Full text: Hessenland (42.1931)

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rer Zeit. So wurde das Merk pinders nach dem 
Jahre J875, die Beschaffung der Gipsabgüsse, die irn 
Unterstocke der Bildergalerie stehen, als zeitbedingt ge 
würdigt, wenn wir auch bedauern, daß damals große 
Geldbeträge an eine Arbeit gehängt wurden, die doch 
nur Stückwerk gewesen ist und bleiben muß, während 
heute für andere Aufgaben das Geld ebenso fehlt, wie 
man es damals unrichtig anwandte. 
Redner gedachte dann der jüngeren Abteilungen des 
Landesmuseums, so jener mit jüdischer und mit kirch 
licher Kunst des Mittelalters. Diese Abteilung zumal 
war notwendig, da erst in unserem Jahrhundert das 
volle Verständnis für die Merte der mittelalterlichen 
Kunst aufging. Mas Redner in der Einleitung ge 
sagt hatte über das Bild einer Distel aus Straßburg 
von J360, das schloß sich hier mit der neuesten Ent 
wicklung des Museumsausbaues zum Ringe. 
In raschem Zuge besprach dann Professor Luthmer 
noch die im Merden stehende Sammlung architektoni 
scher Altertümer im Marstall, er gab nur der Befürch 
tung Ausdruck, daß sie infolge der Not der Zeit doch 
unvollendet bleiben müsse. Er ging dann noch einmal 
zum Naturalienmuseum über, besprach kurz die 
Städtische Galerie neuerer Kunst und das Tapeten 
museum, das, zwar oft belächelt, doch ein wichtiges 
Stück historischer, musealer Erkenntnis eröffne. Zuni 
Schluffe führte er noch in die in Vorbereitung stehende 
Sammlung des Kupferstichkabinetts im südlichen Tor 
gebäude des Milhelmshöher Tores, für die glücklicher 
weise noch Mittel beschafft werden konnten. Die Kupfer 
stiche bilden eine wertvolle Ergänzung der reichen Ge 
mäldesammlungen von Kassel. 
Reicher Beifall dankte Professor Luthmer und Lan 
desbibliotheksdirektor Dr. £7 0 p f, der schon einleitend 
an das Jubiläum der Landesbibliothek angeknüpft 
hatte, dankte nochmals für die so überaus reichhaltigen 
Darlegungen, mit denen in Verbindung mit den Mu 
seumsführungen erst das volle Verständnis für Kassels 
Kulturschätze erschlossen seien. Ib. 
Die zünftigen Handwerksgebräuche der deutschen 
Vergangenheit sind eine geradezu unerschöpfliche Fund 
grube für den Forscher. Dr. Rudolf hallo, der 
durch seine feinsinnigen Arbeiten zur Geschichte unserer 
heimischen Künstler und Handwerker schon so manchen 
Stein zugetragen, sprach an: Abend des 2. März im 
wissenschaftlichen Unterhaltungsabend des hessischen 
Geschichtsvereins über die große deutsche Zunft der 
Steinmetzen, namentlich seit dem [ 6 . Jahrhundert. — 
Die Geschichte der mittelalterlichen Bauhütten kam für 
ihn und seine Forschung hier nicht in Fraye. Die 
große deutsche Steinmetzenzunft konzentrierte sich wohl 
erst seit ^60 um den Vorort Straßburg, wo 
sich das oberste Hüttengericht befand. Die Zunft war 
vom Deutschen Kaiser mit besonderen Privilegien aus 
gestattet und ihre Vororte für die vier großen Grup 
pen waren Mien, Straßburg, Zürich und Köln. Das 
Hessenland stand, wie feine Nachbargebiete, direkt 
unter Straßburg. Als am Michaelistage \563 durch 
einen großen Tag zu Straßburg die Zunft erneuert 
wurde, erscheinen in den Unterschriften zwei hessische 
Namen: der Gesell Heinrich von Eassel und 
Martin Muß aus Hanau. Es war eine be 
sondere Eigenart der Steinmetzenzunft, daß in ihr auch 
die Gesellen vertreten waren. 
