Full text: Hessenland (42.1931)

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In der Frankfurter Zeitung hat dann Anfang 
1929 der vielbeachtete Meinungsaustausch zwischen 
den Innenministern Hessens und Preußens über 
die Neugliederung des Rhein-Main-Gebietes statt 
gefunden. 
In seinem Artikel 27 ) „Die Brücke zum Ein 
heitsstaat. Ein Vorschlag zur Reichsreform im 
Rhein-Main-Gebiet," hatte der hessische Innen 
minister L e u s ch n e r jene sechs Punkte formu 
liert, deren wesentlichster hier interessierender In 
halt besagt, daß sich das Land Hessen zum Reichs 
land erklären, dabei aber Anschluß an den preußi 
schen Verwaltungöapparat suchen solle für solche 
Aufgaben, für die noch keine reichseigene Verwal 
tung vorhanden sei. Das Land Preußen solle da 
für diejenigen Teile der bisherigen Provinz Hessen- 
Nassau, die unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten 
organisch zum Rhein-Main-Gebiet gehörten, aus 
gliedern, damit daraus unter Verschmelzung mit 
dem bisherigen Gebiet des Landes Hessen ein ein 
heitliches, in jeder Hinsicht leistungsfähiges Selbst 
verwaltungsgebiet geschaffen werde: Das neue 
Land Hessen. Die genaue Abgrenzung müßte nach 
der wirtschaftlichen Zusammengehörigkeit und or 
ganisatorischen Zweckmäßigkeit erfolgen. 
Im Gegensatz zur preußischen Verwaltung 
wäre das neue Land nach dem sehr viel klareren 
und einfacherern Schema der hessischen Staatö- 
organisation nur auf zwei Instanzen aufzubauen, 
sodaß im Grundriß der kommenden Reichöverwal- 
tung der allein zweckmäßige Drei-Instanzen-Zug: 
Kreis-Land-Reich bereits hier sichtbar würde. 
Im hessischen Landtage 28 ) kommentierte darauf 
Staatspräsident Adelung den Leuschnerschen 
Vorschlag und nahm seinerseits zur Frage der 
Reichsreform Stellung. Adelung führte an dieser 
Stelle aus, die Regierung werde mit dem Einver 
ständnis des Landtages auch weiterhin an den Vor 
arbeiten zu einer Reichsreform regen Anteil neh- 
noch heute von dem Wetterauischen (NordwetterauischeiD, 
obwohl Teile beider Gegenden zu dem Großgau „Wctterau" 
zählten. Aehnlich verhalte sich der Dialekt des fränkisch 
beeinflußten chattifchen Oberlahngaues zu dem des reinblei 
benden chattischen Hefsengaues. Aber schließlich träten diese 
kleineren Unterschiede zurück vor der großen Scheidung: hier 
hessischer (oberlahngauischer und hessengauischer) Dialekt, 
hier mainfränkischer (einschließlich wetterauischer) Dialekt. 
Diese Scheidung bestätigten auch die somatischen Verhältnisse 
und die Art der Bewohner, denn noch heute falle jedem, 
der vom Rhein und Untermain nach Hessen komme, das 
gegen die Art der Rhein- und Mainfranken sofort ab 
stechende, kurz angebundene und verschlossene Wesen der 
Hessen auf. 
27) Frankfurter Zeitung Nr. 46 vom 18. Januar 1929. 
28) Sitzung vom 72. März 1929 nach d. Frankfurter 
Zeitung vom 73. März 7929. 
men und dabei auf eine Lösung hinwirken, die zu 
einem einheitlichen, zweckmäßiger gegliederten und 
wahrhaft dezentralisierten Deutschland führe. 
„Ich möchte weiter — hieß eö dann — als fast 
einmütige Auffassung des Hauses hervorheben, daß 
ein Aufgehen Hessens in Preußen oder der Anschluß 
an ein irgendwie zentralistisch zusammengefaßtes 
Norddeutschland nicht in Frage kommt." Es werde 
für das hessische Gebiet nur eine solche Regelung in 
Betracht zu ziehen sein, die der Bevölkerung wei 
testgehende Selbstverwaltung und damit die Mog- 
lichkeit gäbe, diejenigen Aufgaben, die nicht zentral 
erledigt werden müssen, selbständig zu regeln und 
zu verwalten. 
Auf diesen Vorschlag antwortete der damalige 
preußische Innenminister Grzesinski in 
einem Artikel 2 ^): „Reichsreform im Rhein-Main- 
Gebiet. Antwort und Gegenvorschlag". Der 
Verfasser stellt mit Recht an den Anfang seiner 
Ausführungen die Frage: Ist ein Teilproblem 
überhaupt lösbar, ehe nicht wenigstens ein Pro 
gramm der Gesamtlösung vorliegt? Dann spricht 
er sich gegen eine Zwischenlösung aus, die unzwei 
felhaft ganz zu Lasten Preußens gehen würde, 
denn: „Einstweilen würde nur Preußen wesent 
liche Gebiete mit starker aufstrebender Bevölkerung 
und reichen Wirtschaftskräften aus seinem Staats- 
verband entlasten. Der Rest der Provinz Hesten- 
Nastau, wie groß oder klein er wäre, würde nicht 
mehr lebensfähig sein. Eö müßte also auch inner 
halb Preußens eine Umgliederung erfolgen, die 
nach Lage der Verhältnisse gerade im vorliegenden 
Falle besonders schwierig wäre und unbefriedigend 
bleiben würde." Aber diese Umgliederung würde in 
Preußen stecken bleiben müssen, denn es bestehe keine 
Aussicht, daß dann etwa die Gebiete anderer Län 
der so zur Abrundung preußischen Staats- und 
Wirtschaftsgebietes verwendet werden könnten, 
wie das mit Teilen der Provinz Hesten-Nastau 
für Hessen geschehen solle. Der Gegenvorschlag 
Grzesmökis besteht darin, daß das Land Hesten das 
Verlangen nach Uebernahme der Verwaltung aus 
eigenem Recht an Preußen stellen solle. Die Zu 
ständigkeit, insbesondere die Stärkung der Selbst 
verwaltung in dem gesamten Verwaltungsgebiet, 
in dem Hessen einen Bezirksverband bilven, und 
das im übrigen aus der Provinz Hesten-Nastau 
oder Teilen davon bestehen würde, könnte besonders 
geordnet werden und brauchte weder an das preu 
ßische noch an das hessische Muster gebunden zu 
sein. 
Zu dem Vorschlag von Leuschner schrieb die 
Frankfurter Zeitung in einem von Cdt. gezeich- 29 
29) Frankfurter Zeitung Nr. 207 v. 76. März 7929.
	        

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