naturgemäß um so 
lästiger von ihm empfundene, „Gamaschendienst". 
V 2 as ihn freilich weder von dem Vorwurf frei 
spricht noch vor allem an der Tatsache etwas zu 
ändern vermochte, daß er stch eine, wie angenom 
men werden muß, aussichtsvolle Laufbahn im 
„vaterländischen Dienste" übereilt und leichtfertig 
verscherzt hatte. 
Daß der „Simplizissimus", wie wir unsern 
Helden nach solchem Geniestreich zu benennen nicht 
anstehen, nach seinem selbstverschuldeten Ausschei 
den aus „vaterländischen" nun gerade auf „kaiser 
liche", d. h. wohl österreichische Dienste verfiel, mag 
wohl auf Zureden seines Lebensretters geschehen 
sein. Dieser hatte dabei freilich, sei eö absichtlich 
oder weil es ihm nebensächlich erschien, offenbar 
etwas verschwiegen, was dem schmucken „Prinz 
Anhalter", wie sich bald zeigen sollte, durchaus 
nicht nebensächlich war. 
Wie nämlich der Kurfürst von Hessen als kreuz 
braver Mann seine Soldaten bekanntlich so gut 
kleidete, als er nur konnte, so hatten es auch seine 
Vorfahren, die weiland Landgrafen zu Hessen und 
nicht zuletzt Johann Heinrichs verflossener oberster 
Kriegsherr, Landgraf Friedrich II., schon gehalten. 
Daß sich aber solch' landesväterlicher Fürsorge die 
„Kaiserlichen" nicht in eben solchem Maße zu er 
freuen hatten, das eben war es, was der Öster 
reicher verschwiegen hatte, der in dieser Beziehung 
schon etwas verwöhnte Deserteur von Rheinfels 
aber als hinreichenden Grund zu einem abermaligen 
Fahnenwechsel ansah. Denn — „weil dieses Mi 
litär", so sagt der Bruder kurz, „damals gar zu 
ärmlich gekleidet war, nahm er bald darauf hol 
ländische Dienste". 
Daß diesmal die Wahl auf Holland fiel, mag 
sich aus der Beliebtheit erklären, deren sich damals 
gerade der holländische Militärdienst erfreute, läßt 
aber auch vermuten, daß die kurze vorausgegan 
gene Militärepisode sich in den angrenzenden „öster 
reichischen Niederlanden" abgespielt hatte. Nicht 
wenig mag den Abenteurer aber auch die im 
Dienste dieser Kolonial- und Seemacht zu erwar 
tende kriegerische Verwendung in fernen fremden 
Weltteilen gereizt haben. Eine Erwartung, die sich 
freilich, da unser Gewährsmann davon nichts zu 
berichten weiß und auch wegen der aus dem Fol 
genden sich ergebenden kurzen Zeitdauer seines Ver 
bleibens in der holländischen Armee, kaum verwirk 
licht haben dürfte. 
Solch' weiter Reisen sollte es ja zu kriegerischer 
Betätigung bald auch gar nicht mehr bedürfen. 
Denn „es begann der Siebenjährige Krieg. Die 
Welt war voll von des großen Friedrichs Taten". 
Gespannt horchte, nicht zuletzt, auch der hollän 
dische Söldner auf, und wie mag ihn, als bald auch 
die altbekannten hessischen Regimenter wieder mit 
von der Partie waren, der Simplizissimusstreich 
von Rheinfels gewurmt haben! Ihm, der das Los 
brechen des am östlichen Horizont heraufziehendnn 
Kriegsgewitters nicht hatte abwarten können, nun 
aber es endlich zur Entladung gekommen, gefestelt 
dastand im Dienst der westlichen Seemacht, die, 
Gewehr bei Fuß, dem gewaltigen Ringen und 
Weltgeschehen müßig zusah! 
Das war mehr, als der Tatendurstige ertragen 
konnte. Und, als dann zu „des Großen Friedrichs 
Taten" die kühnen Husarenstreiche des „Ziethen 
aus dem Busch" auf dem östlichen und des wilden 
Luckner auf dem westlichen Kriegsschauplatz sich ge 
sellten, da war es aus mit dem Warten auf Ent 
sendung zu ost- oder westindischen Abenteuern, da 
gab eö für den solch' „tolle Streiche" ja so „lieben 
den" Oberelsunger „Wildfang" nun vollends kein 
Halten mehr.
	        

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