Die Bestätigung der Zunftbriefe erfolgte dann natur 
gemäß auch in den einzelnen Territorien: so haben wir 
die Bestätigungen der hessischen Landgrafen bis zu 
Friedrich Ich vorliegen; allerdings wurde feit dem 
Anfang des *8. Jahrhunderts des Vorortes Straßburg, 
der in französische Hände gefallen war, nicht mehr ge 
dacht. Man hat später gestritten, ob es richtig gewesen 
sei, die Ausschaltung des alten Vorortes aus dem 
Reiche damit anzuerkennen, der Streit ist aber müßig, 
denn es bestand ja auch keine praktische Möglichkeit der 
rechtlichen Einwirkung auf das Hüttengericht mehr. 
Eine bedeutende Rolle spielt unter Landgraf 
M i lh e l m ,IV. jenes Hüttengericht als oberste Kon- 
trollinstanz. Denn wenn der sehr energische Landgraf, 
dessen Bautäigkeit in Kassel und Hessen sehr groß war, 
mit seinen Steinmetzen einen Streit hatte, so drohte er 
ihnen nicht nur mit Maulschellen, sondern namentlich 
in schweren Fällen durch Anzeige und Verrufsantrag 
beim hüttengericht. Mit außerordentlicher Schnelligkeit 
wurden Nachrichten über solche Verrüfe in Deutschland 
verbreitet. Als in Köln einmal ein Streit über die 
Einordnung der Bildhauer in eine zünftige Ordnung 
auskam, bei dem sich die Maler und die Steinmetzen 
über die Einordnung der Bildhauer stritten, berief man 
sich auf den Vorgang von Kassel, wo auch die Bild 
hauer der Zunft der Steinmetzen eingegliedert worden 
waren. 
Das Zunftbuch der Kasseler Steinmetzen von J750, 
das bis in die Mitte des l9- Jahrhunderts geführt ist 
und die Steinmetzzeichen der aufgenommenen Mitglie 
der enthält, befindet sich im Besitz einer Kasseler Frei 
maurerloge, wie diese ja viel von den Geheimnissen 
der alten Bauhütten übernommen hatten. Das Buch 
ist Dr. hallo für seine Arbeit zur Verfügung gestellt 
worden. Die erste Eintragung in dem Buche betrifft 
den Steinmetzen Johannes Molff, dessen Narne 
unterm jo. April J750 erscheint. Ls ist der Stamm 
vater der bekannten Kasseler Architektenfamilie, nach 
der auch die Molffchlucht ihren Namen trägt. Redner 
hat ja über diese Familie vor einiger Zeit in der Zeit 
schrift „heffenland" gearbeitet. Andere bekannte Kas 
seler Namen, die uns aus dem Buche entgegentreten 
und über die teilweise auch genug Material vorliegt, 
um ihre Familiengeschichte zu behandeln, sind die Seid- 
ler, Malz, Barthold; ferner aus Mehlheiden die Löser 
und Umbach. 
Jm 1 , 9 - Jahrhundert werden die Nachrichten dürf 
tiger, die Erfindungsgabe der Meister hinsichtlich ihrer 
Steinmetzzeichen erlahmt und es werden mehr und 
inehr Monogramme oder Buchstaben eingeführt. J 850 
wird eine Zunft der Mauer und Steinmetzen geschaf 
fen, während bis dahin die letzteren auf die Maurer 
herabgesehen hatten. 
Eine rege Aussprache, an der sich namentlich Zoll 
direktor M 0 r i n g e r und Stadtbibliothekar Hei 
delbach beteiligten, schloß sich an. — Dann legten 
Privatmann Gustav Mentzel! und Rechtsanwalt 
Dr. D e l l e v i e einige Schriften aus ihrem Besitze vor, 
letzterer den Abschied des Kaufmanns Katzenstein aus 
der französischen Fremdenlegion, in der er J832/35 ge- 
dient hatte, also in den ersten Jahren der Truppe, die 
damals über 3000 Mann zählte. Der Sohn jenes 
Katzenstein führt heute noch, hochbetagt, das vom Va 
ter begründete Tapetengeschäft. 
hierauf erhielt der Volkswirt Bruno Jacob 
das Mort zu einem Referat über Münzstätten und 
Münzwesen im Mittelalter in Hessen. Er skizzierte zu 
nächst den Unterschied der starken und der dünnen 
Münzen und erinnerte daran, daß man im Mittelaller 
zumeist nur eine Münzgattung, den Pfennig gekannt, 
den Schilling und das Pfund aber nicht in Großmünze 
ausgeschlagen habe. Etwa zwei Jahrzehnte umspanne 
die Zeit, in der man Brakteaten in Hessen schlug, und 
zwar zunächst in den geistlichen Münzstätten zu Fulda
	        

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