Full text: Hessenland (42.1931)

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nicht nur von den natürlichen Gegebenheiten abhängig 
ist, sondern daß die vielsältigen Einwirkungen einer 
irrationalen historischen Entwickelung auf sie von ge 
staltendem Einfluß gewesen sind und oft innerhalb eines 
einheitlichen geographischen Raumes verschieden ge 
artete Wirtschaftsgebilde entstehen ließen. Aubin ver 
kennt nicht, daß der Sozialötonom der gleichen Gefahr 
einer Unterschätzung des historischen Werdens in seiner 
Bedeutung für die Gegenwart ausgesetzt sein kann, und 
faßt seine Ansicht dahin zusammen, daß man nur dann 
hoffen darf, zu einer tieferen Erfassung des Charakters 
eines Wirtschaftsgebietes und damit auch seiner räum 
lichen Grenzen zu gelangen, wenn man alle Momente 
berücksichtigt, die das Wirtschaftsleben der Gegenwart 
geformt haben und feine künftige Gestaltung be 
einflussen werden. 
Unter diesen Momenten ist schließlich auch eines nicht 
zu vernachlässigen: die Grenzen, die auf Grund geo 
graphischer oder sozialökonomischer Gesichtspunkte er 
forscht und bestimmt werden sollen, sollen doch nichts 
anderes sein als „verwaltungstechnische" Grenzen. Es 
ist immerhin der Fall denkbar, daß ein Gebiet in seiner 
Reuabgrenzung den letzten erdkundlichen Erkenntnissen 
entspricht und für die Verwaltung dennoch weder eine 
Erleichterung noch eine Verbesserung gegenüber dem 
früheren Zustand eintritt. Eine solche Neugliederung 
hätte natürlich ihren eigentlichen Zweck verfehlt. 
Nach dieser Seite hin bedarf es immer noch einer 
Begründung des Weitzelschen Vorschlags. 
U. as die beigegebenen statistischen Übersichten be 
trifft, so ist für uns interessant festzustellen, daß das 
vorgeschlagene Reichsland „Rheinfranken" von allen 
neuen deutschen Ländern (abgesehen von Österreich) mit 
annähernd 52 000 (Quadratkilometer Fläche die größte 
Ausdehnung haben soll. Der Einwohnerzahl nach 
würde das Gebilde mit fast 8 Mill. an dritter Steile 
stehen, nach den Reichsländern „Niederrhein" und 
>,Lbersachsen". 
Zu den Zahlenübersichten ist zu sagen, daß ihre 
Brauchbarkeit leider durch eine Fülle von Druckfehlern 
stark herabgemindert wird. Es hat keinen Sinn, solche 
Zahlen aus irgend einem pandbuch abzudrucken, wenn 
nicht für eine zuverlässige Wiedergabe gesorgt ist. 
Dr. B. 
Willi Lhmer, Südwestdeutschland als 
Einheit und Wirtschaftsraum. Eine ge 
schichtliche Wirtschaftskunde Südwestdeutschlands. Mit 
8 Karten und (35 Aufstellungen. Verlag von 
W. Kohlhammer, Stuttgart (930. 223 Seiten, preis 
brofch. 9,60 Mark. 
Der Verfasser liefert den ersten größeren Versuch 
einer Schilderung des sudwestdeutschen Wirtschaftsge 
bietes und seiner landschaftlichen, volklichen und kul 
turellen Grundlagen, des Gebietes also, das aus den 
Ländern Württemberg und Baden, den Landesteilen 
Pfalz und pohenzollern besteht, und das manche Be- 
Ziehungen zu Peffen-Darmstadt aufzuweisen hat. Es 
handelt sich unr den Raum, der bereits heute im we- 
sentlichen als Bereich des Landesarbeitsamts „Süd- 
westdeutschland" mit dem Sitz in Stuttgart zusammen 
gefaßt ist. Südwestdeutschland im engeren Sinne, aus 
Württemberg, Baden und poheneollern bestehend, unr- 
faßt annähernd 36 000 (Quadratkilometer mit fast 5 
Millionen Einwohnern; mit der Pfalz und den beiden 
hessischen Provinzen Starkenburg und Rheinhessen 
würde sich ein Flächenraum von annähernd 49 000 
(Quadratkilometern mit über 7 Millionen Einwohnern 
ergeben. 
