Full text: Hessenland (42.1931)

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Die Reise der Fürstin von Hanau nach Stettin 1866. 
Mit zwei Federzeichnungen von I. H. F r a e b , Hanau. 
Im 4 r. Jahrgange des Hessenlandes ist eine 
Meinungsverschiedenheit zwischen dem Fürsten Jsen- 
burg-Wächteröbach und Professor Dr. Losch dar 
über enthalten, ob die Fürstin von Hanau tatsäch 
lich 1866 den letzten Kurfürsten in seiner Stettiner 
Verbannung aufgesucht hat. Die Aufzeichnungen 
des als äußerst sorgsam und genau bekannten Ha- 
nauer Chronisten Ziegler bringen die Bestätigung 
dafür, daß die Fürstin am 27. August in Stettin 
angekommen und in der Nacht zum 30. September 
mit dem Kurfürsten in Hanau eingetroffen ist. 
Nachdem fich der letzte Kurfürst Friedrich Wil 
helm 1866 zu dem ihm ficher nicht leicht geworde 
nen Entschluß durchgerungen hatte, sich Österreich 
anzuschließen, blieb er im Gefühle seiner persön- 
Stellung enthoben. An seine Stelle wurde der 
Generalmajor Schenk von Schweinsberg mit der 
Führung der Truppen beauftragt und angewiesen, 
diese so schnell wie möglich über Fulda nach Hanau 
abmarschieren zu lasten, um fich mit der 2. In 
fanterie-Brigade in Hanau zu vereinigen. Mit 
den Truppen reiste auch die Fürstin von Hanau und 
die älteste Tochter des Kurfürsten, die Fürstin von 
Isenburg, die sich zum Besuche bei ihren Eltern 
befand, am 16. Juni nach Hanau ab *). Dabei 
wurde alles, was an Wertgegenständen in Kastei 
vorhanden war, schnell eingepackt und mitgenom 
men. Am Sonntag, dem 17. Juni 1866, nach 
mittags 5^3 Uhr, traf die Fürstin von Hanau 
unter dem fürchterlichsten Regen und Sturmwind 
Schloß Philippsruhe 
lichen Unantastbarkeit auf dem Schlöffe Wilhelms 
höhe mit nur wenigen seiner Offiziere zurück. Am 
13. Juni überreichte ihm der preußische Gesandte 
v. Röder ein Ultimatum. Der mutmaßliche Thron 
folger, Prinz Friedrich Wilhelm von Hessen, be 
mühte fich darum, daß der Hausbefitz und der 
Staatsschatz , um sie vor den Preußen zu retten, 
nach seinem Schlosse Rumpenheim gebracht werde. 
Der Kurfürst war aber damit nicht einverstanden. 
An demselben Morgen verfügte der Kurfürst die 
tatsächliche Mobilmachung seines Armeekorps und 
unterstellte es dem Thronfolger. Weil dieser eö 
aber unterließ, fich nach Übernahme des Kom 
mandos vorschriftsmäßig beim Kurfürsten abzumel 
den, wurde er schon an demselben Abend seiner 
in zwei mit Postpferden bespannten Vierspännern 
nebst Gefolge im Altstädter Schloß in Hanau ein. 
Es folgten vier mit schwerem Gepäck beladene, mit 
je vier Bauernpferden bespannte Wagen, die alle 
von Kassel über Fulda gefahren waren. Abends 
8 Uhr langte noch ein ebenfalls hoch beladener Ha 
nauer Omnibus von der Eisenbahn an. Alles 
wurde ohne Eskorte im Hanauer Schloß aufge 
stellt. Am nächsten Tage morgens gegen ^28 Uhr 
trafen abermals vier schwer bepackte Bauernwagen, 
ein Omnibus und eine Chaise über Fulda kommend, 
hier ein. Der Schloßkastellan Kaiser war von der i) * 
i) Sennei e: Hesfenland 1902 ©.252. Ziegler 
Chron. V 257 und 270.
	        

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