Südwestdeutschland im engeren Sinne bildet nach 
Ansicht des Verfassers eine Kultur- und Wirtschafts 
einheit und gehöre daher vom Gesichtspunkt der Ver 
einfachung und Leistungssteigerung des gesamten 
öffentlichen und wirtschaftlichen Lebens bei einer Neu 
gliederung des Reiches zusammen. Daß dann ans 
denselben Gründen die Pinzunahme der bayrischen 
Pfalz zu geschehen habe, sei nur folgerichtig. Nun 
liegt dann aber neben diesem geschlossenen und inner 
lich starken Gebiete ein anderes. Es gehört aus stam- 
meskundlichen Gründen nicht unbedingt dazu, auch 
nicht unbedingt aus wirtschaftlichen. Cbwohl die hes 
sischen Provinzen Starkenburg und Rheinhessen zu 
Nordbaden (Mannheim) und der Pfalz viele wirt 
schaftliche Beziehungen besitzen. Führende hessische Wirt- 
schaftskreise stehen auch einem Anschlüsse der beiden 
hessischen Provinzen an ein zusammengeschlossenes 
Südwestdeutschland freundlich gegenüber. Wie auch in 
Mannheim die Auffassung besteht, daß in einem sol 
chen Falle die hessischen Nachbargebiete unbedingt dem 
neuen Staat angegliedert werden müßten. Außerhalb 
bliebe nur die Stadt Dffenbach, die ja wirtschaftlich 
unbedingt mit Frankfurt zusammenhängt." 
Dr. Becker. 
B a r n a s , Earl (Laubach): Bürgerwappen 
in Friedberg. Fricdberg i. p.: Bindernagel (930. 
III, VS. 8°. 
Ls dürfte in Deutschland kaum eine Stadt von 
gleicher Größe ((( (00 Einwohner) geben, in der die 
geschichtliche Lokalforschung mit solchem Eifer gepflegt 
wird, wie die alte Reichsstadt Friedberg in der Wet 
terau. Daß dabei auch die Familienforschung nicht 
zu kurz kommt, versteht sich von selbst. Dieser For 
schung will auch die oben angeführte Schrift dienen, 
die eigentlich ein Sonderdruck aus den „Friedberger 
Geschichtsblättern" ist. Uber die Ausführungen des 
Vorworts, sowie über einige Namenserklärungen will 
ich mit dem Verfasser nicht rechten, nur keinen Zwei 
fel darüber lassen, daß ich die Bedeutung der meisten 
„Bürgerwappen" wesentlich geringer einschätze und 
über die Begriffe „adelig" und „nicht adelig" anderer 
Ansicht bin. Daß Glieder derselben Familie mit ganz 
verschiedenen Zeichen siegelten, beweist mir eben, daß 
diese Zeichen keine Familienwappen waren, sondern 
von Ringen oder Petschaften stammten, die zuweilen 
ganz zufällig in den Besitz der Sigillanten gekommen 
waren. Bestehen bleibt das Verdienst des Verfassers, 
mehrere pundert solcher Siegelbilder und Nachrichten 
über viele Persönlichkeiten gesammelt zu haben, die 
nur z. T. aus Friedberg stammen. Ein genaues Per 
sonen- und Drtsregister erschließt diese nützliche Samm 
lung. PH. L. 
M a u r e r , Wilh., pfr. zu Michelbach: Aufklä 
rung, Idealismus und Restauration. 
Studien zur Kirchen- und Geistesgeschichte in besond. 
Bez. auf Kurhessen (780—(850. (. Der Ausgang der 
Aufklärung. 2 . Idealismus und Restauration. Gießen, 
Töpelmann ( 930 . 2 Bände. (Studien z. Gefch. d. 
neueren Protestantismus p. (3. (-(.) 
Der Titel ist für mein Empfinden etwas umständ 
lich, ebenso vielleicht die Darstellung p. Das ist aber 
() Dazu rechne ich auch die umständlichen Namens 
formen „Schmalkaldener", „Reichensachfener" u. ä., die 
von Berlin aus über die deutschen Schulen ins Volk 
eindringen, das noch immer B rem e n er Zigarren 
raucht und keinen Nordhaus e n er Korn trinkt.
	        

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